Deutscher Gewerkschaftsbund

Wir leben Gemeinschaft - EVG-Bundesjugendsekretär Carsten Petri im Interview

Carsten Petri

© EGB-Jugend

EVG-Bundesjugendsekretär Carsten Petri.

Gewerkschaftsjugend: Die Bahn fährt mit vielen jungen Kolleg_innen in die Zukunft. EVG-Bundesjugendsekretär Carsten Petri über die Ziele und Arbeit der EVG-Jugend.

Carsten, die Tarifrunde bei der Deutschen Bahn AG konnte zum Abschluss gebracht werden. Sie betraf auch die jungen Beschäftigten. Wie genau war die EVG-Jugend an Verhandlungen und Ergebnis beteiligt?
Das war wirklich eine lange und anstrengende Einkommensrunde bei der DB AG und ihren Tochterunternehmen! In einzelnen Unternehmen laufen auch zurzeit noch Tarifverhandlungen. Die Ausbildungs- und Studienvergütungen bei der DB AG sind an die Entgeltgruppen der Facharbeiter gekoppelt, also erhalten die Nachwuchskräfte ebenfalls die prozentualen Erhöhungen aus der Tarifrunde.

Die Jugendlichen der EVG waren seit unserer Mitgliederbefragung im vergangenen Jahr von Beginn an in die Verhandlungen eingebunden. Jugendliche Funktionäre waren in den Tarifkommissionen der Unternehmen und der Zentralen Tarifkommission vertreten, und nahmen so direkt Einfluss auf die Verhandlungen.

Auch während der Aktionen und Veranstaltungen anlässlich der Tarifrunde waren die Jugendlichen der EVG mit dabei. Und zum Ende konnten wir einen Tarifabschluss erreichen, der sich sehen lassen kann. Der aktuelle Tarifabschluss enthält nicht nur monetäre Verbesserungen, sondern auch viele Vereinbarungen zur Weiterentwicklung des Entgeltsystems und der Funktionsgruppen.

Wie viele junge Leute organisiert ihr derzeit insgesamt?
Über 14.000 junge Kolleginnen und Kollegen unter 28 Jahren. Wir konnten die Beitrittszahlen der Nachwuchskräfte in den vergangen zwei Jahren stetig steigern. So sind im aktuellen ers¬ten Ausbildungsjahr drei von vier Nachwuchskräften auch Mitglieder in der EVG. Und bis zum nächsten Ausbildungsjahr werden es sicher noch einige mehr. Gerade unsere Nachwuchskräfte und jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer spielen eine tragende Rolle in unserer Mitgliedsstruktur. Inmitten des demografischen Wandels müssen wir uns zukunftsorientiert aufstellen. Sowohl bei unseren Mitgliedern als auch in unseren gewerkschaftlichen und betrieblichen Gremien.

Welche Probleme gibt es bei der Ausbildung, was macht den Auszubildenden am meisten Sorgen?
Ein riesiges Problem ist die Zentralisierung von Ausbildungsplätzen in Ballungsgebieten und die damit verbundenen Mietkosten. Leider hat sich die DB AG – als größter Ausbilder – in der Vergangenheit mit ihren Ausbildungsaktivitäten Stück für Stück aus der Fläche zurückgezogen. Dieser Trend setzt sich auch weiter fort.

Neben den eventuell anfallenden Umzugskosten zu Beginn der Ausbildung oder des dualen Studiums fallen natürlich auch hohe Miet- und Lebenshaltungskosten in Städten wie Frankfurt/Main, Hamburg, München oder Berlin an. Dies ist eine ziemliche finanzielle Belastung für unsere Nachwuchskräfte, die meist ohne Unterstützung der Familie nicht zu tragen wäre. Auch dual Studierende sind betroffen: In der Regel müssen sie zwei Wohnungen unterhalten, da die Hochschule und der betriebliche Einsatz in unterschiedlichen Städten stattfinden. Diese Schwierigkeiten haben wir in unseren Forderungen in unserem Nachwuchskräfte-Tarifvertrag aufgegriffen. Aber auch die Übernahmeregelung für Auszubildende und andere Themen der dual Studierenden stehen auf unserer Tagesordnung.

Wie steht es um die klassische dreijährige Ausbildung bei der Bahn? Wird sie durch das duale Studium langsam ersetzt?
Nicht so direkt. Zum einen: Der Einzug der zweijährigen Berufsausbildung war leider auch bei der Bahn nicht zu verhindern. Es darf nicht sein, dass Unternehmen vermehrt auf zweijährige Ausbildungsberufe oder Funktionsausbildung setzen, um somit vergangene fehlerhafte oder budgetgesteuerte Personalplanungen zu kaschieren. Dabei raubt man den Auszubildenden die Möglichkeit, sich intensiv mit ihren zukünftigen Berufen auseinanderzusetzen. Wir brauchen die dreijährige Ausbildung, denn wir müssen jungen Menschen qualitativ hochwertige Ausbildungen und einen zukunftsorientierten Einstieg in das Berufsleben anbieten können.

Zum anderen: Die Anzahl und das Angebot der dualen Studiengänge haben sich in den vergangenen Jahren erhöht. Mittlerweile stellt die DB AG jedes Jahr rund 350 Studienplätze zur Verfügung. Leider ist es auch eine traurige Tradition, dass die Bahn die angebotenen Studienplätze nicht vollständig besetzen kann. Auch in diesem Bereich konnten wir in der Vergangenheit eine Vielzahl an Verbesserungen für die dual Studierenden erreichen und konzerneinheitliche Regelungen zur Betreuung während des Studiums aushandeln. Und wir konnten die dual Studierenden wie gesagt in den Nachwuchskräfte-Tarifvertrag aufnehmen.

Der Nachwuchskräftetarifvertrag der Bahn ist sehr aufs Unternehmen abgestimmt – können andere Branchen von euch lernen, oder ist er zu speziell, weil ihr es als Gewerkschaft mit nur einem Konzern zu tun habt?
Die DB AG ist natürlich der größte Ausbilder in der Branche. Aber auch in vielen anderen Betrieben außerhalb der DB AG wird ausgebildet. Auch hier schließen wir Tarifverträge für die Nachwuchskräfte ab.

Aktuell befinden wir uns wieder in Verhandlungen. Der Auftakt verlief für uns und unsere Nachwuchskräfte enttäuschend. Die Bahn hat es leider verpasst, ein positives Zeichen für ihre Auszubildenden, dual Studierenden und Chance-Plus-Praktikanten zu setzen. Die Bahn scheint leider zu vergessen, dass dieser Tarifvertrag auch ihre Bewerbung auf die Nachwuchskräfte und späteren Fachkräfte ist. Doch wir werden nicht locker lassen.

Lernen voneinander ist innerhalb der Gewerkschaftsjugend natürlich vorteilhaft. Deswegen organisieren und engagieren wir uns nicht nur innerhalb unserer Betriebe oder der EVG, sondern auch im DGB oder in anderen Verbänden und Parteien. Die Inhalte der Tarifverträge dienen aber in erster Linie unseren Mitgliedern in den Betrieben.

 

EVG-Jugendtag

We love Gewerkschaft: Die EVG-Jugend. © EVG-Jugend

Die Bahn ist einer der größten Arbeitgeber in Deutschland, zerfällt aber in viele Einzelfirmen. Könnt ihr überhaupt den Überblick behalten?
Seit der Bahnreform im Jahr 1994 und der damit verbundenen Teilprivatisierung ist die Anzahl der einzelnen Unternehmen natürlich gestiegen. Bis heute wurden immer wieder Struktur- und Organisationsänderungen im DB-Konzern vorgenommen. Hinzu kommen natürlich auch noch die Eisenbahnunternehmen, die nicht dem Bund gehören – Transdev oder die Hessische Landesbahn. In den letzten Jahren wurden durch den Ausschreibungswettbewerb im Schienenpersonennahverkehr vermehrt Leistungen an nichtbundeseigene Eisenbahnunternehmen vergeben.

Der gewerkschaftliche Grundsatz der EVG lautet "Wir leben Gemeinschaft". Das bedeutet, wir setzen die Interessen unserer Mitglieder gegenüber den Arbeitgebern durch. Themen wie etwa die Sicherheit an und in den Zügen betreffen Kolleginnen und Kollegen bei allen Eisenbahnverkehrsunternehmen. Die Solidarität unserer Mitglieder ist eine unserer größten Stärken. Unsere tarif- und organisationspolitischen Erfolge in der Vergangenheit sind der beste Beweis dafür, dass eine allein berufsgruppenbezogene Tarif- oder Gewerkschaftspolitik die Interessen der gesamten Beschäftigten weder solidarisch noch angemessen berücksichtigen kann.

Wie verändert sich die Arbeitsstruktur bei der Bahn wird die Eisenbahn bald völlig automatisiert fahren?
Die Digitalisierung begleitet uns schon seit Jahren und Jahrzehnten. Die Arbeitsplätze und die Arbeitsbedingungen wandeln sich stetig. Dies betrifft natürlich auch die Bahn. DB-Vorstands¬chef Rüdiger Grube spricht bereits von der "größten Herausforderung seit der Bahnreform". Es ist schwer zu sagen, ob es in zwei, fünf oder zehn Jahren noch einen klassischen Fahrkartenverkauf geben wird, ob die Züge dann noch von Lokführern gefahren werden und wie die technischen Fortschritte sich auf die zukünftige Ausgestaltung der kaufmännischen Berufe auswirken werden. Aber nicht die Technik entscheidet über die Arbeit der Zukunft, sondern die Menschen.

Die EVG nimmt daher diese Herausforderung an. Wir sind bereit, auch sie im Sinne der Beschäftigten zu gestalten. Um unseren eigenen Ansatz zu kennzeichnen und von dem des Unternehmens zu unterscheiden, sprechen wir allerdings von "Arbeit 4.0".

Im Windschatten des GdL-Streiks wurde auch das Tarifeinheitsgesetz verabschiedet. Was hältst du davon?
Mit dem Gesetz soll künftig in einem Betrieb nur der Tarifvertrag der Gewerkschaft gelten, die die meisten Mitglieder organisiert. Zwei Punkte sind wesentlich: Was ist ein Betrieb und wie stellt man fest, welche Gewerkschaft mehr Mitglieder hat? Werden zukünftig Notare durch die Betriebe gehen und feststellen, welche Gewerkschaft die tariffähige ist? Das könnte bei mehr als 300 Tochterbetrieben des DB-Konzerns spannend werden und bedeuten, dass die Zugbegleiter aus Hamburg einen anderen Urlaubsanspruch oder Lohn erhalten wie die aus Berlin – obwohl sie im selben Unternehmen beschäftigt sind, aber eben nicht im selben Betrieb. Das spielt zum einen dem Arbeitgeber in die Hände und heizt zum anderen den "Häuserkampf" unter den Gewerkschaften an. Am Ende werden womöglich Arbeitsgerichte entscheiden, welche Gewerkschaft für welchen Betrieb Tarifverträge abschließen darf.

Wir treten für die Tarifeinheit ein. Wir wollen dieses Ziel aber gewerkschaftspolitisch erreichen und nicht durch gesetzliche Regelungen. Die EVG lehnt grundsätzlich alle Verschlechterungen im Streikrecht ab.

Fährt die EVG-Jugend eigentlich Auto?
Ich habe selber kein Auto und auch keinen Führerschein. Ich bin meistens mit den Öffentlichen unterwegs. Das macht in Frankfurt, wo wir unseren Sitz haben, auch Sinn. Ganz ohne Auto lässt sich aber auch die Arbeit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft nicht meistern. Wir haben jedoch keinen Fahrzeugpool oder Ähnliches, sondern greifen nach Bedarf auf Carsharing oder Mietwagenangebote zurück. Bevorzugt reisen unsere Kolleginnen und Kollegen mit Zügen zu unseren Veranstaltungen. Das liegt in unserer Branche nahe! Außerdem ist es meiner Meinung nach bequemer und je nach Strecke auch schneller.

Was willst du ganz persönlich mit deiner Arbeit erreichen?
Ich möchte natürlich möglichst viele junge Kolleginnen und Kollegen für die gewerkschaftliche (Jugend-)arbeit gewinnen. Es macht immer wieder Spaß, mit jugendlichen Mitgliedern und Funktionären zu diskutieren und Strategien und Positionen für die gewerkschaftliche Jugendarbeit zu entwickeln. Außerdem möchte ich Schritt für Schritt die Stellung unserer Jugendarbeit inner- und außerhalb unserer Gewerkschaft etablieren und ausbauen.


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Der Nachwuchskräfte-TV
Bereits vor über fünf Jahren hat die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) einen eigenen Tarifvertrag (TV) für die Nachwuchskräfte im Bahn-Konzern vereinbart. Er gilt in 37 Unternehmen. In Verhandlungen Ende 2013 konnte die EVG mit aktiver Unterstützung der EVG-Jugend deutliche Verbesserungen fordern und vereinbaren.

Darin festgehalten sind u. a.:

  • eine maximale wöchentliche Ausbildungszeit von 38 Stunden
  • die finanzielle Qualifizierungsunterstützung für Teilnehmer_innen an ausbildungs- und berufsvorbereitenden Maßnahmen
  • der Bildungsurlaubsanspruch
  • die Zahlung eines Lernmittelzuschusses für Auszubildende
  • die Übernahmeregelung für Auszubildende in ein Arbeitsverhältnis
  • eine Regelung über die Zahlung von tätigkeits- und zeitbezogenen Zulagen
  • NetzCard oder JobTicket für dual Studierende.



(aus der Soli aktuell 8-9/2015, Autorin: Soli aktuell)