Deutscher Gewerkschaftsbund

Marlen Schröder: Die Politik ist gefragt

Marlen Schröder hat sich als Organizerin für ver.di um den Online-Versandhandel gekümmert. Als neue DGB-Bezirksjugendsekretärin in Sachsen kann sie ihre Arbeit auf anderer Ebene fortführen.

In Erfurt hat der Online-Schuhhändler Zalando ein riesengroßes Logistikzentrum. Da hast du am Werkstor gestanden…
Wir haben die Leute dort angesprochen und geschaut, wie es denen im Betrieb geht. Sie berichteten von permanenter Überwachung, Laufstrecken von 25 Kilometern pro Tag und großem Leistungsdruck. Teamleiter stellen sich vor die Toilette und stoppen die Zeit. Wer da zu lang draufsitzt, wird lautstark an seine Arbeitszeiten erinnert. Man darf sich nicht ausruhen, nicht reden. Die Bezahlung liegt knapp über Mindestlohnniveau.

Was habt ihr daraus abgeleitet?
Der Online-Handel gefährdet auch den Einzelhandel, zumal wenn er Tarifverträgen folgt. Wenn die Arbeitsbedingungen hier so schlecht sind und so die Preise gedrückt werden, müssen ganze Geschäftszweige schließen. Das sind gravierende volkswirtschaftliche Auswirkungen. Deswegen – und natürlich wegen des Leidensdrucks der Beschäftigten – setzt ver.di hier einen Schwerpunkt.

Die Online-Zentren stehen meist in strukturschwachen Regionen…
Diese Orte werden gezielt ausgesucht. Bei Zalando arbeiten vornehmlich junge Menschen, das Durchschnittsalter beträgt 29 Jahre, über 90 Prozent sind befristet beschäftigt. Wer nach der Ausbildung keinen Arbeitsplatz findet, wird per Anweisung vom Arbeitsamt dorthin beordert. Auf die Tour wurden in Erfurt jede Woche 30 bis 40 Kollegen neu eingestellt – und dieselbe Anzahl rausgesetzt. Innerhalb eines Jahres wurde die Belegschaft einmal komplett ausgetauscht. Es folgten Vorwürfe und der Rausschmiss: Nimm deine Sachen. Der Standortleiter sagte mir, dass einige Langzeitarbeitslose wohl ihre gute Kinderstube vergessen hätten. Er sehe es als seine Aufgabe an, "ihnen unter die Arme zu greifen" – der Mann ist Mitte 30.

Ihr habt die Vorgänge öffentlich gemacht.
Ja, in Zusammenarbeit mit Caro Lobig vom Team Wallraff, einer jungen Journalistin, die undercover im Betrieb war und Kontakt zu uns aufgenommen hatte. Sie war selbst angebrüllt und schikaniert worden. Die Organisierung lief damit sehr gut, es war ja quasi jemand im Betrieb, der nicht so viel Angst hatte, den Job zu verlieren. Dann folgten Fernsehbeiträge auf RTL. Mit der Öffentlichkeit kam Bewegung in die Sache. ver.di fordert nun die Entfristung der Beschäftigten um endlich demokratisch gewählte Betriebsräte etablieren zu können.

Nun bist du beim DGB. Inwiefern setzt du deine frühere Arbeit fort?
Natürlich sind Verbesserungen im Betrieb möglich. Aber letzten Endes ist hier die Politik gefragt. Mit den Befristungsschleifen muss Schluss sein. Unternehmer können Gesetze ganz legal zu ihren Gunsten ausschöpfen bis zum Geht-nicht-mehr. Da müssen Begrenzungen her. Deshalb bin ich zum DGB gegangen, um auf der politischen Ebene wirken zu können.

Was ist dein wichtigstes Projekt?
Ich sehe es als meine Aufgabe an, die acht Mitgliedsgewerkschaften in der DGB-Jugend näher zusammenzubringen. Wie beim Organizing heißt es auch hier: Alles steht und fällt mit den Menschen. Unsere Organisation lebt davon, dass die Leute sagen: Das ist eine gute Sache, ich beteilige mich an euren Aktionen. Ich versuche, die Leute davon zu überzeugen, dass sich politisch nur etwas ändern kann, wenn sie für ihre Rechte einstehen. Die Gewerkschaftsbewegung ist ein ganz wichtiges Element, um den Lebensstandard für junge Menschen nachhaltig zu verbessern.


(aus der Soli 8-9/14, Autor: Soli aktuell)