Deutscher Gewerkschaftsbund

Dieses Boot schwimmt nicht: Azubis im Zelt (Update)

(UPDATE 13. Januar 2021: Die Bootsbauer-Azubis konnten einige Besserungen durchsetzen! Siehe Kommentar von Berenike Stehmann)

Wer Blockunterricht in der Berufsschule in Lübeck hat, muss zelten. Die Lage der Bootsbau-Auszubildenden in der Berufsschule auf dem Priwall bei Lübeck. Von Hanna Holler

© Hanna Holler

Hanna Holler, 26, ist bei der IG Metall aktiv und Bootsbau-Auszubildende und Klassensprecherin des zweiten Ausbildungsjahrs an der Berufsschule Lübeck.

Wir sind schulpflichtige Auszubildende, die blockweise in den Schulunterricht auf den Priwall nach Travemünde müssen. Da das Einzugsgebiet der Schule 13 Bundesländer umfasst, sitzen in meiner Klasse also Schüler_innen aus ganz Deutschland. Die Unterkunft, die auf dem Campusgelände liegt, das Gästehaus der Berufsbildungsstätte Travemünde (BBT), ist leider kostenpflichtig. Zahlen müssen die Auszubildenden! Das kann richtig teuer werden. Campen ist da einfach eine finanzielle Alternative. Wir zelten da auf einer Wiese, acht Kilometer von der Schule entfernt.

Das Gästehaus der BBT bietet seine Betten Auszubildenden, Meisterschüler_innen und Besucher_innen an und legt dafür natürlich Preise fest.

In der Regel haben wir Bootsbau-Auszubildende vier Wochen Blockuntericht. Davon ist eine Woche ein überbetrieblicher Lehrgang, der u. a. aus Bundesmitteln mitfinanziert wird. Diese Lehrgänge müssen inkl. Unterkunft und Verpflegung von Arbeitgeberseite gezahlt werden. Das ist gesetzlich so geregelt. Die restlichen drei Wochen haben wir Schulunterricht in einer Landesfachklasse (das Gebäude gegenüber auf dem Gelände). Und weil Schulbildung Ländersache ist, gibt es plötzlich keine Regelung mehr, wer und in welcher Höhe für die Unterkunft aufkommt. Dass es keine einheitliche Regelung gibt, ist übrigens in ganz Schleswig-Holstein für Landesfachklassen ein Problem.

Nun kann zwar jede_r Auszubildende staatliche finanzielle Unterstützung beantragen. Dabei gelten aber immer bestimmte Berechnungsgrundlagen. Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) z. B. wird nicht für Zweitausbildungen gewährt. Ich bin gelernte Veranstaltungskauffrau, habe aber feststellen müssen, dass ich in diesem Beruf nicht glücklich werde. Das Alter, in dem ich einen Anspruch auf Kindergeld habe, habe ich nun auch überschritten, diese Unterstützung fällt weg. Und in die Berechnungsgrundlage für das Wohngeld fallen Unterbringungskosten während der Schulzeit gar nicht mit rein.

Die Ausbildungsbedingungen bei den Bootsbauer-Auszubildenden sind schon seit Jahren so. Unsere Lehrkräfte haben davon berichtet, dass sie selber früher auf der Wiese geschlafen haben.

Bereits 2014 bekamen zeltende Auszubildende schon Artikel in der örtlichen Presse. Damals bei Minustemperaturen. Ich selbst bin ja eben erst ins zweite Ausbildungsjahr gekommen. Auf der Wiese war ich in meinem letzten Schulblock im August diesen Jahres. Dort waren wir bis zu 26 junge Leute!

Die DGB-Jugend hat gemeinsam mit den Bootsbau-Auszubildenden zu einer Videokonferenz eingeladen. Mit dabei waren Vertreter_innen von IG Metall, ver.di und den Jugendorganisationen der demokratischen Parteien Schleswig-Holstein. Wir bekamen von ihnen Unterstützung zugesagt, sie haben das auch an ihre Mutterparteien herangetragen.

Auch die Regierung hat also die Thematik nun auf dem Tisch liegen. Mir genügt es aber noch nicht, wenn ich seitens der Politik höre: "Wir sind da dran". Das trocknet weder durchnässte Kleidung, noch wärmt es abends Zelte oder chauffiert mich von Schule zu Wohnort. Die Situation muss sich für alle Beteiligten ändern!

© IG Metall

Unter dem Motto "Zu wenig Geld, pennen im Zelt" haben die Auszubildenden im Bootsbau mit Unterstützung der DGB-Jugend vor dem Berufsschulzentrum auf dem Priwall protestiert. Die Kosten im Internat für die Unterkunft mit Verpflegung belaufen sich auf 429 Euro pro Schulblock (in manchen Fällen sogar auf 617,50 Euro). Bei Schüler_innen wie Hanna werden jedoch noch eine Woche Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung im Handwerk (ÜLU) und ein Zuschuss von 188 Euro abgezogen. Die Kosten müssen die Bootsbau-Azubis selber tragen, bei einer Ausbildungsvergütung von 311 bis 518 Euro pro Monat. Das müssen viele einsparen, indem sie in Zelten leben.

Oft ist es vom Geldbeutel der Eltern abhängig, ob sich die Auszubildenden ein Bett im Gästehaus leisten können. Viele von uns fallen aus dem Raster der staatlichen Hilfen (BAB, Kindergeld, Wohngeld).

Und dann gibt es eben noch immer Bundesländer, die die Ausbildungsnebenkosten ihrer Auszubildenden nicht so sehr auf ihrer Agenda haben. Schleswig-Holstein und Bremen zahlen keine Zuschüsse. Meine Schule hat aber direkt mit dem Land etwas gedealt und so bekomme ich als Auszubildende mit Wohnsitz in Schleswig-Holstein eine kleine pauschale Erstattung. Mein Banknachbar aus Bremen aber nicht - der muss den vollen Betrag zahlen (429 Euro). Bei einer Ausbildungsvergütung von 518 Euro pro Monat Das ist nicht fair.

Es gibt 230 "Splitterberufe" in der Bundesrepublik Deutschland, deren Auszubildende alle das gleiche Problem haben: Hohe Ausbildungsnebenkosten, keine Chancengleichheit, der elterliche Geldbeutel entscheidet mit. Es muss eine bundeseinheitliche Regelung geben, sodass die Fahrtkosten zum Ausbildungsort, Unterkünfte und Lehrmaterial für alle Schüler_innen übernommen werden und der Zugang für alle gesichert ist.

Wie sollen wir dem Fachkräftemangel entgegentreten, wenn wir unseren Fachkräften von morgen noch nicht mal die Ausbildung finanziell absichern? Wie soll ein Boot schwimmen, wenn seine Planken verrottet sind? Wir sprechen jetzt zusammen mit der Gewerkschaftsjugend mit Politik und Presse und hoffen auf eine politische Lösung. Weitere Aktionen werden medial stattfinden.

***

Das ist die Spitze des Eisbergs (Update 13. Januar 2021)

Berenike Stehmann

© Berenike Stehmann

 Berenike Stehmann ist Jugendbildungsreferentin der DGB-Jugend in Schleswig-Holstein.

Von Berenike Stehmann

Das, was den Kolleg_innen vom Bootsbau widerfährt, ist katastrophal und leider nur die Spitze des Eisbergs: Fast 60 Prozent der Auszubildenden in Deutschland können laut DGB-Ausbildungsreport von ihrer Ausbildungsvergütung nicht selbstständig leben. Wir fordern deshalb eine Mindestausbildungsvergütung, von der man leben kann, bezahlbare Wohnheime und günstigere Mieten für alle Auszubildenden.

Unser Vorschlag: Die flächendeckende Einrichtung von gemeinschaftlich nutzbaren Azubi-Apartments. Ihr Bau soll durch die öffentliche Hand finanziert werden. Als Betreiber ist dann ein Träger zu wählen, der die Mitbestimmung der Sozialpartner, also Gewerkschaften und Arbeitgeber, vorsieht.

Die DGB-Jugend Nord fordert zudem eine gesetzliche Regelung zur Übernahme von Unterkunfts- und Fahrtkosten für Auszubildende in Landesfachklassen. Auszubildenden sollen keine Kosten in Zusammenhang mit ihrer Ausbildung entstehen. Es muss ihnen unbürokratisch und im Voraus möglich sein, anfallende Kosten erstattet zu bekommen. Dabei darf eine Bedarfsprüfung nicht bei den Auszubildenden, sondern muss bei den Betrieben angesiedelt sein. Nur wenn ein Betrieb beweisen kann, dass er es nicht leisten kann, Fahrt- und Unterkunftskosten seiner Auszubildenden zu tragen, sollten diese durch öffentliche Mittel des Landes finanziert werden.

All das muss schnellstmöglich in einer gesetzlichen Regelung für Schleswig-Holstein verstetigt werden, sodass die Auszubildenden in Landesfachklassen verlässliche und ihren Bedürfnissen entsprechende finanzielle Entlastung erfahren.

(Update 13. Januar 2021: Neue Entwicklung)
Tatsächlich konnte in der Auseinandersetzung um Unterkunftskosten noch im Dezember 2020, kurz vor Weihnachten, ein Teilerfolg errungen werden. Der Druck, den die Bootsbau-Auszubildenden vom Priwall mit Unterstützung der DGB-Gewerkschaften sowie den Jugendorganisationen der Parteien in Medien und Landespolitik aufbauten, zeigt Wirkung. In einem Gespräch im Wirtschaftsministerium in Kiel wurde zugesagt, dass Auszubildende aus Landesfachklassen im Jahr 2021 Zuschüsse für ihre Unterkunftskosten beantragen können. Details werden der Förderrichtlinie zu entnehmen sein.
Die Fördermaßnahme wird im Sommer 2021 einer Evaluation unterzogen. So wird u. a. geprüft werden, wie viele Auszubildende tatsächlich Mittel beantragt haben. Diese Evaluation bzw. was in den nächsten Monaten passiert, wird wegweisend dafür sein, ob Schleswig-Holstein 2022 zu den 14 Bundesländern mit gesetzlicher Regelung für Auszubildende in Landesfachklassen aufschließt – und endlich eine gesetzliche Regelung einführt, die es den Auszubildenden ermöglicht, sich auf die Inhalte ihrer Ausbildung zu konzentrieren und nicht darauf, wo sie günstig übernachten können.

Infos und Kontakt: https://nord-jugend.dgb.de
Infos und Ansprechpartner_innen findet ihr in den Geschäftsstellen der IG Metall in Kiel/Neumünster und Lübeck/Wismar:
www.igmetall-kiel-neumuenster.de
www.igmetall-luebeck-wismar.de

Die DGB-Jugend warnt
Das Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BIBB) hat seine umfassende Analyse des Ausbildungsmarktes 2020 veröffentlicht. Fazit: Die Corona-Krise trifft den Ausbildungsmarkt hart – die Zahl der Neuverträge sinkt um 11 Prozent. Anlässlich der Zahlen appellieren Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger und der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann gemeinsam an Unternehmen, Ausbildungsplätze anzubieten, und an junge Menschen, sich auf Ausbildungsplätze zu bewerben. Die DGB-Jugend fordert eine Ausbildungsgarantie, eingebettet in eine solidarische Umlagefinanzierung.

Die Krise hat den Ausbildungsmarkt voll erwischt. Die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge ist um 57.600 auf 467.484 gesunken – und liegt damit erstmals unter der 500.000er-Marke. Der Rückgang ist mit einem Minus von 11 Prozent sogar höher als in der globalen Finanzkrise 2009 (-8,4 Prozent). Nach der Finanzkrise hatte sich der Ausbildungsmarkt nie wieder richtig erholt. Nun droht ein erneuter Substanzverlust. Das müssen wir verhindern!

Das Bundesprogramm "Ausbildungsplätze sichern" mit seinen Ausbildungsprämien dient als Erste Hilfe, es setzt aber nur an den Krisensymptomen an.

Die DGB-Jugend sagt: Es braucht eine strukturelle Therapie! Nötig ist eine Ausbildungsgarantie, die eingebettet in eine solidarische Umlagefinanzierung ist. Sie soll den Jugendlichen, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz bekommen, den Einstieg in Ausbildung garantieren und durch die Betriebe refinanziert werden.

Mehr Infos auf www.dgb.de/-/vOY

Das sagt die DGB-Jugend