Deutscher Gewerkschaftsbund

Überstunden? Sind nicht normal!

Soli aktuell-Autor Tobias Abt geht zur Berufsschultour.

Früher Morgen in Köln-Deutz – Gruppenarbeit in der Berufsschulklasse. Auf den ersten Blick könnte man meinen, in dieser Klasse von Mechaniker_innen im ersten Ausbildungsjahr hier finde die übliche Stoffvermittlung bzw. -verwertung statt.

Doch heute ist es anders. Statt Fertigungsprozessen, Automatisierungstechnik & Wirtschaftslehre stehen heute "Rechte und Pflichten während der Ausbildung", "Innerbetriebliches Mitbestimmungsrecht" und "Vom Interessenkonflikt zum Tarifvertrag" auf dem Stundenplan. Auch die Lehrerin ist heute anders drauf. Statt wie üblich vor der Klasse zu stehen, hat sie sich beiseite gesetzt – und schaut jetzt schmunzelnd zu, wie ihre Schüler_innen sich per Arbeitsgruppe einen fairen Tarifvertrag erarbeiten. Zwei junge Leute von der DGB-Jugend unterstützen sie dabei.

Gewerkschaftsjugend in der Berufsschule? Klar! Das Ergebnis: Eine gut gelaunte Klasse, die im Planspiel ihre Zukunft mitgestaltet. Und – freundliches Lachen, kollegiales Austauschen – Spaß dabei hat.

Bei der alljährlichen Berufsschultour der DGB-Jugend sehen Azubis wie Lehrkräfte Jahr für Jahr, dass Schulstoff nicht alles ist. Für mehrere Tage schlägt die DGB-Jugend ihren Infostand auf dem Pausenhof auf, parallel geben extra geschulte Zweier-Teams in den Klassen gewerkschaftlichen Input. Hunderte von Teamer_innen sind so jedes Jahr für die Mitbestimmung unterwegs.

Der Infostand besteht aus zwei Pavillons: Der eine dient als kostenloser Kaffeeausschank und Auslage für Broschüren. Hier steht Jariv Schönberg, seines Zeichens Jugendsekretär der IG Metall, im Gespräch mit Azubis über ihre Arbeitszeiten vertieft.

Am anderen Pavillon steht Judith Gövert und spielt mit einer Gruppe neugieriger Berufsschüler_innen Glücksrad. "Ich stelle Fragen rund um das Thema Arbeitsrecht und Politik. Bei der richtigen Antwort gibt's eine Belohnung. Im Spiel werden wichtige Aspekte der politischen Grundbildung vermittelt", erklärt die Jugendbildungsreferentin der DGB-Region Köln-Bonn.

In der Kaffee-Ecke empört sich Azubi Klaus: "Wie jetzt? Ich dachte, Überstunden sind in der Ausbildung normal?!" – Nee, stimmt doch gar nicht, Klaus, verbessern ihn die Mitschüler_innen. Schönberg übernimmt den Rest – erklärt, dass er nicht zu Überstunden verpflichtet werden darf. Die Broschüre "Deine Rechte während der Ausbildung" wechselt den Besitzer. Die nimmt Klaus jetzt mit. Schönberg rät: "Such mal das Gespräch mit deinem Ausbilder." Ist abgemacht!

"Für die Berufsschultour der DGB-Jugend arbeiten junge Gewerkschafter aus den Mitgliedsgewerkschaften zusammen und ziehen mit Spaß und Begeisterung an einem Strang", sagt Gövert. "Egal ob IG Metall- oder ver.di-Jugend, junge NGG oder GEW: Alle haben sich zum Ziel gesetzt, Azubis für ihre berufliche Zukunft besser zu rüsten." Die Klassenzimmer-Teamer Svenja und Tobi sind mittlerweile bei der Berufsschulklasse mit auszubildenden Feinwerkmechaniker_innen aktiv. Die Hälfte wühlt auf dem Boden herum und stellt sich zu Fragen wie "Wo und wann schreibst du dein Berichtsheft?" auf. In der Mitte der "Positionierungsstrahl": Auf der einen Seite die große Minuskarte für die, bei denen die Antwort "Zu Hause, während meiner Freizeit" heißt. Die andere Seite ist mit einem Plus markiert, hier tummeln sich zum Glück die meisten der Klasse, denn bei ihnen heißt die Antwort "Während der Arbeitszeit in einem dafür vorgesehenen Raum in der Firma". Da staunt die Minusseite nicht schlecht. Gut, dass es Aufklärung gibt! Tja, das nächste Mal doch besser in die Ausbildungsbroschüre gucken. Die gibt's ja hier nicht umsonst umsonst.

Aber die DGB-Jugend will auch was. Die Kolleg_innen Feinmechaniker-Azubis muss noch den "Dr. Azubi-Fragebogen" ausfüllen – anonym. "Aus den Antworten machen wir den alljährlichen Ausbildungsreport", sagt Svenja. "Bei der Auswertung können dann die übelsten Missstände nach Branchen erkannt werden." So wird die Berufsschultour zum politischen Sprachrohr.

Prima Sache, meint auch die Lehrerin: "Unsere Schüler erarbeiten sich selbst einen Überblick über die Mitbestimmung." So wird die Betriebsdemokratie zum Lehrstoff.

Fazit: Die Azubis nehmen das Angebot an. Viele haben überhaupt das erste Mal Kontakt mit Gewerkschaften. Und den meisten ist gar nicht richtig bewusst, dass die Organisationsfreiheit in Gewerkschaften ein Grundrecht darstellt. Die Schüler_innen sind ziemlich baff, wenn man ihnen die besagte Stelle im Grundgesetz zeigt. Das Interesse aber ist geweckt: "Ich geh jetzt noch mal an euren Hofstand…", heißt's zum Abschied.


Alles zur Berufsschultour auf http://jugend.dgb.de/-/iBr


(aus der Soli aktuell 3/2015, Autor: Tobias Abt)


Das ist die Berufsschultour
Von DGB-Jugend-Referentin Mirjam Blumenthal

Die Berufsschultour der DGB-Jugend ist bundesweit unterwegs. Jedes Jahr besuchen wir tausende Schüler_innen im Unterricht. Wir wollen Auszubildende stärken und ihnen Mut machen, Mut zur Teilhabe. Sie sollen die eigenen Rechte kennen, wissen, was Tarifverträge sind, verstehen, wie Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren. Wir sind auf dem Schulhof präsent, ansprechbar für Auszubildende und Lehrkräfte. Wir informieren, beraten, diskutieren – und bieten Hintergrundmaterial zu allen erdenklichen Themen. Wir machen Gewerkschaft erlebbar. Das heißt auch: politische Bildung betreiben und Zusammenhänge erklären – kurz: Horizonte erweitern.


Mirjam Blumenthal ist für die bundesweite Organisation der Berufsschultour verantwortlich.