Deutscher Gewerkschaftsbund

Für die Freude, für das Leben: Gedenkkultur

Gedenkkultur: Dürfen Jugendliche in einer KZ-Gedenkstätte gute Laune haben? fragt Jenny Zimmermann.

Im Frühjahr waren wir als Gewerkschaftsjugend in Buchenwald – auf einem intensiven Wochenendseminar. Wir haben uns mit der Geschichte des ehemaligen KZ auseinandergesetzt, waren an vielen Stellen, die wir vorher noch nie gesehen haben. Wir haben recherchiert, zu ganz unterschiedlichen Themen. Haben diskutiert. Und am Abend in der Jugendbegegnungsstätte – einer ehemaligen SS-Kaserne – gelacht.

Für mich war es nicht der erste Besuch in der Gedenkstätte Buchenwald, nicht der erste Rundgang, den ich gelaufen bin. Aber ich kann mich noch gut an meine erste Reise auf den Ettersberg erinnern. Es war windig, wie immer, und kalt. Die Stimmung war bedrückt, ich war schockiert und es flossen Tränen der Wut und der Trauer.

An diesem Wochenende war das nicht so. Bin ich abgestumpft?, hab ich mich gefragt. Ist das Thema schon so oft behandelt worden, dass ich gar nichts mehr empfinde? Muss ich eigentlich jedes Mal, wenn ich hier oben bin, in Tränen ausbrechen?

Nein! Und das ist für mich eine wichtige Erkenntnis. Mir tat es unwahrscheinlich gut, mit einer gewissen emotionalen Distanz das Thema "Buchenwald" neu zu erkunden. Ich musste mich nicht mit meinen eigenen intensiven Gefühlen auseinandersetzen und sie bewältigen, sondern konnte mit einer neu gewonnenen Sachlichkeit recherchieren und so das Ausmaß an Unmenschlichkeit besser erkennen.

Und dann dieses Gefühl in unserer Unterkunft und unserem Seminarort: Wo früher SS-Männer wohnten, schlafen und lernen wir heute. Statt Beklemmung fühlte ich Freude und Ausgeglichenheit. Dieses Gebäude, in dem einst Grausamkeit hauste, ist heute ein Ort der Begegnung junger Menschen – aus Polen, Frankreich, Tschechien, Deutschland… Was für ein Gewinn! Wie wunderbar, dass das heute genau so ist und nicht anders. Und zu Begegnung gehört Freude, Lachen. Auch in Buchenwald.

Am letzten Tag, bei einem Spaziergang zu den früheren Villen der SS-Offiziere, brannte sich ein Bild in mein Gedächtnis: Mitten zwischen den Buchen und den Ruinen stand eine Trauerweide. An ihren Zweigen hing ein Vogelhäuschen und Futter für die Tiere. Es herrschte ein buntes und reges Treiben, es zwitscherte und zirpte. An diesem Ort vereinte sich Trauer über Unmenschlichkeit und Opfer mit Zuversicht und Freude über bessere Tage. Selten hat ein Bild so eindrucksvoll widerspiegelt, was auch in mir vorgeht. Diese Trauer und diese Freude sind nun Bestandteil meiner antirassistischen Einstellung – dass diese faschistische Barbarei nie wieder sei!


Jenny Zimmermann ist IG Metall-Jugendsekretärin in Erfurt und Nordhausen.

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Die Fahrt nach Auschwitz
Anlässlich des 70. Jubiläums der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz geht die DGB-Jugend vom 17. bis 21. Juni 2015 im Bündnis mit anderen Jugendorganisationen auf Gedenkfahrt. Auschwitz war das größte Vernichtungslager der Nazis. Es liegt in der Verantwortung der heutigen Generationen, die Erinnerung daran wach zu halten.


(aus der Soli aktuell 6/2015, Autorin: Jenny Zimmermann)