Deutscher Gewerkschaftsbund

Der Studi-Berg - ein Hochplateau: Interview mit GEW-Vize Andreas Keller

Bologna-Prozess: Soli aktuell sprach mit Andreas ­Keller, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Bildungsgewerkschaft GEW, über den europaweiten Umbau der Hochschulen.

Kollege Andreas, würdest du heute noch mal studieren?
Ja!

Aber an der Uni soll es nicht so schön sein. Der Grund: Wir leben seit 15 Jahren mit dem Umbau der Hochschulen, der einst in Bologna von den europäischen Bildungsministern beschlossen wurde. Was hat das eigentlich gebracht?
Bologna hat Licht- und Schattenseiten. Teilweise verbessert hat sich etwa die Durchlässigkeit: Man kann grundsätzlich mit einem Fachhochschul-Bachelor-Abschluss an eine Universität gehen. Auf der anderen Seite gibt es große Hürden beim Übergang vom Bachelor zum Master, weil Studienplätze fehlen. Das ist vor allem dann ein Problem, wenn der Bachelor gar nicht berufsqualifizierend ist, wie zum Beispiel im Lehramtsstudium.

"Lehrer" ist ein schönes Stichwort: Deine GEW-Kollegen gingen auf die Straße oder streikten. Hat das was damit zu tun?
Ja, auch. In immer mehr Bundesländern werden alle Lehrerinnen und Lehrer auf Master-Niveau ausbildet, egal in welcher Schulart oder Schulstufe sie unterrichten. Aber Grundschullehrerinnen werden immer noch schlechter bezahlt als ihre Kollegen an Gymnasien. Gleiches Geld für gleiche Arbeit – auch dafür haben viele Lehrkräfte gestreikt.

Wie ist es denn in der Wirtschaft ausgegangen?
Viele große Unternehmen tun sich nicht so schwer mit den neuen Hochschulabschlüssen wie noch vor Jahren. Bei den kleineren ist der Bachelor häufig noch ein Fremdwort. Nun werden Bachelor-Absolventinnen und Absolventen zwar vielfach eingestellt, aber mit schlechten Aufstiegsperspektiven. Der Master öffnet da doch mehr Türen.

Trotzdem boomt das Studium wie nie. Es gibt krasse Numerus-Clausus-Regelungen, bei der Studienplatzvergabe wird kräftig gesiebt.
Wir haben einen Studienplatzmangel, und der muss schleunigst behoben werden. Es gibt eben keinen Studierendenberg, sondern ein Hochplateau. Das heißt, die Studienanfängerzahlen gehen nicht zurück, sondern bleiben auf hohem Niveau stabil. Und das aus gutem Grund: In der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts wird eine Hochschulausbildung immer wichtiger. Bund und Länder müssen daher die Hochschulen weiter ausbauen.

Haben die Gewerkschaften in Europa gemeinsame Interessen in Bezug aufs Studium? Wie klappt die Zusammenarbeit mit den europäischen Kollegen?
Wir arbeiten in der Bildungsinternationale zusammen, dem weltweiten Dachverband der Bildungsgewerkschaften. Da diskutieren wir gemeinsam Strategien: Wie kann man Hochschulen sozial gestalten, wie kann man das Recht auf Bildung durchsetzen und wie die Beschäftigungsbedingungen verbessern? Wir setzen uns für die weltweite Gebührenfreiheit des Hochschulstudiums ein, aber auch für eine wirksame Ausbildungsförderung und gute Studienbedingungen.

Kaum hat sich Europa bildungspolitisch vereinheitlicht, drohen auch schon transatlantische Freihandelsabkommen. Hat das auf die Bildung einen Einfluss?
Sowohl das TTIP mit den USA als auch CETA mit Kanada sind keine reinen Freihandelsabkommen, sondern auch Investitionsschutzabkommen. Es besteht die Gefahr, dass auch Bildung als Ware verstanden und der Logik dieser Abmachungen unterworfen wird. Das könnte bedeuten, dass US-amerikanische Investoren Privatschulen in Deutschland gründen und dann gegen Qualitätsstandards oder Tarifverträge vorgehen, sie können als "Handelshemmnisse" angegriffen werden. Bildung ist aber keine Ware und hat in TTIP und CETA nichts verloren.

Mit deiner Perspektive als Bildungsexperte der GEW: Was müssen die Jugendorganisationen der Gewerkschaften, was muss die DGB-Jugend tun, um sich für bessere Studien- und Arbeitsbedingungen an Hochschulen einzusetzen?
Die Gewerkschaften machen sich gemeinsam für gute Bildung für alle stark. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wissen, dass gute Bildung und gute Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in den Bildungseinrichtungen zwei Seiten einer Medaille sind. Das ist die Grundlage für ein Aktionsbündnis von Azubis, Schülerinnen und Schülern, Studierenden, aber auch von Lehrkräften, Dozentinnen und Dozenten. Gemeinsam müssen wir an einem Strang ziehen – DGB und DGB-Jugend, die Gewerkschaften mit ihren Jugendorganisationen. Das ist in allen Bildungseinrichtungen möglich. Lange Zeit hieß es: An den Hochschulen kriegen die Gewerkschaften keinen Fuß auf den Boden. Aber genau dort hat die GEW mit dem "Templiner Manifest" eine Bewegung der Hochschulbeschäftigten für gute Arbeit organisiert. Du kannst gute Argumente haben. Aber wenn die Beschäftigten nicht selbst aktiv werden, nützen die nichts.

Wie sieht es in zehn Jahren aus?
Dann haben wir hoffentlich eine offene Hochschule. An der alle studieren können, die möchten – und die Ziele erreichen, die sie sich setzen. Eine demokratische Hochschule, in der Studierende und Hochschulbeschäftigte auf Augenhöhe beteiligt werden.

Was nimmst du mit zur Bologna-Konferenz nach Jerewan?
Soziale Dimension, Durchlässigkeit, gute Arbeitsbedingungen der Hochschul-Beschäftigten – diese bisher vernachlässigten Ziele der Bologna-Reformen müssen endlich mal abgearbeitet werden. Dafür werde ich mich bei den europäischen Bildungsministerinnen und -ministern einsetzen.

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15 Jahre Bologna – Bilanz und Perspektiven
15 Jahre nach dem Start des Bologna-Prozesses, der einen einheitlichen europäischen Bildungsraum schaffen sollte, ist es Zeit, Bilanz zu ziehen: Wie wurden die Reformen in Deutschland umgesetzt, welche Impulse konnten die Gewerkschaften setzen, welche Folgen hatten die Reformen für die Studien- und Arbeitsbedingungen an Hochschulen und wie soll sich die europäische Hochschullandschaft zukünftig aufstellen? Diese und weitere Fragen wurden auf dem Bologna-Symposium diskutiert, zu dem die DGB-Jugend und der DGB am 12. und 13. März 2015 nach Berlin eingeladen hatten. Die Veranstaltung stand unter dem Motto "Hochschule und Studium in Europa: Bilanz und Perspektiven". Sie sollte auch dazu dienen, im Vorfeld der nächsten europäischen Bologna-Konferenz der Bildungsminister_innen, die im Mai 2015 in der armenischen Hauptstadt Jerewan stattfinden wird, gewerkschaftliche Positionen zu schärfen.


(aus der Soli aktuell 4/2015, Autorin: Soli aktuell)


(geändert am 16. April 2015)