Deutscher Gewerkschaftsbund

Expertin für Gute Arbeit

Ronja Endres vertritt die DGB-Jugend als Vizepräsidentin im Jugendkomitee des Pan-European Regional Council (PERC), einem gewaltigen internationalen Gewerkschaftszusammenschluss. Soli aktuell sprach mit ihr über die Arbeit und ihr derzeit wichtigstes Vorhaben: die Europawahl im Mai 2014.


Ronja, wie bist du im PERC gelandet?
Das habe ich der IG BCE zu verdanken, die mich an die internationale Arbeit herangeführt hat. Als unser Bundesjugendsekretär Michael Porschen erfahren hat, dass das Amt im PERC-Jugendausschuss neu zu besetzen ist, hat er an mich gedacht und ich habe sofort zugesagt.

Machen deine Eltern auch sowas?
Nein, gar nicht, das ist bei uns neu! Ich bin bei meiner Oma aufgewachsen, die zuerst Näherin und dann Hausfrau und Mutter war. Ich glaube, in meiner Familie ist niemand bei einer Gewerkschaft und noch weniger international tätig.

Wie sieht’s mit deiner Zeit aus?
Ich studiere derzeit im fünften Semester "International Relations and Management". Sitzungen für den PERC sind zweimal im Jahr, plus Tagungen des Jugendkomitees des Internationalen (IGB) und des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB). Dann DGB-Bundesjugendausschuss und natürlich IG BCE-Termine. Man kann sehr flexibel sein und sich auch die Zeit fürs Studium nehmen, die man im Notfall braucht. Für das neue Amt als PERC-Vizepräsidentin ist die Zeit allerdings noch schwierig einzuschätzen, weil Skype-Konferenzen dazukommen. Wir werden jetzt die Agenda für die nächsten zwei Jahre festlegen, dann wird sich herausstellen, wie viel das wird.

Welche Bedeutung hat der PERC?
Arbeitgeber haben sich international längst effektiv zusammengeschlossen – es ist sehr wichtig, dass die Gewerkschaften dasselbe tun. IGB und EGB machen in Brüssel schon sehr viel Arbeit für die EU-Institutionen, um die Belange der Arbeitnehmer in die Politik zu tragen. Das ist ungemein wichtig, da die Gewerkschaften natürlich Expertinnen für Gute Arbeit sind.

Welche Themen diskutiert ihr zurzeit?
Natürlich Organisation, das heißt, wie man neue Mitglieder gewinnt und an sich bindet. Ich hoffe sehr, dass wir das Thema Migration angehen werden. Migration und Mobilität sind eine super Sache, wenn sie freiwillig passieren. Aber wenn Menschen durch Umstände wie Arbeits- oder Perspektivlosigkeit gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen, wird es zum Problem. Auch für die Herkunfts- und Zielländer entstehen dadurch große Herausforderungen.

Was sind deine Ziele, was willst du unbedingt durchsetzen?
Dass sich die Gewerkschaften der unterschiedlichen Regionen gut vernetzen und kommunizieren können. Das ist sehr wichtig, um gemeinsame Positionen zu finden und vor anderen Organisationen zu vertreten. Eine Sache, die ich nur langfristig erreichen kann, ist: den Menschen auf der Welt zu zeigen, wie wichtig Gewerkschaften sind!

Ronja Endres

© privat

Ronja Endres ist frisch gewählte Vizepräsidentin. des Jugendkomitees des Pan-European Regional Council (PERC). Die 27-jährige Studentin kommt aus der ehrenamtlichen Gewerkschaftsarbeit der DGB-Jugend. Der PERC vertritt über 85 Millionen Mitglieder der Gewerkschaften. Die Europawahlen finden in der Zeit vom 22. bis 25. Mai 2014 statt.

Jugendarbeitslosigkeit steht ganz oben auf der Agenda. Wie tritt der PERC damit in Erscheinung?
Uns wären neue Regelungen für Praktikanten wichtig. Und auch für junge Menschen in der Ausbildung müssen in vielen Ländern neue Rechte eingeführt werden.

Welches sind die Gefahren der gegenwärtigen Situation? 
Ich sehe beunruhigt auf die Europawahlen im Mai: In vielen Ländern stehen europafeindliche Parteien zur Wahl und haben, etwa in Frankreich, Aussicht auf Erfolge. Ich kann gut verstehen, dass Europa unendlich kompliziert erscheint: Hier sind die europäischen Institutionen, aber auch die Gewerkschaften gefragt, Aufklärungsarbeit zu leisten – in der Jugend arbeiten wir mit Europaseminaren und haben großen Erfolg damit. Die Wahlbeteiligung für die Europawahlen muss außerdem steigen, um die Bürger gebührend zu vertreten.

Wo steht die deutsche Politik?
Deutschland ist von der Bevölkerungszahl her das größte Land und dadurch zahlenmäßig der größte Geldgeber der EU. Außerdem wird es in den Medien oft als das gelobte Land präsentiert, in dem alles richtig läuft. Ich bin sehr froh, dass es Deutschland noch so gut geht, wie man immer hört. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch Gebiete haben, wo die Jugendarbeitslosigkeit fast so hoch ist wie in Spanien. In der Gewerkschaftsarbeit ist der DGB eine sehr wichtige Größe geworden, weil wir mehr und mehr verstehen, wie wichtig internationale Gewerkschaftsarbeit ist. Der DGB hat mittlerweile viele Erfahrungen gesammelt über Konferenzen, Zusammenarbeit und internationale Gewerkschaftsarbeit.

Und das bedeutet?
Diese Erfahrung wird immer wieder gern genutzt, Michael Sommer ist nicht umsonst IGB-Präsident. Ich habe mich auf der PERC-Konferenz mit jungen Gewerkschaftern über den Koalitionsvertrag unterhalten. Sie fanden es super, dass der Mindestlohn kommen soll. Internationale Solidarität ist im Moment wichtiger denn je, das versteht man auch in den Gewerkschaften. In der EU sieht man das ganz deutlich: Wir sind im sozialpartnerschaftlichen Dialog sehr aktiv und beraten die Institutionen in Arbeitnehmerfragen. Für die PERC-Region sind Netzwerke und gemeinsame Kampagnen und der Austausch von Best-Practice-Beispielen bedeutend – jeder tut, was er kann. Solidarität wird hier gelebt: von jungen Leuten, von ganz verschiedenen Kulturen, die sich trotzdem verbunden fühlen.

Was steht für 2014 an in der europäischen Gewerkschaftsszene?
Im Mai wird in Berlin direkt nach dem DGB-Kongress das IGB-Treffen stattfinden, Gewerkschafter aus der ganzen Welt werden dort sein. Außerdem sind im Mai die Europawahlen, da werden die Gewerkschaften sicherlich auch mitmischen. Ansonsten werden Jugendarbeitslosigkeit, die Krise und die Umsetzung der Jugendgarantie sicherlich Themen sein.

(aus der Soli 2/14, Autor: Soli aktuell)