Deutscher Gewerkschaftsbund

Geschichte ist Teil der Zukunft

Imogen Wilkins

© Simone M. Neumann

Wir halten die Erinnerung wach. Von Imogen Wilkins

Seit der Befreiung von Auschwitz sind nun 70 Jahre vergangen. Zum Zeitpunkt meiner Geburt waren es schon über 50 Jahre, und heute können mir selbst meine Großeltern vom Nationalsozialismus nur Erinnerungen aus dem Kleinkindalter erzählen. 70 Jahre, so könnte man meinen, schaffen Distanz. Und gewissermaßen ist es tatsächlich so. Im Alltagsleben ist die Shoah sehr weit weg.

Aber gleichzeitig, nach dem Gesehenen und den Gesprächen der letzten Tage, ist die Shoah gar nicht fern. Der industrielle Massenmord an Millionen von Menschen ist plötzlich erschreckend nah und vorstellbar als Geschichte, die unfassbar scheint, aber die Wahrheit ist. Eine Vorstellung, die in mir, wenn ich mich ihr wirklich stelle, großes Entsetzen auslöst.

Die deutsche Vergangenheit lässt sich durch uns nicht bewältigen. Das zu fordern, wäre ein großer Fehler. Niemals wird es einen Punkt geben, an dem das, was unsere Urgroßeltern und Großeltern taten, durch das Handeln der heutigen Generation "wieder gutgemacht" ist. Niemals einen Punkt, an dem es so weit ist, die Geschichtsbücher zuzuschlagen und einen "Schlussstrich" zu ziehen. Es ist an uns, an die Vergangenheit zu erinnern, uns mit ihr auseinanderzusetzen und nicht zuzulassen, dass sie ferner rückt. Im Sommer wollen wir, das Bündnis "Dass Auschwitz nie wieder sei", Jugendlichen die Möglichkeit geben, dies durch den Besuch dieses Ortes und im Austausch miteinander zu tun.

Über das Erinnern hinaus bringt die Vergangenheit eine Verantwortung für die Gegenwart mit sich, für unser alltägliches Handeln und unsere politische Praxis. Denn menschenverachtende Ideologien wie Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus verschwanden nach 1945 nicht plötzlich, wir sehen und hören sie noch heute. Mal ungehemmt zur Schau getragen wie bei rechten Aufmärschen, aber oft auch inmitten der Gesellschaft. Unser Auftrag ist, diese Kontinuitäten zu erkennen, aufzuzeigen und gegen sie vorzugehen.

Wir möchten hin zu einer Welt, in der kein Platz für menschenverachtende Ideologien ist. Eine Welt, in der Menschen nicht fürchten müssen, aufgrund ihrer Religion, Herkunft oder Sexualität ausgegrenzt oder verfolgt zu werden.

Der Dichter Paul Celan schrieb:

Fadensonnen
über der grauschwarzen Ödnis.
Ein baum-
hoher Gedanke greift sich den Lichtton: es sind noch Lieder zu singen jenseits
der Menschen.

Wir haben neue Lieder zu singen und Gedanken zu denken. Gleichzeitig bleibt die Geschichte immer Teil der Gegenwart und wird Teil der Zukunft sein.


Imogen Wilkins (mit DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller) ist 17 Jahre und wohnt in Berlin. Sie ist Bundessprecherin der linksjugend ['solid], die Teil des von der DGB-Jugend initiierten Jugendbündnisses ist. Diese Rede hielt sie im Januar 2015 in Auschwitz anlässlich des Gedenkens an die Befreiung der Gefangenen des Konzentrationslagers durch die Streitkräfte der Sowjetunion vor 70 Jahren.


(aus der Soli aktuell 5/2015, Autorin: Imogen Wilkins)