Deutscher Gewerkschaftsbund

Wir machen einiges richtig: Michael Porschen von der IG BCE im Interview

Gewerkschaftsjugend: Aktuelle Politik und Diskussionen mit dem Arbeitgeber – IG BCE-Bundesjugendsekretär Michael Porschen erläutert die Jugendarbeit in seiner Branche.

Michael Porschen

© IG BCE

Michael, ihr habt euch auf Twitter an der Aktion #mundaufmachen beteiligt…
Was aktuell passiert, ist unerträglich! Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, unser Jugendforum mit dem Thema "Gedenken und Erinnern" in den aktuellen Kontext zu setzen. Unser Bundesjugendausschuss hat mehrere Aktionen zum Thema Flüchtlinge organisiert, eine davon war die Fotobeteiligung bei #mundaufmachen. Darum geht es uns auch: Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie hilfesuchende Menschen aus Krisenregionen bei uns auf Ablehnung und Ausgrenzung stoßen. Das Wichtigste ist, nicht einfach nur darüber zu reden, sondern den Menschen direkt zu helfen. Dafür braucht es Verbesserungen bei den politischen Rahmenbedingungen; aber viel wichtiger ist es, die Bevölkerung zu sensibilisieren und sie durch Aufklärung davor zu bewahren, rechten Parolen zu verfallen.

Werden die Arbeitgeber das Thema für eine neuerliche Konkurrenz um Arbeit und Ausbildung nutzen?
Bisher haben wir für unsere Bereiche noch keine Tendenzen, die darauf Rückschlüsse ziehen lassen würden. Wir versuchen, die Arbeitgeber unserer Bereiche davon zu überzeugen, mit uns gemeinsam Wege zu finden, um Flüchtlinge auch durch Ausbildung und Arbeit in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Eure Branche gilt ja als recht wohlhabend. Gibt es dort dennoch Probleme?
Grundsätzlich brauchen die Betriebe Fachkräfte. Das führt in vielen Bereichen zum Umdenken, sodass wir davon ausgehen, dass sich die Quote der unbefristeten Übernahmen weiter erhöht. Das werden wir im Dezember sehen, wenn der tariflich geregelte Runde Tisch mit den Arbeitgebern zusammenkommt, um die Ausbildungs- und Übernahmezahlen abzugleichen. Andererseits gibt es in der chemischen Industrie den tarifvertraglichen Grundsatz: Ausbildung geht vor Übernahme. Solange die Unternehmen mehr Ausbildungsplätze anbieten als sie brauchen, werden auch nicht automatisch alle unbefristet übernommen.

Wird die traditionelle Ausbildung durch das Studium verdrängt?
Bis vor wenigen Jahren hätte ich das mit Ja beantwortet, weil der Anteil an angebotenen Plätzen für Dualstudierende stärker gestiegen ist als das Angebot insgesamt. Mittlerweile hat sich das aber relativiert: In vielen Unternehmen hat man festgestellt, dass der Hype um das duale Studium nicht immer der richtige ist. Viele Arbeitgeber haben keine Stellen für die gut ausgebildeten Fachkräfte in ihrem Betrieb geschaffen und wissen deshalb jetzt schlicht nicht, wie sie diese Fachkräfte nach dem Studium richtig einsetzen sollen.

Wie viele Mitglieder seid ihr bei der IG BCE-Jugend? Seid ihr erfolgreich mit eurer Arbeit?
Wir sind rund 70.000 Jugendliche unter 27 Jahren. Mit 69 Prozent Neuanfängerüberzeugung haben wir im letzten Ausbildungsjahr einen Rekord verzeichnet. Wenn einem jedes Jahr mehr als zwei von drei Auszubildenden einen Auftrag erteilen, machen wir einiges richtig. Darüber hinaus schaffen wir es auch, diesen Rückhalt in Tarifrunden zu nutzen. Unsere jungen Kolleginnen und Kollegen gehen gestärkt in die Tarifrunden und kommen auch mit guten Ergebnissen wieder raus. Wir können zufrieden sein mit dem, was wir tun.

Was willst du ganz persönlich mit deiner Arbeit erreichen?
Ich will mit unserer IG BCE-Jugend Gestalter von Arbeits- und Lebensbedingungen von jungen Menschen sein.

Gibst du dem DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann manchmal Tipps in Sachen Jugend – ihr seid ja in der gleichen Gewerkschaft…!?
Das brauche ich gar nicht, er hat die Jugendarbeit bei uns von der Pike auf gelernt. Und so, wie er sich über all die Jahre mit der Jugend beschäftigt hat, weiß er ganz genau, wie wir drauf sind und was wir brauchen.


(aus der Soli aktuell 11/2015, Autorin: Soli aktuell)