Deutscher Gewerkschaftsbund

Michael Sommer zu Katar: Arbeiten bei 50 Grad Hitze

Das Arbeitsgerät ist für gewöhnlich rund in der schönen Fußballwelt - aber die Arbeitsbedingungen sind es beileibe nicht. Soli aktuell sprach mit dem Präsidenten des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB), DGB-Chef Michael Sommer, über die internationale Gewerkschaftskampagne zur WM 2022 in Katar.

Welche Beziehung hast du zum Fußball? Hast du selbst mal gespielt?
Die Leidenschaft für Fußball teile ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen. In meiner Kindheit habe natürlich auch ich die Berliner Bolzplätze unsicher gemacht. Ich bin außerdem Mitglied und treuer Fan des 1. FFC Turbine Potsdam, auch wenn ich es nur sehr, sehr selten schaffe, zu einem Spiel ins Stadion zu gehen.

Der DGB-Vorsitzende

Michael Sommer © DGB/Plambeck

Derzeit kämpfst du in deiner Funktion als IGB-Präsident gegen die schlechten Arbeitsbedingungen der Arbeiter, die die Spielstätten zur Fußball WM 2022 in Katar bauen. Wie ist die Situation vor Ort?
Am Bau der Stadien und der Infrastruktur für die Fußball WM 2022 arbeiten ausschließlich Arbeitsmigranten aus Südostasien. Sie stellen weit über 90 Prozent der gesamten katarischen Arbeitnehmerschaft und doch werden sie vom dortigen Arbeitsrecht nicht erfasst. Tag für Tag schuften sie unter sklavenähnlichen Bedingungen für ein sportliches Großereignis, das eigentlich der Völkerverständigung dienen und für Fairness stehen sollte. Die konkreten Arbeitsbedingungen in Katar sind katastrophal: Das Gehalt wird oft verspätet oder gar nicht ausgezahlt. Die Arbeiter müssen zwölf Stunden am Tag schuften, also auch während der stärks¬ten Mittagssonne bei Temperaturen bis zu 50 Grad. Während der Arbeitszeit bekommen sie keine Mahlzeiten und nur wenig Wasser. Oft wird ihnen das Trinken während der Arbeit sogar ganz verboten. Auf den Baustellen mangelt es an Arbeits- und Gesundheitsschutz, sodass Wege- und Arbeitsunfälle an der Tagesordnung sind - auch tödliche. Das ist unmenschlich, und die Verhältnisse treiben manche sogar in den Selbstmord.

Wie sieht es außerhalb der Baustellen aus?
Die Arbeiter müssen in Lagern leben, so genannten Workers' Camps. Das sind Massenunterkünfte ohne Strom. Diese Camps liegen außerhalb der übrigen Wohngebiete, so dass die Arbeiter lange und komplizierte Anfahrtswege auf sich nehmen müssen. Die Unterkünfte selbst sind überfüllt und dreckig, notdürftig ausgestattet mit sehr einfachen sanitären Einrichtungen. Die Arbeitsmigranten besitzen in Katar außerdem keinerlei sozialen Schutz, das Recht auf eine Krankenversicherung wird ihnen verweigert. Schon das ist absolut menschenunwürdig. Verschärft wird diese Situation aber dadurch, dass die Betroffenen keinerlei Ausweg aus dieser Misere haben. Denn das in vielen Staaten der Golfregion übliche "Kafala-System" sieht vor, dass die Arbeitgeber für ihre ausländischen Arbeitskräfte bürgen und auch die Meldeangelegenheiten übernehmen. Dazu werden ihnen die Pässe abgenommen, die der Arbeitgeber verwahrt. Ohne die Zustimmung ihres "Dienstherren" können sie also weder eine andere Arbeit aufnehmen noch Katar verlassen und nach Hause reisen. Sie sind ihrem Arbeitgeber oft völlig ausgeliefert.

Wie bist du auf die Missstände aufmerksam geworden?
Seit ich in der internationalen Gewerkschaftspolitik aktiv bin, setze ich mich weltweit gegen die Verletzung von Gewerkschafts- und Arbeitnehmerrechten ein. Der IGB gibt jährlich einen Report zu allen Ländern heraus, die Gewerkschafts- und Arbeitnehmerrechte missachten. Nachdem Katar 2010 von der FIFA den Zuschlag für die WM 2022 erhalten hatte, hat sich unsere Aufmerksamkeit natürlich besonders auf das Emirat konzentriert und wir haben die Missstände thematisiert. Außerdem verfolge ich als Mitglied des Verwaltungsrats der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) die Rolle Katars. Das Land hat bis zum heutigen Tag nicht die ILO-Kernarbeitsnormen ratifiziert. Unsere Forderung lautet deshalb: Keine Fußball-WM ohne Arbeitnehmerrechte. Das heißt konkret: Entweder Katar sorgt unverzüglich für die Ratifizierung und Umsetzung der ILO-Kernarbeitsnormen und damit für bessere, menschenwürdige und sichere Arbeitsbedingungen oder dem Land muss die WM wieder entzogen werden.

Hat sich etwas getan? Und wie steht der DFB zur IGB-Kampagne?
Nach den ersten enttäuschenden Treffen mit dem katarischen Arbeitsministerium wendeten wir uns an die FIFA, die uns damals ihre Unterstützung zusagte, gemeinsam gegenüber den katarischen Behörden für Arbeitsfragen einzutreten. Auch der Oberste Ausschuss des katarischen WM-Organisationskomitees sagte uns Konsultationen über eine vermeintliche "Arbeitnehmercharta" zu. Doch auch dieses Versprechen wurde gebrochen. Wir warten außerdem bis heute darauf, dass das katarische Arbeitsministerium seine Zusage einhält, uns die Unternehmen zu nennen, die Arbeitsgesetze im Land verletzen. Nachdem wir lange Zeit auf Veränderungen gewartet haben, entschied der IGB, die Kampagne national stärker zu verflechten und die Verantwortlichen in anderen Ländern stärker einzubinden. Wir haben deshalb im Oktober im DGB-Bundesausschuss eine Resolution verabschiedet, in der wir unter anderem den DFB auffordern, bei dem Thema aktiv zu werden. Der DFB steht unserem Anliegen positiv gegenüber. Ich habe die Vorsitzenden der Gewerkschaftsverbände aus allen Ländern, die im Exekutivkomitee der FIFA vertreten sind, darum gebeten, in ihren Heimatländern für unsere Ziele zu werben. Und DFB-Chef Wolfgang Niersbach hat sich im Gegenzug an die Verantwortlichen der Fußballverbände dieser Länder gewandt. Er hat außerdem im November 2013 ein Treffen mit FIFA-Präsident Joseph Blatter organisiert. Die FIFA hat sich daraufhin erstmals öffentlich kritisch zu den Arbeitsbedingungen in Katar geäußert. Auch die Medien haben das Thema inzwischen sehr stark aufgegriffen. Vor allem ein Beitrag der englischen Zeitung "The Guardian" hat international für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Auch bei der vergangenen WM in Südafrika haben Gewerkschaften gegen schlechte Arbeitsbedingungen protestiert. Damals war die Resonanz eher gering.

Warum ist die aktuelle Kampagne so erfolgreich?
Erfolgreich wird sie erst dann sein, wenn wir unser Ziel erreicht haben - und in Katar menschenwürdige Arbeitsbedingungen herrschen. Aber es sind einzelne, sehr mutige Menschen, die sich schon früh für die Arbeiter in Katar eingesetzt und die sklavenähnlichen Zustände ganz klar benannt haben. So hat beispielsweise Ramesh Badal, ein Anwalt des nepalesischen Gewerkschaftsbundes GEFONT, unter schwierigsten Bedingungen dafür gesorgt, dass der IGB ausreichend Informationen und Material sammeln konnte, um die Öffentlichkeit auf die Missstände aufmerksam zu machen. Viele der Arbeitsmigranten in Katar kommen aus Nepal. Zum anderen ist die internationale Solidarität, die wir diesmal organisieren konnten, beispiellos. Selten haben Gewerkschaftsverbände weltweit ihre Solidarität in diesem Ausmaß zum Ausdruck gebracht und eine Kampagne unterstützt: von der AFL-CIO in den USA über den All-Chinesischen Gewerkschaftsbund und der Federation of Independent Trade Unions of Russia bis hin zu zahlreichen europäischen Gewerkschaftsverbänden. Eine enge Kooperation zwischen diesen und anderen internationalen Organisationen bildet das Fundament für den Erfolg dieser Kampagne. Besonders geholfen hat aber auch, dass prominente Betroffene des "Kafala-Systems" ihre Geschichte erzählt und so für noch mehr Öffentlichkeit gesorgt haben. So berichtete der international bekannte Fußballer Adeslam Ouaddou von seinem Schicksal. Viel mediale Aufmerksamkeit gab es auch für die Freilassung des französischen Fußball-Profis Zahir Belounis und seiner Familie, die 17 Monate in Katar gefangen gehalten wurden.

Was kann die Kampagne langfristig bewirken? Sollte die Vergabe sportlicher Großereignisse an die Einhaltung von bestimmten Normen gekoppelt werden?
Eindeutig: ja. Der Zuschlag für ein Großereignis dieser Art muss künftig an Kriterien wie die Einhaltung von Menschenrechten und Arbeitsrechtsnormen geknüpft werden. Sie müssen in den Vergabeverfahren fest verankert sein. Bewerberländern darf künftig nicht mehr allein eine Hochglanz-Präsentation genügen, um den Zuschlag zu erhalten. Die Austragungsländer müssen mit "Host-City-Verträgen" rechtlich gebunden werden.

Die Delegierten der DGB Bundesjugendkonferenz haben im November 2013 einen Initiativantrag zum Thema eingebracht. Darin wird gefordert, dass Katar die Fußball WM wieder entzogen wird. Wie stehen da die Chancen?
Das ist schwer zu beurteilen. In erster Linie geht es uns aber vielmehr auch darum, eine dauerhafte Änderung der Arbeitsbedingungen zu erreichen. Mit dem Zuschlag für die Weltmeisterschaft an Katar wurde eine Tür geöffnet, die uns ermöglichte, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Arbeitsbedingungen in dem Emirat zu lenken und somit den Druck auf die entscheidenden Funktionäre zu erhöhen. Unser Engagement zielt vor allem auf nachhaltige Veränderungen für die Arbeitnehmer in Katar.

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Re-run the vote!
Viele Berichte zu den Arbeits- und Lebensbedingungen vieler Wanderarbeitnehmer im Wüstenstaat Katar sind schockierend. Schon seit längerem fordert der IGB: Keine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Arbeitnehmerrechte. Dies unterstützen die DGB-Gewerkschaften und haben eine Resolution verabschiedet. Die Gewerkschaften fordern den Deutschen Fußballbund (DFB) auf, zu handeln und auf den Weltfußballverband FIFA einzuwirken, damit Katar die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 entzogen wird: "Die andauernden Verletzungen fundamentaler Arbeitnehmerrechte und die Missachtung des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit sind unerträglich für eine Sportart, die eigentlich der ölkerverständigung dienen sollte. Der Weltfußballverband FIFA und damit auch der DFB als einer der größten Verbände sind in der Verantwortung, einen Veranstaltungsort für die Weltmeisterschaft auszuwählen, an dem die Arbeitnehmerrechte
respektiert werden."


Weitere Infos des DGB: www.dgb.de/-/JJS
Die Kampagne des IGB: www.rerunthevote.org/?lang=de


(aus der Soli 1/14, Autor: Jürgen Kiontke)