Deutscher Gewerkschaftsbund

Inklusion - Weit entfernt

Der Bericht "Bildung in Deutschland 2014" im Blick der DGB-Jugend.

Neue Zahlen
Forscher_innen in Deutschland freuen sich: Der Trend zum Bildungsaufstieg ist unverkennbar. Es gibt mehr Abiturient_innen und so viele Studienanfänger_innen wie noch nie. Die Zahl der erfolgreichen Hochschulabsolvent_innen und auch die Beteiligung an betrieblicher Weiterbildung steigt. So lautet das Fazit zum Bildungsbericht der Bundesregierung, der jetzt veröffentlicht wurde. 

Bildung in Deutschland – Gewerkschaf­ter_in­nen freuen sich nicht ganz so: Denn andere Ergebnisse des Berichts besagen folgendes: Es werden zu viele Jugendliche ausgegrenzt, weil der Bildungserfolg noch immer extrem abhängig ist von der sozialen Herkunft. Noch immer können 18 Prozent der 15-jährigen Schul­abgän­ger_in­nen nur auf Grundschulniveau rechnen. 5,9 Prozent eines Jahrganges verlassen die Schule ohne Hauptschulabschluss. "Aber auch im Hochschulbereich sieht es nicht rosig aus", sagt DGB-Jugend-Hochschulexpertin Susanne Braun. Denn: Eine Orientierungsphase fehlt, eine starke Arbeitsverdichtung erschwert das Studium. So brechen 28 Prozent der Bachelor-Studierenden vorzeitig ab, und nur knapp 40 Prozent schaffen ihren Anschluss in der – von Hochschulen und BAföG-Ämtern – vorgesehenen Zeit.

Von den 30- bis unter 35-jährigen Frauen und Männern in Deutschland haben laut Bericht 17 Prozent keinen Berufsabschluss. In der Altersgruppe der 60- bis unter 65-Jährigen sind dies elf Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen. Dagegen ist der Anteil der Menschen mit Hochschulreife bei den 30- bis unter 35-Jährigen mit 43 Prozent inzwischen rund doppelt so hoch wie bei den 60- bis unter 65-Jährigen (22 Prozent). "Der Bildungsbericht ist Ermutigung und Auftrag zugleich", so denn auch das Fazit von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Sylvia Löhrmann (Grüne).

Schwieriger Einstieg
Einen Schwerpunkt setzen die Autor_innen des Bildungsberichts bei den Bildungschancen für Behinderte und bei der angestrebten Inklusion – dem von einer UN-Konvention verlangten gemeinsamen Unterricht von Behinderten und Nicht-Behinderten. In Deutschland gibt es 493.000 Schüler_innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf – das sind 6,5 Prozent aller Schüler_innen. Menschen mit Behinderung haben oft nur geringe Chancen auf einen regulären Schulabschluss und eine anerkannte berufliche Ausbildung. "Von inklusiver Bildung sind wir weit entfernt", warnt die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. 

Es wird nicht genug getan in Sachen Gleichheit. Denn auch Menschen aus armutsgefährdeten und bildungsfernen Elternhäusern und mit Migrationshintergrund werden weiterhin viel zu häufig vom Zugang zu Bildung ausgeschlossen. Jeder zweite Jugendliche mit Migrationshintergrund landet im Übergangssystem ohne klare Aussicht auf einen Berufsabschluss. Und jeder zehnte Gymnasiast bzw. jede zehnte Gymnasiastin scheitert. "Ein große Herausforderung: Während eine Gruppe der Jugendlichen immer öfters zum Studium findet, haben andere Ausbildungsinteressierte beträchtliche Zugangsprobleme", sagt Benjamin Krautschat, bei der DGB-Jugend für Ausbildung zuständig. Das setze die duale Ausbildung gleich von zwei Seiten unter Druck.

DGB: Assistierte Ausbildung
Um die betriebliche Ausbildung zu stärken, hält der DGB eine "assistierte Ausbildung" für notwendig. DGB-Bildungsexperte Matthias Anbuhl: "Wir haben trotz robuster Konjunktur eine stark ansteigende Zahl von Jugendlichen, die ohne Ausbildungsplatz bleiben." Allein 2013 seien es 83.000 Jugendliche gewesen, die von der Bundesagentur für Arbeit als ausbildungsreif deklariert worden seien, die aber keinen Ausbildungsplatz gefunden hätten. Auf der anderen Seite, und das ist die paradoxe Situation, gibt es immer mehr Betriebe, die ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen können. Dies vor dem Hintergrund, dass nur noch 21,7 Prozent der Betriebe überhaupt ausbilden. 

Bei der assistierten Ausbildung wird Betrieben und Jugendlichen ein Dienstleister zur Seite gestellt. Der soll den Betrieben zum Beispiel bei der Auswahl der Jugendlichen helfen, aber auch bei der Umsetzung eines Ausbildungsplanes, bei der Gestaltung der Ausbildung im Betrieb – bei Bedarf auch mit sozialpädagogischer Betreuung. Er hilft allerdings auch den Jugendlichen bei der Vorbereitung auf die Ausbildung, organisiert Nachhilfe, wenn es möglich ist. Er bleibt bis zum Ende der Ausbildung dabei und vermittelt vielleicht auch in Konflikten zwischen Betrieb und Jugendlichen. Anbuhl: "Was die Studie aussagt, ist ja auch, dass es eine große Unkenntnis gibt in den Betrieben über die Möglichkeiten der finanziellen Förderung." Gebraucht werde eine Vermittlungsinstanz, in der Integrationsbüros, Bundesagentur für Arbeit und weitere Träger zusammengeführt werden und wo Jugendliche und Betriebe Beratung aus einer Hand bekommen.

DGB und Handwerk haben daher zur Stärkung der dualen Berufsausbildung in Deutschland aufgerufen. "Wenn die Inhalte der Berufsausbildung nur noch in fragmentierten Einzelbausteinen vermittelt werden und der Bezug zum gesamten beruflichen Tätigkeitsfeld fehlt, verliert unsere Berufsausbildung ihre eigentliche Stärke", sagte der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. Darüber hinaus wäre es auch kein Fehler, die Ausbildung attraktiver zu gestalten, etwa mit Weiterbildungsangeboten 


"Bildung in Deutschland 2014" ist zu finden unter www.bildungsbericht.de 

(aus der Soli 7/14, Autor: Soli aktuell)