Deutscher Gewerkschaftsbund

Noah Klieger: Ich erinnere mich an alles

Gedenkkultur: Noah Klieger hat Auschwitz überlebt und ist einer der letzten Zeugen der Shoah. Wie er zum Thema Gedenkkultur steht, wollte DGB-Jugend-Hospitantin Stefanie Profus wissen.

Noah Klieger

© David Sarnow

Herr Klieger, was bedeutet Erinnerung und welche Funktion hat sie für einen Menschen?
Erinnerung ist für mich eine der wichtigsten Funktionen des Menschen, denn es ist ja seine Lebensgeschichte, an die er sich erinnert.

Ist sie nicht auch etwas Flüchtiges?
In meinem Fall absolut nicht, ich erinnere mich an alles.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten Sie zur Besatzung der "Exodus", jenem Schiff, das 4.500 Juden nach Palästina bringen sollte. Aber anstatt das Ziel zu erreichen, wurden sie von britischen Schiffen zum Umkehren gezwungen und in britische Internierungslager geschickt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt und wie denken Sie heute darüber?
Die Geschichte der "Exodus" ist einmalig in all ihren Einzelheiten und also unvergesslich für mich. Es war für uns, die Zehntausende, die auf den 64 sogenannten illegalen Schiffen nach Eretz-Israel – das Land Israel, wie es bei den Juden seit ihrer Vertreibung im Jahre 73 durch die Römer immer hieß –, also das damalige britische Mandatsgebiet Palästina gelangen wollten. Die Verwirklichung eines jahrhundertealten Traumes und die Hoffnung, auf ein neues Land für die Juden – eine Hoffnung, die Wirklichkeit wurde. Ich bin natürlich immer noch stolz auf diese Zeit und darauf, dass ich diesen Traum miterlebt habe.

2009 nahmen Sie als Journalist am Prozess gegen John Demjanjuk teil und waren auch zuvor schon beim Eichmann-Prozess in Jerusalem, bei den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt, dem Majdanek-Prozess in Düsseldorf und vielen weiteren dabei. Wie sehen Sie diese Verfahren vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte?
Die sogenannten Prozesse gegen einige der Massenmörder in Deutschland waren nicht mehr als Farcen und sowieso wurde nur ein Bruchteil dieser Mörder angeklagt. Die "Strafen" waren in den meisten Fällen lächerlich. Für mich persönlich war der erste dieser Prozesse – Auschwitz, 1963 in Frankfurt – eine riesige Enttäuschung, aber sehr schnell begriff ich, dass man von Richtern (und Anwälten) die im Dritten Reich tätig waren, nichts anderes erwarten konnte. Was den Eichmann-Prozess in Jerusalem anbelangt: Der hatte natürlich eine andere Dimension, denn dieser Prozess brachte erstens den Israelis das ganze Ausmaß der Shoah nahe und zweitens wurden alle Einzelheiten von der gesamten Weltpresse veröffentlicht und kommentiert.

Was sagen Sie zur Art und Weise, wie Deutschland mit seiner Vergangenheit umgeht? Die Aufarbeitung, das Gedenken? Zeremonien, Gedenkstättenfahrten, Denkmäler, Museen & Co.?
In Deutschland gibt es Massen von Gedenkstätten, Denkmälern usw., aber faktisch keine Aufarbeitung der Vergangenheit – denn nur Einzelne gaben und geben zu, dass sie sich furchtbar benommen haben und dass Deutschland nach Plan den größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit verübt hat. Auch nur wenige in der zweiten und dritten Generation sind bereit dies zu sagen, ohne sofort nach irgendeiner fadenscheinigen "Erklärung" zu suchen.

Sie sprechen in Schulen, bei Jugendverbänden und Jugendveranstaltungen. Was möchten Sie der jungen Generation mit auf den Weg geben?
Ich möchte den jungen Menschen zuerst erzählen, wie sich ihre Eltern bzw. Großeltern benommen haben, und sie davor warnen, sich von sogenannten Führern aller Sorten mitreißen zu lassen. Ich möchte ihnen auch erklären, dass es keinen Antisemitismus und keinen Fremdenhass geben darf.

Ich bin jetzt 20 Jahre alt. Wie sollte ich mit dem Thema Auschwitz umgehen?
Die Tatsachen lernen und daraus Schlussfolgerungen ziehen.

Der Tag der Befreiung von Auschwitz jährt sich 2015 zum 70. Mal, und der DGB veranstaltet mit weiteren Jugendverbänden eine Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz. Wie sollte man sich als jugendpolitische Organisation und Verband in Deutschland an die Shoah erinnern?
Siehe die Antwort auf die vorangegangene Frage!

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird das Gedenken und Erinnern an die Shoah in 20 Jahren oder 50 Jahren aussehen?
Ich weiß es nicht. In Israel wird man sich, dank der zweiten und dritten Generation der Überlebenden, sicher noch Jahrzehnte erinnern – in den anderen Ländern wahrscheinlich nur sehr wenig und sehr sporadisch. So, das wär‘s. Bye-bye!

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Noah Klieger
Noah Klieger, 87, überlebte das Vernichtungslager Auschwitz. Sein Martyrium en¬de¬te im April 1945 nach insgesamt 30 Monaten KZ-Haft. Er vermittelt als Zeitzeuge die Erinnerung an die Shoah. In seinem Buch "Zwölf Brötchen zum Frühstück" berichtet der dienstälteste Journalist Israels von seinem langen Leidensweg.

Noah Klieger: Zwölf Brötchen zum Frühstück. Reportagen aus Auschwitz, WJS-Verlag, Berlin 2010, 130 S., 14,90 Euro

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Nie vergessen
Soli aktuell-Reihe: Der Gedenktag am 27. Januar 2015.

Der DGB-Bundesjugendausschuss hat beschlossen, dass die Gewerkschaftsjugend um den 27. Januar 2015 anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau dort eine Gedenkveranstaltung durchführt. Das Ziel: die Erinnerung an die Opfer zu erhalten. Wir stellen dazu verschiedene Standpunkte zum Thema Gedenkkultur vor.


(aus der Soli 6/14, Autorin: Stefanie Profus)