Deutscher Gewerkschaftsbund

Professuren: Bildung ist Oberklasse

Eine Uni-Professur kann sich meist nur die bessere Gesellschaft leisten, hat die Sozialforscherin Christina Möller herausgefunden.

Enger Jobmarkt
Der Zugang zu universitärer Bildung ist in Deutschland recht beschränkt – vor allem, wenn man aus ärmeren Schichten kommt.

Da liegt es auf der Hand, dass auch der Hintergrund der Lehrenden eher ein materiell bessergestellter ist. Nur jeder neunte Universitätsprofessor hat einen Arbeiter, kleinen Angestellten oder einfachen Beamten als Vater, hat Christina Möller in ihrer Arbeit "Wie offen ist die Universitätsprofessur für soziale Aufsteigerinnen und Aufsteiger?" herausgefunden. Mehr als ein Drittel ist dagegen in einem Haushalt leitender Angestellter, Beamter oder Freiberufler mit gutem Einkommen aufgewachsen.

Die Paderborner Sozialforscherin Möller hat mit Förderung der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) rund 1.300 Uni-Professor_innen in Nordrhein-Westfalen zu ihrem sozialen Hintergrund befragt, wie das HBS-Magazin "Böckler-Impuls" berichtet. Und die Ergebnisse zu Erwerbstätigen- und Studierendenstatistiken in Beziehung gesetzt. Denn erst so wird deutlich, wie wenig die akademische Elite die soziale Schichtung des Landes repräsentiert.

Öffnung brachte nichts
Bis Mitte der achtziger Jahre hatte die Hälfte der männlichen Erwerbstätigen den Status von Arbeitern. Die leitenden Angestellten, höheren Beamten und größeren Unternehmer – deren Kinder viel häufiger Professoren wurden – stellten nur wenige Hundertstel der Berufstätigen. Zwar hätten nach dem Ausbau der Hochschulen in den siebziger Jahren mehr Arbeiterkinder studieren können, doch einen Lehrstuhl zu erreichen, sei fast unmöglich gewesen.

Einen nach der Klassifikation von Bildungsstatistiken niedrigen sozialen Status hatten 1963 etwa zehn Prozent der Studierenden, 1976 aber immerhin 18 Prozent. Dies habe sich in der Folgezeit jedoch nicht in der Besetzung von Lehrstühlen niedergeschlagen, so Möller: In den achtziger Jahren begonnene Professuren hatten zu zwölf Prozent einen Background in der unteren Schicht, die in den Neunzigern gestarteten auch – und im nächsten Jahrzehnt sank der Anteil wieder auf zehn Prozent.

Soziale Berufswahl
Möller hat auch herausgefunden, welche Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und Fachgebiet sowie Art der Professur bestehen. Ingenieur_innen, Natur- und Geisteswissenschaftler_innen kommen demnach etwas häufiger aus Elternhäusern mit niedrigem oder mittlerem Sozialstatus als andere. Profes¬sor_in¬nen für Jura oder Medizin rekrutieren sich dagegen zu 80 bzw. 72 Prozent aus den beiden höchsten Gruppen. Der Fachbegriff lautet: "Beharrliche soziale Exklusionsmuster". Wo sich gesellschaftliche Macht in besonderem Maße konzentriert, weisen die Disziplinen eine höhere soziale Selektivität auf.

Dazu passt verrückterweise die Juniorprofessur – laut Möller sozial besonders exklusiv. Sie scheine "für Personen privilegierter sozialer Herkunft leichter erreichbar zu sein, da diese nicht nur insgesamt häufiger, sondern auch schneller Karrierepositionen erreichen als Personen unterer Gesellschaftsschichten".

Dieser Befund sei besonders problematisch – weil die Juniorprofessur den langwierigen Weg über die Habilitation in Zukunft ersetzen soll. Dann sei langfristig "von einer noch verschärften sozialen Schließung der Universitätsprofessur" auszugehen.


Christina Möller: Wie offen ist die Universitätsprofessur für soziale Aufsteigerinnen und Aufsteiger? Der Aufsatz im Internet: http://tinyurl.com/Professur


(aus der Soli 8-9/14, Autor: Soli aktuell)