Deutscher Gewerkschaftsbund

Schule in Spanien: Es ist zum Auswandern

Claudia Vãzquez ist Schülervertreterin in Madrid. Sie und ihre Klassenkamerad_innen werden dem Land wohl bald den Rücken kehren.

Claudia, wie sieht die spanische Schülerin, kurz vorm Abschluss, in die Zukunft?
Das größte Problem für uns ist, dass es nach der Schule keine Jobs gibt. Viele von uns müssen das Land verlassen. Auch die Schüler haben kapiert, dass sie hier nicht weiterkommen. Wir sitzen jetzt schon mit über 40 Leuten in der Klasse. Die Lehrer, es gibt viel zu wenige, sind am Ende, die Gebäude marode.

Was macht ihr dagegen?
Ich arbeite im Rat unserer Schule, dort diskutieren wir kleine und große Probleme mit Lehrern, Eltern und dem Direktor. Da geht's um Kleinkram – wie zu wenig Stühle oder dass mal die Wand gestrichen werden muss. Das Geld ist oft knapp. Und wenn welches da ist, landet es mit Sicherheit nicht in der Schule. Ausbildung in Spanien ist ein Riesenproblem. Dann gibt es die Universität, aber die kostet um die tausend Euro Gebühr pro Jahr. Bücher und Lebenshaltungskosten kommen obendrauf. Eine eigene Wohnung gibt's für die wenigsten.

Wollen alle Schüler ins Ausland?
Naja, wollen… In Spanien sagt man, in Deutschland ist alles besser, da gibt es Arbeit. Berlin ist eine tolle Stadt. Ich werde wohl auch dorthin gehen.

Würdest du lieber in Spanien bleiben?
Ja. Und ich finde es traurig, dass die jungen Leute alle wegmüssen. Ich mag Madrid. Am liebsten würde ich dort die ersten Jahre studieren, aber die Wahl habe ich wohl nicht.

Vor einiger Zeit gab es dort noch Dauerproteste. Was ist aus ihnen geworden?
Es gibt viele Versammlungen, wo über die Probleme im Viertel geredet wird. Das Hauptärgernis sind die Wohnungsräumungen – weil die Leute infolge der Finanzkrise ihre Hypotheken nicht mehr zahlen können, werden sie auf die Straße gesetzt. Da gibt es auch viele Demos.

Außerdem gehen die Arbeitnehmer aller Branchen auf die Barrikaden, da es dauernd Einschnitte ins soziale Netz geben soll. Neulich sollten alle Krankenhäuser privatisiert werden – gegen den erbitterten Widerstand der Beschäftigten. Ein Gerichtsentscheid stoppte die Pläne letztlich.

Bist du auch von Räumung bedroht?
Nein. Aber ich bin in einer Organisation junger Leute, die entweder selbst protestieren, wenn irgendwo geräumt wird, oder die Protestaktionen unterstützen.

Bildungsproteste gibt's aber weiter…
Klar. Zum Beispiel, wenn es um das neue Schulgesetz geht: Es schafft Grenzen, es ist gegen Inklusion, es spaltet die junge Generation und verschärft soziale Unterschiede. Viele neue Prüfungen werden eingeführt, auf einmal zählt die Religionsnote wieder für die Versetzung, der Leistungsdruck steigt und man muss sich sehr früh auf bestimmte Fächer festlegen. Teuer ist das Ganze auch. Die Opposition hat angekündigt, sie werde das Gesetz sofort wieder kippen, käme sie an die Regierung. Gute Schulen gibt es in Spanien nur, weil es auch sehr, sehr schlechte gibt. Wir wollen aber eine Schule für alle – in der jeder die gleichen Chancen hat.


Claudia Sekiné Montero Vãzquez hat gerade ein Praktikum in der Abteilung Bildungspolitik und -arbeit beim DGB-Bundesvorstand absolviert.


(aus der Soli 8-9/14, Autor: Soli aktuell)