Deutscher Gewerkschaftsbund

So streiten wir

"Dr. Azubi"-Spezial: Konflikte in der Ausbildung erfolgreich meistern! Teil 1: Hintergründe und Lösungen.

Konflikte können die Ausbildung zur Qual machen. Aber was können wir tun, wenn uns einfach niemand versteht? Eine ganze Menge. Zunächst ist es gut zu wissen, welche Konflikte es am Ausbildungsplatz gibt und welche Lösungsstrategien wir anwenden, um Konflikte zu lösen.

Ausbildungsthema Auseinandersetzungen
Konflikte und Reibereien treten immer dann auf, wenn Menschen mit unterschiedlichen Interessen aufeinanderprallen. Diese sind häufig geprägt durch differierende Erwartungen, Normen, Haltungen, Kulturen und Werte.

Ärger und Stress mit dem Chef oder mit den Arbeitskolleg_innen sind daher ein immer wiederkehrendes Thema im "Dr. Azubi"-Forum. Konflikte werden hier oft als störend, bedrohlich und destruktiv erlebt. Daher wird versucht, ihnen aus dem Weg zu gehen – oder der Streit eskaliert in persönlichen Beschimpfungen, Missverständnissen und/oder in einem Machtkampf am Arbeitsplatz. Wenn sich die Fronten verhärtet haben, heißt es am Ausbildungsplatz oft: Kündigen, Prozessieren oder die Abteilung bzw. den Ausbildungsplatz wechseln. Diese Strategien sind langfristig wenig zufriedenstellend.

Verschiedene Formen von Streitigkeiten
Konflikte können aber auch als ein wichtiges Signal gesehen werden, dass etwas verändert werden muss und kann. Wenn die Streitpunkte richtig und frühzeitig angegangen werden, können sie sogar zur Entwicklung und zur Verbesserung des Klimas am Ausbildungsplatz beitragen. Daher interessiert uns im ersten Teil unserer dreiteiligen Reihe "Konflikte in der Ausbildung erfolgreich meistern", welche Arten von Konflikten es am Ausbildungsplatz gibt, was dahinter steckt und welche Lösungsstrategien es gibt.

Oftmals ist der offen ausgetragene Streit nur die Spitze des Eisberges, und eine Lösung ist nur möglich, wenn auch verborgene Hintergrundkonflikte beleuchtet werden, die häufig auf der Persönlichkeits- und Beziehungsebene ablaufen. Am Ausbildungsplatz lassen sich folgende Konfliktformen beobachten:

  • Sachkonflikte (unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse)
  • Ressourcenkonflikte (unterschiedliches Wissen)
  • Kommunikationskonflikte (Missverständnisse, Sprache und Stil)
  • Wertekonflikte (unterschiedliche Einstellungen gegenüber z. B. Religion, Arbeitsauffassung)
  • Beziehungskonflikte (Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse)
  • Strukturkonflikte (unklare Aufgabenverteilungen, Zuständigkeiten).


Wenn es am Ausbildungsplatz Probleme mit Mitarbeiter_innen oder Ausbilder_innen gibt und das Ganze immer schlimmer wird, kann es nützlich sein, wenn du dich mal in Ruhe hinsetzt und versuchst, die Situation zu analysieren – um dir eine erste Orientierung zu schaffen, auf welchen Ebenen der Konflikt stattfindet und wie er anzugehen ist.

Du könntest dir dabei folgende Fragen stellen: Wer ist an dem Konflikt direkt und indirekt beteiligt? Um was geht es, welche Interessen habe ich und welche könnte die andere Partei haben? Was will ich in dem Konflikt erreichen? Gibt es Wege, ihn fair zu lösen? Brauche ich Unterstützung – und wenn ja, wo kann ich sie mir holen?

Bevor du in das Gespräch mit deinem Gegenüber gehst, ist es für dich wichtig zu wissen, welche Möglichkeiten von Konfliktausgängen denkbar sind und welche in der jeweiligen Situation sinnvoll sein können. Dabei gibt es sechs Grundformen von Konfliktlösungsstrategien:

Flucht/Vermeidung: Die schwächere Seite entzieht sich und der Konflikt wird ignoriert und ausgesessen.
Zum Beispiel lässt du dich aufgrund eines Konfliktes in eine andere Abteilung versetzen.
+    Kraftsparend, Distanz, Haushalten mit Ressourcen
–    Der Konflikt kehrt zurück; wiederholtes Flüchten kann langfristig einen negativen Effekt auf ein direktes Ansprechen von Konflikten in der Zukunft haben und zu psychosomatischen Krankheiten führen.

Vernichtung: Die stärkere Seite setzt sich durch.
Zum Beispiel kündigt dich dein Ausbilder fristlos.
+    Der Konfliktbeteiligte muss das Feld räumen und ist besiegt.
–    Es findet keine Entwicklung und kein Lernprozess statt.

Unterwerfung: Die schwächere Seite gibt nach.
Zum Beispiel delegiert dir deine Kollegin immer wieder Aufgaben, die dich unterfordern. Du erledigst sie trotzdem.
+    Du hast weiterhin deinen Platz im Team, keinen Gesichtsverlust, da die Unterordnung legitimiert ist.
–    Starre Rollenverteilung, keine Entwicklung, schafft oft neue Konflikte.

Delegation: Die Entscheidung, bzw. die Lösung wird einem Dritten entweder freiwillig oder erzwungen übergeben.
Zum Beispiel kannst du dich mit deiner Kollegin nicht einigen, wer seinen Urlaub nimmt. Ihr gebt die Entscheidung an euren Ausbilder weiter.
+    Schnelle Konfliktlösung, objektiv, sachliche Lösungen werden gefunden.
–    Identifikation mit der Lösung ist meist nicht hoch; keine Lösung auf emotionaler Ebene.

Kompromiss: In einer Verhandlung wird eine Lösung gefunden, in der beide Parteien gleichermaßen Opfer erbringen.
+    Wichtige Teile des Konfliktes können gelöst werden, es kommt zu einer Einigung.
–    Beide Parteien haben in bestimmten Punkten das Gefühl, nachgegeben zu haben. Konsens: In einer Verhandlung wird eine Lösung gefunden, in der die Interessen beider Parteien gleichermaßen befriedigt werden.

Konsens: In einer Verhandlung wird eine Lösung gefunden, in der die Interessen beider Parteien gleichermaßen befriedigt werden.
+    Optimale Lösung für alle Beteiligten; alle Parteien werden mit einbezogen.
–    Beide Konfliktparteien müssen zur Konsenssuche bereit sein; braucht Zeit.

Diese unterschiedlichen Formen der Konfliktlösung hängen von der Kompromissbereitschaft beider Konfliktparteien und der Situation ab. Versetzt dein Chef dich in eine andere Abteilung, verweigert dir das Gespräch oder spricht gar eine Kündigung aus, ist eine faire Konfliktlösung nicht möglich und liegt nicht mehr in deinem Machtbereich. Ist dein Gegenüber aber im Grunde kompromiss- und gesprächsbereit, hast du eine Vielzahl von Möglichkeiten, auf diese Konflikte zu reagieren.


Der nächste Teil der Serie "Konflikte in der Ausbildung erfolgreich meistern!" folgt in der Soli 8-9 2014.


(aus der Soli 6/14, Autorin: Julia Kanzog)