Deutscher Gewerkschaftsbund

Konkurrenz droht: Azubis mit Abitur

Jeder vierte Azubi hat Abitur oder Fachabitur. Die duale Berufsausbildung ist für Studienberechtigte nach wie vor attraktiv – aber ihr Interessenspektrum ist recht begrenzt.

Ein steigender Anteil der jungen Menschen erwirbt heute eine Studienberechtigung und entscheidet sich anschließend für ein Studium. Analysen des Bundesins¬tituts für Berufsbildung (BIBB) zeigen aber auch einen Anstieg der Zahl der Studienberechtigten unter den Auszubildenden mit neu abgeschlossenem Ausbildungsvertrag. Ihr Anteil ist demnach von 20 Prozent im Jahr 2009 auf 25 Prozent im Jahr 2013 gestiegen. So hatte jeder vierte Azubi mit neuem Ausbildungsvertrag Abitur oder Fachabitur. Im Jahr 2013 waren dies mehr als 130.000 junge Erwachsene.

Diese Entwicklung ist zum Teil auch auf die doppelten Abiturjahrgänge sowie den insgesamt in den letzten Jahren zu beobachtenden Trend zu höheren Schulabschlüssen zurückzuführen. Denn im gleichen Zeitraum hat auch der Anteil der Schulabgänger_innen mit Studienberechtigung im Vergleich zur Zahl aller Schulabgänger_innen von 31 Prozent im Jahr 2009 auf 36 Prozent im Jahr 2013 zugenommen.

Auffällig ist, dass sich die Berufswünsche der jungen Erwachsenen mit Hochschulreife auf wenige Ausbildungsberufe konzentrieren: Nahezu die Hälfte (46 Prozent) aller studienberechtigten Auszubildenden mit einem neu abgeschlossenen Ausbildungsvertrag wählte 2013 einen von lediglich zehn Berufen, obwohl im dualen Berufsbildungssystem 328 Ausbildungsberufe zur Verfügung stehen. Die Top-10-Berufe der Studienberechtigten sind alle im Dienstleistungsbereich angesiedelt: Industriekaufmann/-frau, Bankkaufmann/-frau, Kaufmann/-frau im Groß- und Außenhandel, Fachinformatiker_in, Bürokaufmann/-frau, Kaufmann/-frau im Einzelhandel, Steuerfachangestellte/-r, Kaufmann/-frau für Bürokommunikation, für Versicherungen und Finanzen sowie für Spedition und Logistikdienstleistung.

Für BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser ist die Analyse ein Beleg dafür, "dass die duale Berufsausbildung auch weiterhin bei Abiturienten hoch im Kurs steht". Nachdenklich müsse jedoch das enge Berufswahlspektrum stimmen. "Das mit Blick auf den demografischen Wandel dringend erforderliche Werben der Ausbildungsbetriebe um Studienberechtigte und Studienaussteiger darf letztendlich nicht dazu führen, dass sich diese jungen Erwachsenen in den wenigen von ihnen bevorzugten Berufen künftig noch mehr Konkurrenz machen", betont Esser.

Auch DGB und Gewerkschaften sehen diesen Trend kritisch. "Es drohen immer mehr Jugendliche, die maximal einen Mittelschulabschluss haben, abgehängt zu werden", sagt Björn Wortmann vom DGB Unterfranken. Für viele blieben Ausbildungswege versperrt. »Das können wir uns in der Debatte um Fachkräftesicherung und Zukunftsperspektiven für Jugendliche nicht leisten.«


Infos: www.bibb.de/datenreport


(aus der Soli aktuell 12/2015, Autorin: Soli aktuell)