Deutscher Gewerkschaftsbund

Pragmatisch mit Unbehagen: Ergebnisse der 17. Shell-Jugendstudie

Die Jugend wünscht sich ein hohes Einkommen und gute Aufstiegsmöglichkeiten. Politisches Engagement beweist sie am liebsten bei Online-Petitionen. Ergebnisse der 17. Shell-Jugendstudie.

Positiv in die Zukunft
"Die junge Generation befindet sich im Aufbruch. Sie ist anspruchsvoll, will mitgestalten und neue Horizonte erschließen", sagt Mathias Albert. Wie schon im Jahr 2010 hat der Forscher aus Bielefeld die repräsentative Shell-Studie mit Tausenden von 12- bis 25-Jährigen durchgeführt. Seit 1953 stellt die Studie im Mehrjahresrhythmus fest, wie die Jugend tickt. Im Ok¬tober kam nun die diesjährige Fassung raus.

Aufbruch klingt schön. Die Frage ist: Wohin? Denn insgesamt schauen junge Menschen zwar eher positiv in die Zukunft. Aber längst nicht alle, zum Beispiel die aus eher sozial schwachen Schichten, die die Schule ohne Schulabschluss verlassen mussten. Sie haben deutlich schlechtere Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden und danach eine geregelte Erwerbstätigkeit aufzunehmen.

Aber auch in der ach so zuversichtlichen Upper Class, die viel Wert auf gute Noten legt, schlägt sich das Unbehagen nieder, wenn auch indirekt: Insgesamt wünschen sich dort derzeit nur noch 64 Prozent der Jugendlichen Kinder. 2010 waren es noch 69 Prozent.

Institutionen beliebt
Minus beim Kinderwunsch, aber Plus beim politischen Engagement: 41 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich heute als politisch interessiert (2002: 30 Prozent). Häufige Aktivitäten sind der Boykott von Waren aus politischen Gründen und das Unterzeichnen von Petitionen. Jeder Vierte hat bereits an einer Demonstration teilgenommen, und zehn Prozent sind in einer Bürgerinitiative aktiv. Ansonsten geht der Trend ziemlich modern zum One-Click-Engagement: Online-Petitionen sind beliebter als Unterschriftenlisten.

Die Parteien sollten sich darüber aber nicht zu früh freuen: Jugendliche bringen ihnen wenig Vertrauen entgegen. Wem dann? Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen haben einen Schlag bei der Jugend. Und wie sieht es mit uns aus? Die Gewerkschaften rangieren in der oberen Mitte: Man schätzt ihre parteiunabhängige Kompetenz, was den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt betrifft. Ganz oben stehen dann aber: Polizei und Gerichte.

Arbeit: Entspanntes Verhältnis zu Überstunden
Beim Thema Arbeit stellen Albert und Co. fest: Auch 25 Jahre nach der deutschen Einheit müssen Jugendliche aus den östlichen Bundesländern häufiger erkennen, dass ihnen für ihren Wunschberuf der Schulabschluss fehlt (27 Prozent, im Vergleich zu 21 Prozent im Westen). Zugleich sind sie auch seltener sicher, dass sie ihre eigenen beruflichen Wünsche verwirklichen werden (65 Prozent, im Vergleich zu 75 Prozent im Westen). Von einer Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West wollen die Shell-Forscher folglich nicht reden.

Bei den Erwartungen an die Berufstätigkeit dominiert das Bedürfnis nach Sicherheit: Einen sicheren Arbeitsplatz halten 95 Prozent der Jugendlichen für sehr wichtig. Darüber hinaus lassen sich die Erwartungen der Jugendlichen in zwei Felder zusammenfassen: Nutzen und Erfüllung. Bei der Nutzenorientierung stehen ein hohes Einkommen und gute Aufstiegsmöglichkeiten im Vordergrund. Aber auch genügend Raum für Freizeit neben der Berufstätigkeit spielt hier eine Rolle – vor allem Jugendliche aus den östlichen Bundesländern betonen diesen Aspekt.

Beim Thema "Erfüllung" steht die Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns im Erwerbsleben im Fokus. Zentrale Aspekte sind hier das Gefühl, etwas zu leisten, die Möglichkeit, sich um andere zu kümmern bzw. etwas zu tun, was man für sinnvoll hält. Eine Berufstätigkeit soll möglichst die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben gewährleisten, die Planbarkeit der Berufstätigkeit und die Karriereorientierung. Schön formuliert: "Weniger als die Hälfte der Jugendlichen (47 Prozent) erachtet Überstunden als etwas, das dazugehört, wenn man etwas werden will."

Work-Life-Balance erwünscht
Das Gegenteil ist gefragt: Die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben umfasst die Möglichkeit einer kurzfristigen Anpassung der Arbeitszeit an die eigenen Bedürfnisse sowie den Wechsel auf Teilzeit, sobald Kinder da sind. Die Planbarkeit der Berufstätigkeit bezieht sich auf die alltägliche Dimension des Erwerbslebens – genauer: eine geregelte Arbeitszeit mit klar festgelegtem Beginn und Ende.

Die Arbeitgeber müssten ihre Anstrengungen um Jugendliche deutlich intensivieren, sagte Jugendstudien-Co-Autor Klaus Hurrelmann auf Nachfrage von DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller anlässlich der Vorstellung der Studie in Berlin. Denn diese Generation wisse sehr genau, was sie wolle. Weil sie sehr gut qualifiziert sei – mit Ausnahme derer, die wie erwähnt von vornherein keine Chance auf gute Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen hätten.

Thema Migration
Zum Top-Thema der Zeit – Migration – gibt’s auch Zahlen: Die Zuwanderung beschäftigt junge Menschen in Deutschland sehr. 48 Prozent der Jugendlichen haben Angst vor Ausländerfeindlichkeit (2010: 40 Prozent). 29 Prozent der Jugendlichen fürchten sich vor der Zuwanderung selbst – mit starkem Ost-West-Gefälle: Während nur 35 Prozent der Jugendlichen aus den westlichen Ländern eine Verringerung der Zuwanderung nach Deutschland wünschen, sind es in den östlichen Ländern mit Berlin immerhin schon 49 Prozent.


Mathias Albert, Klaus Hurrelmann u.a.: 17. Shell-Jugendstudie 2015, Fischer, Frankfurt/M. 2015, 447 S., 20 Euro


(aus der Soli aktuell 11/2015, Autorin: Soli aktuell)