Deutscher Gewerkschaftsbund

Stadt der Arbeit und Ausbildung: Berlin - Ein Kommentar von Christin Richter

Die DGB-Bezirksjugendsekretärin von Berlin-Brandenburg, Christin Richter, nimmt den Regierenden Bürgermeister beim Wort.

Christin Richter DGB-Bezirksjugendsekretärin

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DGB-Bezirksjugendsekretärin Christin Richter.

"Berlin muss eine Stadt der Arbeit werden", sagte Michael Müller (SPD), als er 2014 seine politische Agenda als Nachfolger von Klaus Wowereit erläuterte. Für die Gewerkschaftsjugend kann das Thema Arbeit allerdings nie ohne das Thema Ausbildung gedacht werden. Wenn wir uns aber die Ausbildungssituation in Berlin genauer anschauen, wird deutlich, dass Michael Müller noch sehr viel Arbeit vor sich hat.

Einerseits wird in Berlin zu wenig ausgebildet. So ging zum Ausbildungsbeginn 2014 rund jeder dritte Jugendliche bei der Ausbildungsplatzsuche leer aus. Und da sind die Jugendlichen in Übergangsmaßnahmen sowie unversorgte Altbewerber_innen noch gar nicht mit eingerechnet. Hinzu kommt, dass nur noch weniger als ein Fünftel aller Betriebe in Berlin überhaupt ausbildet. Damit ist Berlin bundesweites Schlusslicht.

Andererseits blieben in manchen Branchen, zum Beispiel im Hotel- und Gaststättengewerbe etliche Ausbildungsplätze unbesetzt. Hinzu kommt in Berlin eine erschreckend hohe Anzahl an Ausbildungsabbrüchen, wobei auch hier einzelne Branchen besonders hervorstechen.

Und nun? Um es kurz zu machen: Wir brauchen die Ausbildungsgarantie! Das heißt, einen gesetzlich garantierten Anspruch auf einen dualen Ausbildungsplatz für alle ausbildungsinteressierten Jugendlichen. Unterstützende Maßnahmen können eine Ausweitung der überbetrieblichen Verbundausbildung und tarifvertragliche Regelungen zur Steigerung des Ausbildungsplatzangebotes sein.

Daneben ist die Einführung einer Ausbildungsumlage für uns das zentrale Element zur Förderung einer stärkeren Ausbildungsbeteiligung der Betriebe und für eine gerechte Finanzierung der Ausbildung. Die Umlage soll so ausgestaltet sein, dass alle Betriebe zwei Prozent ihrer Bruttolohnsumme in einen Topf einzahlen. Wer nicht oder zu wenig ausbildet, unterstützt damit andere Betriebe bei ihrer Ausbildung. Dass eine regionale Umsetzung einer solchen Ausbildungsumlage rechtlich möglich ist, hat der DGB Nordrhein-Westfalen in einem Gutachten unlängst nachgewiesen.

Die Ursache für unbesetzte Ausbildungsplätze und Ausbildungsabbrüche ist nicht in einer mangelnden Ausbildungsreife der Jugendlichen zu suchen, wie die Industrie- und Handwerkskammer Berlin uns immer wieder weismachen will. Es geht um schlechte Ausbildungsbedingungen und eine mangelhafte Überwachung der Ausbildungsbedingungen.

Hier setzen wir an. Angesichts des Widerspruchs zwischen der Aufgabe der Kammern als politische Interessenvertretung der Unternehmen und dem ihnen gesetzlich zugewiesenen Kontrollauftrag sollte man darüber nachdenken, die Überwachung der Ausbildungsqualität und die Sanktion von Verstößen einer neutralen Instanz zu übergeben, die nicht von rein wirtschaftlichen Interessen geleitet ist. Ganz konkret ist aber die Stärkung der Berufsbildungsausschüsse in den Kammern sowie der gewerkschaftlichen Mitbestimmung in den Ausschüssen eines unserer zentralen Anliegen.

Daneben unterstützt der DGB das Konzept der Assistierten Ausbildung, bei dem externe Dienstleister gerade die kleinen Ausbildungsbetriebe bei der Organisation und Durchführung von Ausbildung begleiten und unterstützen.


(aus der Soli aktuell 8-9/2015, Autorin: Christin Richter)