Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildung in Zeiten von Corona

Der zweite Lockdown trifft viele Auszubildende hart. Eure wichtigsten Fragen beantwortet "Dr. Azubi". Teil 1.

Berufsschule und Homeschooling
Henry, im 2. Ausbildungsjahr zum Automobilkaufmann, fragt: "Die Berufsschule hat angekündigt, dass der Unterricht aufgrund der Corona-Situation ausfallen kann. Es findet dann aber kein Präsenzunterricht in Form von Online-Meetings statt, es werden lediglich Lernmaterialien und Aufgaben mit Abgabeterminen bereitgestellt. Muss ich in den Betrieb und die Aufgaben in meiner Freizeit lösen?"

"Dr. Azubi" antwortet: Normalerweise musst du in den Betrieb, wenn die Berufsschule ausfällt. Die Freistellungsverpflichtung des Betriebes ist unmittelbar an den Besuch der Berufsschule gebunden (§ 15 Berufsbildungsgesetz, BBiG).

Wenn die Berufsschule, wie in Henrys Fall, einen Alternativunterricht anbietet – das können Onlinekurse aber auch Arbeitsaufträge sein –, dann muss dein Betrieb dich ganz klar auch für diese Form des Unterrichts freistellen. Das ist nicht dein Freizeitvergnügen! Deine Schule muss dir die notwendigen Mittel – Programme, digitale Endgeräte, Arbeitsmaterialien – zur Verfügung stellen, damit du am Online-Unterricht teilnehmen kannst. Wenn dir in deiner Ausbildungsstätte ein geeigneter Platz zum Lernen zur Verfügung gestellt werden kann, dann kann dein Betrieb auch von dir verlangen, dass du das Homeschooling im Betrieb absolvierst. Natürlich geht das nicht in der Werkstatt zwischen Maschinen und Baulärm!

Geringe Auslastung und Minusstunden
Kristina, im 3. Ausbildungsjahr zur Hotelfachfrau, schreibt: "Guten Abend, während des Lockdowns hatte unser Hotel geschlossen. Wir Azubis wurden ein bis zwei Mal die Woche für Reinigungsarbeiten im Hotel eingeteilt. Da wir damit unsere 40-Stunden-Woche nicht voll hatten, wurden die nicht geleisteten Stunden als Minusstunden berechnet! Als unser Hotel endlich wieder geöffnet hatte, war ich bei 200 Minusstunden! Ein Vorschlag meiner Chefin: drei Monate weniger Ausbildungsvergütung, dafür keine Minusstunden mehr. Ist das alles erlaubt und gerecht? Ich meine, was können wir für diese Minusstunden und warum müssen wir darunter leiden?"

"Dr. Azubi" antwortet: Wenn der Ausbildungsbetrieb dich nach Hause schickt, verzichtet er auf deine Ausbildungsleistung. Eine Berechnung von Minusstunden ist in diesem Fall nicht rechtens. Denn die Ausbildungsvergütung muss weitergezahlt werden, wenn die Ausbildung aus Gründen, für die du nichts kannst, ausfällt, obwohl du bereitstehen würdest (§ 19 BBiG). Ausbildung kann auch unabhängig von der tatsächlichen Auslastung und Öffnung der Betriebe durchgeführt werden. Der Ausbildungsbetrieb hat nach § 14 BBiG eine Pflicht, dich auszubilden. Das heißt, dass der Ausbildungsbetrieb alle Mittel ausschöpfen muss, um deine Ausbildung auch weiterhin zu gewährleisten.

Hierbei hat er zum Beispiel diese Möglichkeiten:

  • Umstellung des Ausbildungsplans durch Vorziehen anderer Lerninhalte
  • Versetzung in eine andere Abteilung
  • Rückversetzung in die Lehrwerkstatt
  • Theoretische Vermittlung von Lerninhalten (z. B. schriftliche Aufgabenstellungen, Lektüre, digitale Lernmedien)
  • Aufgrund der besonderen Situation kann für einen beschränkten Zeitraum auch ein alternativer Ausbildungsort (Homeoffice etc.) sinnvoll sein.

Natürlich müssen deine Ausbilder_innen weiterhin präsent sein und dich mit Rat und Tat unterstützen. Ausbildungsfremde Arbeiten, wie in Kristinas Fall das Putzen des Hotels, sind nicht rechtens.

Verrechnung von Urlaubstagen

Kristina hat noch eine Nachfrage: "Mein Betrieb will auch noch meine Urlaubstage mit den Schließtagen verrechnen und schickt mich wieder nach Hause. Geht das?"

"Dr. Azubi" antwortet: Das Bundesurlaubsgesetz sagt, dass du dich mit deinem Ausbilder auf den Urlaubszeitpunkt einigen musst (§ 7 Bundesurlaubsgesetz). Das bedeutet, weder du noch dein Ausbilder können einseitig über den Zeitpunkt des Urlaubs bestimmen. Es gibt betriebliche Gründe, an die sich Arbeitnehmer_innen und Auszubildende halten müssen. Dazu zählen die Betriebsferien: Wenn dein Betrieb Betriebsurlaub macht, kannst du nicht ausgebildet werden und musst ebenfalls Urlaub nehmen. Es kommt also darauf an, aus welchem Grund du in Ferien gehst. Sollte dich der Betrieb trotzdem nach Hause schicken, dann hast du Anspruch auf Zahlung der vollen Ausbildungsvergütung für mindestens sechs Wochen (§ 19 Abs. 1 Nr. 2 BBiG). Wie es danach weitergeht, ist aktuell noch unklar. Im Zweifel hast du aber Anspruch auf ALG II.

Corona-bedingte Kündigung
Leo, Sport- und Fitnesskauffrau, fragt: "Hallo, mein Chef meinte jetzt zu mir, wenn wir wegen Corona wieder schließen müssen und wenn es länger als zwei Monate dauert, dann müsste er mir leider kündigen. Welche Möglichkeiten gibt es für mich? Was könnt ihr mir raten, ich bin verzweifelt, denn hier geht es um meinen Traumberuf!"

"Dr. Azubi" antwortet: Wenn dein Betrieb schließt, dann muss er erst alle Möglichkeiten ausschöpfen, um dich weiter auszubilden (Umstellung des Ausbildungsplans etc.). Und er trägt das Risiko dafür, dass dir innerhalb der Zeit alle wichtigen Ausbildungsinhalte vermittelt werden.

Ganz klar: Du hast einen Anspruch darauf, dass du trotz der Betriebsschließung weiter ausgebildet wirst. Wenn dein Betrieb das aufgrund von Corona nicht gewährleisten kann, dann muss er gemeinsam mit der zuständigen Kammer und der Agentur für Arbeit alle Hebel in Bewegung setzen, damit du einen anderen Ausbildungsbetrieb findest. Kümmert sich dein Betrieb nicht, dann macht er sich unter Umständen schadenersatzpflichtig.

Achtung: Wenn du noch in der Probezeit bist, kann dein Betrieb dich von einem auf den anderen Tag kündigen. Hierfür braucht es leider keine Begründung.

Unser Tipp: Es gibt im Moment viele Situationen in der Ausbildung, die für alle komplett neu sind. Da ist es hilfreich für dich, wenn du ein Sprachrohr für deine Interessen hast. Wende dich auf jeden Fall an deine zuständige Jugend- und Auszubildendenvertretung bzw. deine Gewerkschaft für weitere Unterstützung.


In Teil 2 wird es um Quarantäne, Arbeiten mit Risikogruppen, Kinderbetreuung und Prüfungen in Corona-Zeiten gehen.

(aus der Soli aktuell 1/2021, Autorin: Julia Kanzog)

Coronavirus/Covid-19
Wir dachten, wir brauchen das vielleicht nicht mehr – aber die letzten Entwicklungen haben es leider nötig gemacht, noch mal darauf hinzuweisen: Die DGB-Jugend stellt umfangreiche Informationen und Hilfestellungen für Auszubildende, junge Beschäftigte und Studierende bereit.

Besucht uns auf http://jugend.dgb.de/corona-infos

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