Deutscher Gewerkschaftsbund

Unwichtige Interessen

Eine Langzeitstudie der Universität Konstanz beschäftigt sich mit der Situation und Orientierung von Studierenden in Deutschland.  

Schöne Hoffnungen
Studierende in Deutschland erwarten von ihrem Studium nicht nur eine gute fachliche Ausbildung. Sondern sie verbinden mit der akademischen Qualifizierung immer stärker auch die Hoffnung auf einen sicheren, interessanten Arbeitsplatz – und die Aussicht auf ein hohes Einkommen im späteren Berufsleben. Gleichzeitig nimmt die Erwartung unter den Studierenden zu, über ein Studium zu einer Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse beitragen zu können. So lauten die zentralen Ergebnisse des neuesten Studierendensurveys der Uni Konstanz, für den im Wintersemester 2012/13 rund 5.000 Studierende an 25 Hochschulen befragt wurden.

Fehlende Beruflichkeit
Aber lässt sich das auch umsetzen? In Bezug auf ihr Studium jedenfalls nicht so einfach – denn die Befragten wünschen sich vor allem einen stärkeren Praxisbezug. Nur erschreckende zwölf Prozent der Studierenden an Universitäten fühlen sich durch ihr Studium gut auf den Beruf vorbereitet. An den Fachhochschulen sieht die Situation mit 35 Prozent zufriedener Studierender zwar besser, aber auch nicht gut aus. Kein Wunder, dass der Run auf Praxiseinblicke intensiv ist: Selbst wenn Pflichtpraktika in der Studienordnung verankert sind, planen Studierende weitere Praktika. Der Leistungsdruck ist hoch.

Das Thema Politik
Ein anderer Knackpunkt der Studie – der die Medien rauf und runter läuft –, ist, dass die Befragung auch auf politische Interessen eingeht. Stuften 2001 noch 45 Prozent dies als "sehr stark" ein, taten dies 2013 nur 32 Prozent. Studentische Politik an der eigenen Hochschule, die interessiert nur ein Drittel der Studierenden. Die Umsetzung der Bologna-Reform und die studentische Beteiligung daran ist ebenfalls ein Buch mit sieben Siegeln: 75 Prozent der Studierenden gaben an, dass sie davon keine Ahnung haben.

Politik! Die Konstanzer Forscher_innen sprechen gar vom Tiefstand dieses Sujets in der Wichtigkeit für die Studierenden: Erstmals halten sie mehr Studierende für "unwichtig" (29 Prozent) als für "sehr wichtig" (24 Prozent).

Fazit der DGB-Jugend
"Für uns zeigen die Ergebnisse, dass die Verdichtung im Studium, einen unschönen Nebeneffekt hat – den 'Tunnelblick'", sagt Susanne Braun, die bei der DGB-Jugend für Studierendenarbeit zuständig ist. "Auch müssen Studierende aufgrund der fehlenden Beruflichkeit ihrer Studiengänge mehr Kapazitäten in Praktika stecken – die sie sonst vielleicht anderen Aspekten der Persönlichkeitsentwicklung und ehrenamtlichem Engagement widmen könnten."


Die Kurzfassung des 12. Studierendensurveys findet ihr auf www.bmbf.de/de/25012.php

(aus der Soli aktuell 12/2014, Autorin: Soli aktuell)

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Die Luft ist raus
Helene Fischer wäre neidisch: Atemloser als sie sind auf jeden Fall die Studierenden. Von Isabella Allert

Die Ergebnisse des Studierendensurveys dürfen nicht von den Problemen an den Hochschulen und Universitäten ablenken. Immer häufiger nehmen Studierende psychologische Beratung in Anspruch. Der Druck auf die Studierenden ist immens, das ist keine Situation, mit der wir zufrieden sein können.

Die Selektion an Hochschulen nimmt weiter zu. Studierende werden in ein starkes Konkurrenzverhältnis gezwungen. Der Mangel an Masterstudienplätzen führt zu starken Rivalitäten in den Bachelorstudiengängen, wobei jede Note für den Übertritt in den Masterstudiengang relevant ist. Politisch gewollt ist nur eine sehr geringe Übergangsquote, welche die Studierenden in ein Korsett zwängt. Denen, die keinen Masterplatz ergattern können, wird suggeriert, sie hätten persönlich versagt. Dabei scheitern sie am politisch herbeigeführten Mangel. Eine manipulatorische Glanzleistung!

Eine Finanzierung der Hochschulen und Universitäten, durch die Betreuungsquoten erhöht und Masterplätze garantiert werden könnten, ließe uns wieder Luft zum Atmen.


Isabell Allert ist Vorstandsmitglied beim freien zusammenschluss der studentInnenschaften, fzs.