Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildung besser machen

Die Ergebnisse des Ausbildungsreports der DGB-Jugend zeigen: Wir brauchen dringend Reformen in der beruflichen Bildung.

Fast 40 Prozent (38,1) der Auszubildenden leisten regelmäßig Überstunden, und zwar im Schnitt 4,3 Stunden je Woche. Über 15 Prozent bekommen dafür keinen Ausgleich, obwohl dies vorgeschrieben ist. Knapp ein Drittel aller Auszubildenden (31,1 Prozent) wird nicht regelmäßig von seinen Ausbilder_innen betreut: So lauten die unerfreulichen Ergebnisse des DGB-Ausbildungsreports, den die DGB-Jugend am 2. September 2015 in Berlin nun schon im zehnten Jahr in Folge vorstellen konnte.

Wie immer stammen die Daten von ausgewiesenen Expert_innen der Berufsbildung: den Azubis selbst. An der repräsentativen Befragung haben sich diesmal 18.627 Auszubildende aus den laut Bundesinstitut für Berufsbildung 25 häufigsten Ausbildungsberufen beteiligt.

Die eingangs zitierte Überstundenrechnung ist dabei schon Standard. Dieses Jahr erscheint der Report aber auch unter besonderer Berücksichtigung der Azubis mit Migrationshintergrund – ebenfalls mit wenig positiven Zahlen: Gut 27 Prozent der befragten Jugendlichen haben migrantische Wurzeln. Aber nur knapp 15 Prozent von ihnen zählen zu den angehenden Bankkaufleuten oder Mechatroniker_innen. Überdurchschnittlich stark vertreten sind sie dagegen in jenen Berufen, die bei der Bewertung der Ausbildungsqualität tendenziell schlechter abschneiden: 50 Prozent der künftigen Zahnmedizinischen Angestellten und 40 Prozent der Friseur_innen haben einen Migrationshintergrund.

Außerdem finden die jungen Migrant_innen viel seltener ihre Wunschausbildung. Und knapp ein Viertel (22,4 Prozent) von ihnen wurde aufgrund von Herkunft oder Staatsangehörigkeit in der Ausbildung schon einmal benachteiligt. "Ein absolut unakzeptabler Zustand", findet DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller. Und fordert: "Wir brauchen in den Betrieben eine bessere Antidiskriminierungspolitik."

Insgesamt sind die meisten Befragten (71,5 Prozent) zwar mit ihrer Ausbildung zufrieden – aber es gibt erhebliche Unterschiede bei den Berufen: Mechatroniker_innen, Industriekaufleute und Zerspanungsmechaniker_innen fühlen sich überdurchschnittlich wohl, unverändert große Mängel gibt es im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Einzelhandel, Lebensmittelhandwerk und bei Zahnmedizinischen Fachangestellten. "Kein Wunder, dass dort viele Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben", sagt Haggenmiller: "Mittlerweile wird jeder vierte Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst, bei den Köchen sogar jeder zweite."

Dass viele Hauptschüler_innen dennoch leer ausgehen, bemängelt die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack: "Es ist nicht akzeptabel, dass allein im vergangenen Jahr über 256.000 ausbildungsinteressierte Jugendliche keinen betrieblichen Ausbildungsplatz bekommen haben und nun in Warteschleifen feststecken. Viele Hauptschüler bekommen gar keine Chance mehr, weil die meisten Ausbildungsplätze von vornherein für Realschüler oder Abiturienten ausgeschrieben werden."

Mit der Allianz für Aus- und Weiterbildung seien aber nun ausbildungsbegleitende Hilfen und das neue Instrument der Assistierten Ausbildung gesetzlich verankert. Hannack: "Diese Angebote müssen jetzt genutzt werden. Sowohl die Ausbildungssuchenden als auch die Betriebe können davon profitieren."

Verbesserung tut auch andernorts not: Wie letztes Jahr beleuchtet der Report die Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen. Bei den männlich dominierten Ausbildungsberufen liegt der Anteil der Männer im Beruf bei über 80 Prozent und bei den weiblich dominierten Berufen liegt der Anteil der Frauen bei über 80 Prozent. In vielen Bereichen gibt es nach wie vor erhebliche Unterschiede: Bei 21,2 Prozent der weiblich dominierten Ausbildungsberufe liegt die wöchentliche Ausbildungszeit über 40 Stunden, bei den männlich dominierten sind es "nur" 14,2 Prozent. Und während in den weiblich dominierten Berufen durchschnittlich 667 Euro gezahlt wurden, waren es in den männlich dominierten Berufen im Schnitt 107 Euro mehr.

Fazit: Ausbildung kann man auf jeden Fall besser machen.


Den Ausbildungsreport und weitere Materialien gibt's auf http://jugend.dgb.de/-/pDu

 

Ausbildungsreport 2015

  • 44,3 Prozent der Azubis wissen kurz vor dem Abschluss nicht, ob sie übernommen werden.
  • 38,1 Prozent müssen regelmäßig Überstunden machen.
  • 32,9 Prozent der Auszubildenden haben keinen betrieblichen Ausbildungsplan.
  • 13,8 Prozent der Auszubildenden mit Migrationshintergrund empfanden es als "schwer" oder "sehr schwer", den jetzigen Ausbildungsplatz zu finden.
  • 12,6 Prozent der Azubis unter 18 Jahren müssen in der Woche mehr als 40 Stunden arbeiten.
  • 11,2 Prozent sehen ihren Ausbilder "selten" oder "nie".
  • 10,2 Prozent üben "häufig" oder "immer" ausbildungsfremde Tätigkeiten aus.



(aus der Soli aktuell 10/2015, Autorin: Soli aktuell)



Das fordert die DGB-Jugend
Von DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller

Kurz und knapp: Ob nun teure Schulfachbücher oder betriebliche Ausbildungsmittel – alle Ausbildungsmittel müssen vollständig durch die Betriebe finanziert werden.

Die Berufsbildungsausschüsse in den Kammern müssen mehr Kompetenzen erhalten, damit sie als Qualitätssicherungsorgane in der Berufsbildung funktionieren.

Die Ausbilder_innen in den Betrieben müssen nach einheitlichen berufspädagogischen Standards arbeiten. Dazu brauchen wir eine modernisierte Ausbildereignungsverordnung. Auch notwendig: der Rechtsanspruch auf einen betrieblichen Ausbildungsplan, der die Inhalte der Ausbildung zeitlich und sachlich klar und eindeutig gliedert. Ausbildungsfremde Tätigkeiten können so künftig vermieden werden. Den Ausbilder_innen muss qua Gesetz Zeit eingeräumt werden, um gemeinsam mit den Azubis im Betrieb den Ausbildungsnachweis zu führen.

Und: Berufsschulzeiten müssen vollständig auf die Ausbildungszeit angerechnet werden, auch bei volljährigen Auszubildenden. Es ist ein Skandal, dass in der Praxis viele Betriebe diese gesetzliche Regelungslücke ausnutzen und somit Auszubildende deutlich über 40 Stunden in der Woche schuften lassen.