Deutscher Gewerkschaftsbund

Wolfgang Schorlau: Jugend treibt die Dinge voran

Buchtitel

© Kiepenheuer & Witsch

In den Kriminalromanen Wolfgang Schorlaus spielen politisch aktuelle Themen eine Rolle, wie man sie sonst in der Literatur vergeblich sucht. Für sein Buch "Am zwölften Tag" über die Fleischindustrie ließ er sich von der Gewerkschaft NGG beraten. Soli aktuell sprach mit dem Bestsellerautor – der im sozialen Netzwerk Facebook mit der DGB-Jugend befreundet ist.

Herr Schorlau, kürzlich kam die Nachricht rein: Der Gewerkschaft NGG ist es gelungen, in der Fleischindustrie einen Mindestlohn durchzusetzen. Haben Sie Ihr Buch umsonst geschrieben?
Ziel des Buches war nicht ein Tarifvertrag, sondern eine spannende Geschichte. "Am zwölften Tag" handelt aber in der Tat von den Machenschaften der Fleischindustrie. In dieser Branche muss sich viel ändern. Ein Tarifvertrag ist ein erster Schritt, reicht jedoch lange nicht aus.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen Ihnen und dem NGG-Gewerkschafter Matthias Brümmer?
Eine befreundete Gewerkschafterin von ver.di gab mir den Tipp: Da gibt es einen in Oldenburg, der ist engagiert und der kennt sich bestens aus. Ich schrieb Matthias Brümmer eine Mail, wir telefonierten, ich besuchte ihn und er nahm sich viel Zeit für meine Fragen. Ich bin ihm sehr dankbar. 

I
hr Privatdetektiv Georg Dengler ermittelt in Milieus, in die sich wenig andere Krimifiguren verirren: in der Welt der politischen Skandale. Woher kommt sein – also Ihr – Interesse an diesen Stoffen?
Amerikanische, skandinavische, französische und auch britische Figuren ermitteln häufig in politischen Skandalen, deutsche Figuren (also auch deren Autoren) tun das eher selten, da sind mein Held Georg Dengler und ich ziemlich allein. Schwer zu sagen, an was das liegt, vielleicht tatsächlich an der berüchtigten deutschen Obrigkeitshörigkeit. Die Leserinnen und Leser interessieren sich erfreulicherweise für den literarisch und gesellschaftlich ambitionierten Kriminalroman, wie man an Denglers großer Leserschar sehen kann.

Sie schildern die Arbeitsverhältnisse in den Großbetrieben als erschreckend. Als ein Lagersystem, das von der Politik geschützt wird. Welche Alternativen sehen Sie zu der industriellen Verarbeitung? Schließlich stehen auch Betriebe mit dem Label "Bio" zunehmend in der Kritik.
Ich beschreibe das System der Werkverträge, das System der Sub- und Sub-Sub-Unternehmen. Der Fleischindustrie ist es gelungen, mitten in Deutschland und nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit, eine Billiglohnhölle zu schaffen. Ich hatte die Ehre, im letzten Jahr Mitglied der Jury des Willy-Bleicher-Medienpreises zu sein. Wir zeichneten einen Film des Südwestfunks aus, der zeigte, wie auch Daimler versucht, über Werkverträge Hungerlöhne zu zahlen. Und dies nicht in der schlecht beleumundeten Fleischindustrie, sondern im Herzen der Industrieproduktion, an den Bändern in Untertürkheim.

Was ist dran an dem Argument des großindustriellen Fleischproduzenten, auch arme Leute sollen sich Fleisch leisten können?
Nichts. Den Fleischbaronen geht es am allerwenigsten um arme Leute. Es gibt hinreichende Untersuchungen, dass bessere Haltung und menschenwürdigere Arbeitsbedingungen den Fleischpreis nur unwesentlich erhöhen würden. Vielleicht wären die Gewinne nicht mehr ganz so phänomenal. Hinzu kommt: Viele Untersuchungen, zuletzt vom BUND und der Landesregierung von NRW, weisen nach, dass insbesondere Geflügel, aber auch Schweinefleisch, mit resistenten Keimen verseucht ist. Viele Tiere überleben die Tortur der Mästung nur, wenn sie mit Arzneien vollgestopft werden. Ich finde: Jeder, ob arm oder reich, hat ein Anrecht auf gesunde Lebensmittel.

In "Am zwölften Tag" geht es um Schüler, die sich mit Umweltthemen beschäftigen und Missstände verändern wollen. Glauben Sie, dass die Jugend Kräfte entwickeln muss, die die Älteren nicht aufbringen?
Wir stehen vor einem großen Umdenkungsprozess, was den Umgang mit Lebensmitteln und insbesondere mit Fleisch betrifft. Dieses Umdenken wird von der Jugend getrieben. Nicht alle, aber viele, zunehmend mehr junge Leute stellen sich den ethischen Fragen des Fleischkonsums: Was ist höher zu bewerten? Mein Interesse, das Tier zu essen oder das Interesse des Tieres, zu leben? Das sind keine einfachen Fragen, aber immer mehr Menschen stellen sie sich.

Die jungen Leute werden zunächst auch von Dengler, dessen Sohn dabei ist, aller möglichen Dinge verdächtigt; nur nicht, dass sie was Sinnvolles machen. Welches Bild der Jugend ist Ihnen bei der Recherche begegnet?
Es ist das Recht, sogar das Gewohnheitsrecht der Jugend, die Dinge voranzutreiben. Vielleicht gibt es sogar das Recht der Jugend, die Dinge zu überspitzen oder zu übertreiben. In allen Altersgruppen gibt es Laue und Wache, gibt es Aufrechte und Kriecher, gibt es Mitfühlende und Dumme. Aber, wenn man so um die 20 ist, sieht man manches klarer, weil Blick und Haltung noch nicht zermürbt sind vom täglichen Einerlei.

Welches Verständnis haben Sie selbst von Politik: Lässt sich wirklich etwas Grundlegendes verändern? Hat der einzelne Einwirkungsmöglichkeiten?
Der Einzelne hat nur im Western eine Chance. Und auch dort nur, wenn er Hauptdarsteller ist. Wichtig ist es, dass man sich zusammen schließt, Mut und einen langen Atem hat.

Sie haben auf Facebook die DGB-Jugend geliked, das hat uns natürlich gefallen. Wie kommt’s? Haben Sie selbst einen gewerkschaftlichen Hintergrund?
Als Schriftsteller bin ich Selbstständiger, klassischer Kleinbürger, wenn man so will. In meinem Leben davor, als Beschäftigter, war ich immer Mitglied in einer Gewerkschaft.

Die Gewerkschaftsjugend hat über 500.000 junge Mitglieder in den Betrieben und den Hochschulen. Sie sorgt für Mitbestimmung, kämpft gegen Nazis, bietet Beratung für junge Arbeitnehmer und kümmert sich insgesamt um die Themen, mit denen auch Georg Dengler befasst ist. Wie oft treffen sich "die beiden" auch literarisch noch?
In "Das München-Komplott" ist das zumindest thematisch und in "Am zwölften Tag" auch von den handelnden Personen her geschehen. Mal sehen, was noch geschieht, Dengler hat noch viel Zeit bis zu seiner Rente.

Wovon wird Ihr nächstes Buch handeln?
Das verrate ich nicht.


Wolfgang Schorlau: Politik ist Krimi
Krimi-Autor Wolfgang Schorlau schnappt sich seit Jahren die ganz großen Themen und macht daraus ungemein lesbare Bücher. Ob Oktoberfest-Attentat, Privatisierung der Wasserwirtschaft oder die Pharmaindustrie: Sein Privatdetektiv Georg Dengler ermittelt stets im größten Schlamassel.

Nun hat er sich Fleischindustrie und Massentierhaltung vorgenommen. Der Plot: Eine Gruppe von jungen Umwelt-Aktivist_innen schleicht sich in eine Putenproduktionsfabrik, um zu dokumentieren, unter welch unwürdigen Bedingungen die Tiere hier gehalten werden. Aber der Fabrikant hat schon eine Schlägertruppe engagiert, der Hof wird in Flammen aufgehen. Ein für alle Mal soll Schluss sein mit dem Umweltquatsch.

Anbei werden die nötigen Informationen serviert: So also wird billiges Fleisch produziert, mit hohem Leidfaktor für die Tiere und auch für die Menschen. Hier wird Abfall zu Essen verarbeitet, mit rabiaten Werkverträgen hantiert; die Arbeiter, meist aus Osteuropa, werden ebenfalls im Massenstall gehalten. Und wenn sie ihr weniges Geld auch haben wollen, gibt’s was auf die Nuss. Gestützt wird das ganze System mit reichlich EU-Agrarsubventionen.

Für Fakten ist auf jeden Fall gesorgt: Der Autor hat sich vom Oldenburger NGG-Gewerkschaftssekretär Matthias Brümmer informieren lassen.


Wolfgang Schorlau: Am zwölften Tag, Kiwi, Köln 2013, 352 S., 9,99 Euro


(aus der Soli 3/14, Autor: Jürgen Kiontke)

(aktualisiert am 14.3.2014)