Deutscher Gewerkschaftsbund

Ein Treffen mit der Geschichte: Wir treffen Hans Böcklers Urahn

"Ein Erlebnis": Böckler-Stipendiat Ismail Cebe über Tim Fürbach, den Nachfahren des DGB-Gründers und Stiftungs­paten Hans Böckler.

Plätze und Straßen in fast jeder größeren Stadt in Deutschland tragen den Namen des Politikers und Gewerkschaftsfunktionärs Hans Böckler. Wenn wir als Stipen­diat_in­nen der Hans-Böckler-Stiftung einen Menschen begutachten sollten, war es immer ein Running Gag, zu sagen: "Wollen wir den erst mal fragen, wer Hans Böckler war?"

Man sollte also den Namen zumindest gegoogelt haben, wenn man zum Talk bei der Böckler-Stiftung erscheint. Abgesehen davon hat Böckler einen der interessantesten Lebensläufe, die man sich vorstellen kann. Sein Leben – eine Geschichte von Krieg, Widerstand und der Neugründung der Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg. 1949 gelingt ihm mit der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes in München, unserem DGB, endlich die Überwindung der gewerkschaftlichen Zersplitterung seit der Weimarer Zeit.

Das alles ist Grund genug, um sich Zeit zu nehmen – für ein Treffen mit Tim Fürbach, 30 Jahre alt, dem Ururenkel von Hans Böckler. Denn der befindet sich in unseren Reihen, und aus meiner Arbeit als Jugendbildungsreferent kenne ich ihn gut.

Tim ist ein Erlebnis! Auch wenn es zeitlich natürlich nicht möglich ist – wenn er über den Urahn spricht, habe ich das Gefühl, dass dieser junge Mann als kleines Kind alle Geschichten vom berühmten Vorfahren persönlich erzählt bekommen hat: Das Attentat auf Hitler, an dem Hans Böckler über seine Kontakte zur Widerstandsgruppe um Wilhelm Leuschner indirekt beteiligt war – die Nazis stellen das Haus auf den Kopf, um Beweise für eine Mittäterschaft zu finden… Die Postkarten mit verschlüsselten Botschaften, überall in der Wohnung liegen sie herum…! – Tim erzählt, als sei er dabei gewesen.

Kein Wunder, dass Tim schon lange in der Mitbestimmung aktiv ist. Bei seinem Arbeitgeber, der Siemens AG in Mülheim an der Ruhr, war er vier Jahre im Betriebsrat, davon zwei im Jugendausschuss.

Der Siemens-Betriebsrat hat in den letzten Jahren auch familienfreundliche Arbeit geleistet, Tim als junger Vater genießt dadurch einige Vorteile – so hat die Firma sogar eine eigene Kita, die "SieKids Energiezwerge".

Die Arbeit des Gremiums und des Unternehmens stellt sich als harmonisches Geben und Nehmen dar – noch. In vielen anderen Branchen ist es schon schwieriger. "Gewerkschaftsarbeit hat sich gewandelt", sagt Tim. Früher als selbstverständlich hingenommen, werden Menschen heute nur noch aktiv, wenn es auch wirklich nötig erscheint. Das heißt: Man kümmert sich erst um seine Interessen, wenn es vielleicht zu spät ist. Der Einfluss der Gewerkschaften ist noch da, aber mit der Mitgliederentwicklung sieht es nicht immer rosig aus. "Da ist sicher der demografische Faktor zu nennen", findet Tim.

Aber es gibt auch Positives. "Wir schaffen es jedes Jahr, um die 95 Prozent der neuen Azubis an uns zu binden. Das Seminarheft ist umfangreich gestaltet und umfasst Programme zur persönlichen und gesellschaftlichen Stärkung, für ein friedliches Miteinander. Gewerkschaft muss flexibel bleiben. Man muss wieder Mut zeigen und bereit sein für Neues." Junge Menschen brächten neue Strukturen in unsere Gewerkschaftsarbeit, der wir mit Offenheit entgegen kommen sollten. Der Aktionstag zur "Revolution Bildung" 2014 in Köln sei eines der bes­ten Beispiele dafür gewesen. Und so wirkt die Geschichte in der Gegenwart: Für Bildung als Schlüssel zur Verbesserung der Lebenschancen – dafür steht der Name Hans Böckler auch heute noch.


Ismail Cebe ist DGB-Jugendbildungsreferent der Region Mülheim (Ruhr) – Essen – Oberhausen.

(aus der Soli aktuell 4/2015, Autorin: Soli aktuell)