Deutscher Gewerkschaftsbund

Gedenkkultur: Aus der Geschichte lernen

Gedenkkultur: Tagebuch und historischer Stadtplan – mit der Seminarreihe "Wi(e)der das Vergessen" stellt sich die DGB-Jugend Sachsen-Anhalt gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Von Katja Holtz

Im Jahr 2002 startete das Projekt "Wi(e)der das Vergessen" in Zusammenarbeit mit dem Ortsverein der Arbeiterwohlfahrt Halle-Nord und dem Stadtschülerrat Halle. Das Ziel: die Geschichte der Stadt in der Zeit von 1933 bis 1945 aufzuarbeiten. So entstand ein kommentierter historischer Stadtplan, in dem ausgewählte Orte, Akteur_innen, Verbrechen und Widerstände in Halle vorgestellt wurden.

Die DGB-Jugend widmet dieser Art der lokalen Auseinandersetzung eine eigene Seminarreihe. Jährlich bieten wir jungen Menschen an wechselnden Standorten Sachsen-Anhalts die Möglichkeit, sich intensiv mit einem Ort oder einer Region zu beschäftigen. Im vergangenen Jahr lag der Fokus auf der Zwangsarbeit in und um Wernigerode, den Todesmärschen aus den Lagern des Ostharzes und den Arbeitsbedingungen der Häftlinge des KZ Mittelbau-Dora, die unter Tage die V1- und V2-Raketen zusammensetzen mussten. 2012 begaben wir uns auf eine etwas weitere Reise nach Polen. Im Vernichtungslager Auschwitz beschäftigten wir uns mit der Suche nach Verbindungen in unsere Region. Das todbringende Zyklon B wurde in Dessau produziert – und die Schkopauer Buna-Werke ließen im KZ-Außenlager Monowitz Häftlinge arbeiten.

In Kooperation mit dem Beruflichen Bildungswerk Halle entstand das "Tagebuch der Gefühle". Darin beschreiben junge Teilnehmer_innen der Ausbildungsgruppe Metall ihre Eindrücke während der Reise und ihre persönliche Auseinandersetzung mit dem Besuch des KZ: "Es ist sehr traurig. Der Bahnsteig ist lang, sehr lang. Ich konnte es mir in den schlimmsten Träumen nicht vorstellen. Ich bekomm’ Gänsehaut, ich kannte es aus Filmen und Büchern, aber hier zu stehen…

Man kann es nicht begreifen, was hier war." Dass unsere Landeshauptstadt Magdeburg eine der letzten verbliebenen Großstädte ist, in der jährlich etwa 1.000 Nazis einen Großaufmarsch inszenieren können und der Verfassungsschutzbericht 2012 den Rechtsextremismus als größte Gefahr in Sachsen-Anhalt benennt, zeigt, wie brisant dieses Thema bleiben muss. Ob bei Planungen zu europaweiten Rechtsrockkonzerten, den Eröffnungen zentral gelegener Thor-Steinar-Läden oder alljährlich wiederkehrenden rechten Aufmärschen – wir versuchen stets gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Akteur_innen Stellung zu beziehen und Nazis zu bekämpfen. Gleichermaßen wollen wir mit der Erinnerungsarbeit an historische Ereignisse der NS-Zeit eine Grundlage zur Gestaltung einer menschenwürdigen und solidarischen Zukunft schaffen.


Katja Holtz ist Jugendbildungsreferentin bei der DGB-Jugend-Sachsen-Anhalt.


(aus der Soli 4/14, Autorin: Katja Holtz)

 

Nie vergessen Soli aktuell-Reihe:
Der Gedenktag am 27. Januar 2015
Der DGB-Bundesjugendausschuss hat beschlossen, dass die Gewerkschaftsjugend um den 27. Januar 2015 anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau dort eine Gedenkveranstaltung durchführt. Das Ziel: die Erinnerung an die Opfer zu erhalten. Wir stellen dazu verschiedene Ansätze der Gedenkkultur vor.