Deutscher Gewerkschaftsbund

Wir wollen gestalten: Michael Schmitzer von der Jungen IG Metall im Interview

Michael Schmitzer

© IG Metall

Gewerkschaftsjugend I: Wir sind noch viel zu wenig auf die Zukunft vorbereitet, sagt Michael Schmitzer. In der Soli aktuell erläutert der Ressortleiter der Jungen IG Metall die Agenda seiner Organisation.

Hallo Michael, gerade ist eure Jugendkonferenz durch. Ihr habt in den letzten Jahren sehr viele neue Mitglieder gewinnen können und erfolgreiche Kampagnen gefahren. Dennoch: Die IG Metall organisiert viele Berufe, hat es da Kontroversen gegeben?
Wir haben eine ausgesprochen gute 22. Jugendkonferenz erlebt. Die vor allem geprägt war von Ausgleich und Solidarität. Natürlich haben wir kontrovers diskutiert, zum Beispiel über Details einer Forderung nach überproportionaler Erhöhung der Ausbildungsvergütungen. Die Delegierten haben sich aber immer darum bemüht, Lösungsvorschläge zu formulieren und diese dann auch zur Abstimmung gebracht. Zum Beispiel haben wir uns entschlossen, die grundlegenden Rahmenbedingungen von Arbeit zu diskutieren. Arbeitszeit, Bezahlung und Voraussetzungen – alle Teile von Guter Arbeit müssen natürlich mit Blick auf die voranschreitende Digitalisierung klar definiert werden.

Grundlegend ist sicher auch, dass die Zahl der Azubis in Deutschland ganz rapide zurückgeht. Nun können sich die Gewerkschaften keine Ausbildungsplätze schaffen, aber wie reagiert ihr auf diesen Trend?
Es ist für uns nicht nachvollziehbar, warum laufend von einem Fachkräftemangel gesprochen wird, aber immer noch eine große Zahl von Jugendlichen keine Perspektive auf Ausbildung erhält. Gleichzeitig prognostiziert das Bundesarbeitsministerium einen steigenden Bedarf an Hochqualifizierten. Eigentlich müss¬ten zurzeit alle Beteiligten enorme Anstrengungen für mehr und bessere Ausbildung unternehmen. Unsere "Revolution Bildung" setzt genau da an. Betrieblich machen wir auch Druck, aber wir hören noch zu oft, die Jugendlichen seien nicht ausbildungsfähig. Unsere Position dazu ist klar: Im Berufsbildungsgesetz steht, dass der Ausbildende dafür verantwortlich ist, dass der Azubi die Ausbildung besteht. Es steht da nicht, dass ein Auszubildender schon alles mitbringen muss. Das heißt: Jeder Jugendliche ist ausbildungsfähig. Die Frage ist nur, ob die Ausbildungsbetriebe nicht in Wirklichkeit billige Arbeitskräfte suchen. Dann muss man allerdings feststellen, dass die Betriebe nicht ausbildungsfähig sind. Die Aktiven in den Betrieben kämpfen natürlich um jeden Ausbildungsplatz, aber letztlich liegt es nicht in unserer Hand.

Wie ist das Standing der IG Metall an den Hochschulen – wir kommt ihr bei den Studierenden an?
Wo wir präsent sind, bekommen wir viel Zuspruch – unsere Serviceangebote haben eine große Nachfrage. Wir werden bei den Studierenden immer besser akzeptiert, und die Bereitschaft, in die Gewerkschaft einzutreten, steigt stark an.

Die "Revolution Bildung"-Kampagne wollt ihr weiterführen…
Das ist nicht nur eine Kampagne, sondern auch Ausdruck eines Lebensgefühls. Wir – die so genannte Generation Y – sind mit einer grundsätzlichen Ungewissheit und hohem individuellen Leistungsdruck aufgewachsen. Viele sehen das sehr kritisch, am besten konnte man das bei den Protesten gegen das Turbo-Abitur sehen. Aber auch in vielen anderen Bereichen gibt es eine grundsätzlich kritische Einstellung gegenüber der Bildungspolitik. Wir wollen unseren Gestaltungsanspruch einfordern. In zwei Feldern werden wir unsere Aktivitäten jetzt konzentrieren: Wir haben die Aufgabe, die neuen tarifvertraglichen Regelungen zur Bildungsteilzeit in den Betrieben mit Leben zu füllen. Daneben wollen wir unsere Forderungen an ein besseres Berufsbildungsgesetz umsetzen. Natürlich müssen wir auch daran arbeiten, weitere Jugendliche für die IG Metall zu begeis¬tern. Deshalb werden wir die "Revolution Bildung" Ende des Jahres überprüfen und über eine Verlängerung entscheiden.

Kann die "Generation Y" etwas mit Gewerkschaften anfangen?
Jede Generation kann etwas mit Gemeinschaft anfangen. Schon in der Steinzeit haben sich die Jäger zusammengetan, um ein Mammut zu erlegen! Nichts anderes tun wir: Wir sind eine große Gemeinschaft, die für Verbesserungen streitet. Unsere Mammutaufgabe ist nur eben nicht die Jagd, sondern das sichere Navigieren durch eine Welt der Unsicherheiten und schnellen Veränderungen. Der "Generation Y" wird nachgesagt, dass sie vor allem aus Egotaktikern besteht. Aber alle wissen doch, dass eine optimale Entfaltung des Ich nur innerhalb sicherer Rahmenbedingungen möglich ist. Und diese Sicherheit gibt uns eben eine Gemeinschaft wie die IG Metall.

Welche Trends müsst ihr auf jeden Fall beobachten?
Die Digitalisierung der Arbeitswelt, neue Formen von Arbeit – derzeit spitzen sich eine Menge Trends zu. Ich glaube, dass die Politik und auch die Gesellschaft insgesamt noch viel zu wenig darauf vorbereitet ist, welche technologischen Sprünge unser Leben in den nächsten Jahren beeinflussen werden. Bei Stromtrassen kann man sich natürlich noch dagegen wehren, dass die durch den eigenen Garten gehen. Wenn aber das gesamte Leben einem solchen radikalen Wandel ausgesetzt ist, kann man sich nicht mehr entziehen. Das schürt Ängste – und die Politik hat eigentlich die Aufgabe, zu handeln und diese Unsicherheiten zu kanalisieren.

Ein Ausblick: Was sind die Zielsetzungen für die nächsten Jahre?
In Bewegung bleiben! Verschiedene Studien haben uns bestätigt, dass wir unsere Aktivitäten deutlich ausbauen müssen, um uns weiterzuentwickeln, um stärker zu werden. Gleichzeitig sehe ich bei unseren Aktiven sehr viel kreatives Potenzial, viele gute, wichtige Ideen. Mein Ziel ist es, dies zu unterstützen und zu fördern. Wie so oft gilt auch hier: Der Weg ist das Ziel. Dann haben wir die Chance, für echte Bildungsgerechtigkeit zu sorgen.


(aus der Soli aktuell 6/2015, Autorin: Soli aktuell)