Deutscher Gewerkschaftsbund

Gedenkkultur: Die Familie Kozower

Die Erinnerung an die Opfer der Shoah im Jüdischen Museum Berlin. Ein Gastbeitrag von Monika Flores Martínez.

Philipp Kozower ist 37 Jahre alt und Rechtsanwalt, als er 1931 die 23-jährige Medizinstudentin Gisela heiratet. Ein Jahr später bringt Gisela ihr erstes Kind zur Welt: Eva. Die frischen Eltern lassen sich mit ihrem Baby im Berliner Monbijou-Park ablichten. Auf dem Foto trägt Gisela ein helles Kleid und einen Strohhut. Das schlafende Kind hält sie – etwas ungelenk – in die Kamera, als sollte dokumentiert werden, dass es existiert.  

Als im Jahr 1934 Evchens Schwester Alice geboren wird, haben die Nationalsozialisten bereits ihre Diktatur eingerichtet: Das Parlament ist entmachtet, die Presse gleichgeschaltet, die Gewerkschaften sind zerschlagen. Juden sind aus dem öffentlichen Dienst entfernt und von vielen Berufen ausgeschlossen. Die ersten Konzentrationslager sind in Betrieb.

Das Nesthäkchen der Familie wird 1942 geboren. Zu diesem Zeitpunkt können jüdische Eltern in Deutschland nicht frei entscheiden, wie ihre Kinder heißen, sondern müssen einen Namen aus einer vom Innenministerium herausgegebenen Liste wählen. Andernfalls bekommen die Neugeborenen – wie alle deutschen Juden seit 1939 – die Zweitnamen Sara bzw. Israel.

Gisela und Philipp wählen aus der Liste den Namen Uri. Als der drei Monate alt ist, wird die Familie nach Theresienstadt deportiert. Von dort schreiben die Eltern regelmäßig an Verwandte. In jedem Brief geht es um den Kleinen: Bald hält er seine Flasche allein, beginnt zu krabbeln, feiert seinen ersten Geburtstag. "Uri ist zum Fressen süß, jetzt plappert er jedes Wort nach und versucht, schüchtern allein zu laufen", schreibt die zehnjährige Alice im Juli 1944. Im Oktober besteigen Philipp, Gisela, Eva, Alice und Uri einen Transport nach Auschwitz. Sie gehören zu den letzten Menschen, die in den Gaskammern des Vernichtungslagers ermordet werden.

Im Jüdischen Museum Berlin erzählen Fotografien die Geschichte der Familie Kozower. Die Bilder hat ein Verwandter zusammen mit den Briefen aus Theresienstadt aufbewahrt und dem Museum gestiftet.

Es ist zentraler Auftrag des Jüdischen Museums Berlin, Erinnerungsstücke, Fotografien, Briefe und Urkunden zu sammeln, zu bewahren und auszustellen. Objekte, die die Erfahrungen der Juden in der NS-Zeit vermitteln, haben eine besondere Relevanz. Wenn die Museumsbesucher sich in die Geschichte der Familie Kozower vertiefen, dann bewirken die Exponate das einzige, was uns angesichts des Unrechts, das sie offenbaren, bleibt: dass wir es nicht vergessen – nicht am 27. Januar und nicht an allen anderen Tagen des Jahres.


Monika Flores Martínez ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Jüdischen Museum Berlin.


(aus der Soli 3/14, Autorin: Monika Flores Martínez)


Nie vergessen
Soli aktuell-Reihe: Der Gedenktag am 27. Januar 2015.

Der DGB-Bundesjugendausschuss hat beschlossen, dass die Gewerkschaftsjugend um den 27. Januar 2015 anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau dort eine Gedenkveranstaltung durchführt. Das Ziel: die Erinnerung an die Opfer zu erhalten. Wir stellen dazu verschiedene Ansätze der Gedenkkultur vor.