Deutscher Gewerkschaftsbund

Der Fachkräftekrise im Handwerk vorbeugen!

Sonderauswertung Ausbildungsreport 2020: Wer eine Ausbildung im Handwerk beginnt, muss mit schlechteren Bedingungen rechnen als in anderen Branchen. Von Daniel Gimpel

© DGB-Jugend/AdobeStock/Dusan Petcovic

Den Handwerks-Auszubildenden könnte es besser gehen. Den ganzen Ausbildungsreport gibt es auf https://jugend.dgb.de/ausbildungsreport-2020.

Gute Ausbildung auch mit Corona
Sophia lernt Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk im zweiten Ausbildungsjahr. Im Forum von "Dr. Azubi", dem Beratungsportal der DGB-Jugend, schreibt sie: "Ich stehe kurz vor der Zwischenprüfung, wovor ich richtig Angst habe, da mir vieles noch nicht gezeigt wurde."

Und sie ist kein Einzelfall: Vergleicht man die Aussagen der 2.679 für den Ausbildungsreport 2020 der DGB-Jugend befragten Auszubildenden im Handwerk mit den anderen Zahlen im Ausbildungsreport – insgesamt machten 13.347 Auszubildende in den 25 meistfrequentierten Berufen Angaben zu ihrer Ausbildung –, wird schnell klar: Bei Ausbildungsbedingungen und -qualität gibt es in den handwerklichen Berufen vielfach noch immer großen Nachholbedarf.

Die Gefahr, dass sich das unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie nochmal verschlechtert, ist groß. "Die Ausbildungsqualität muss auch in Corona-Zeiten stimmen", sagt DGB-Bundesjugendsekretärin Manuela Conte.

Auch wenn es vielfach Kurzarbeit gebe, müssten den Auszubildenden die Lerninhalte vermittelt werden. Auszubildende seien keine billigen Arbeitskräfte. Und mit Blick auf die sinkenden Ausbildungszahlen im Handwerk: "Angeschlagene Betriebe können die Unterstützungsgelder der Bundesregierung nutzen. Wer junge Menschen für sich gewinnen will, muss attraktive Bedingungen bieten."

Überstunden, wenig Perspektive...
Nicht nur, dass Auszubildende im Handwerk wesentlich häufiger Überstunden machen als das in anderen Branchen der Fall ist, sie müssen auch deutlich häufiger an mehr als fünf Tagen in der Woche im Betrieb arbeiten. 8,4 Prozent von ihnen haben keine Fünf-Tage-Woche (Ausbildungsreport: 4,5 Prozent). Zudem gab fast jede_r siebte (15 Prozent) Auszubildende in den Handwerksberufen an, keinen Ausgleich für geleistete Überstunden zu erhalten. Ein klarer Verstoß gegen das Berufsbildungsgesetz! Über alle befragten Berufe des Ausbildungsreports betrifft das knapp 11,9 Prozent der Auszubildenden.

Was die Ausbildungsqualität betrifft, hinkt das Handwerk auch 2020 hinterher. Der Anteil der Auszubildenden, denen kein_e Ausbilder_in zur Verfügung steht, ist im Handwerk mit 14 Prozent deutlich höher als der Durchschnittswert aller untersuchten Berufe im Ausbildungsreport (8,3 Prozent). Hinzu kommt, dass nicht mal jede_r zweite (50,3 Prozent) Auszubildende im Handwerk einen betrieblichen Ausbildungsplan vorliegen hat und deshalb die Ausbildungsinhalte nicht überprüfen kann (Ausbildungsreport: 34,4 Prozent). Auch das ist ein Gesetzesverstoß durch die Betriebe.

Bei den Perspektiven sieht es im Handwerk ebenfalls düster aus: 61,9 Prozent der Befragten wussten nicht, ob sie nach der Ausbildung von ihrem Betrieb übernommen werden. Im Ausbildungsreport waren es mit 56 Prozent deutlich weniger, auch wenn die Zahl hier ebenfalls viel zu hoch ist.

Schwerpunkt: Mobilität und Wohnen
Gerade in der dualen Ausbildung sind junge Menschen darauf angewiesen, die Lernorte Berufsschule, Hochschule und Betrieb gut und kostengünstig zu erreichen. Doch mit öffentlichen Verkehrsmitteln können ein Drittel (33,3 Prozent) der befragten Auszubildenden im Handwerk nur schlecht ihren Betrieb und darüber hinaus 16,1 Prozent kaum die Berufsschule erreichen.

"Der Personennahverkehr muss gerade in ländlichen Regionen massiv ausgebaut werden. Zudem brauchen wir ein kostengünstiges Azubi-Ticket in allen Bundesländern", fordert Conte. Denn dies mache nicht nur die duale Ausbildung insgesamt attraktiver, sondern fördere auch die Mobilität der Auszubildenden.

Fast 70 Prozent (67,1 Prozent) der Befragten im Handwerk sagen, dass sie "weniger gut" oder "gar nicht" selbstständig von ihrer Vergütung leben können. Mehr als jede_r Zweite (51,4 Prozent) ist von finanzieller Hilfe abhängig.

Kein Wunder, dass die meisten Auszubildenden noch zu Hause wohnen (74 Prozent). Dabei möchte die große Mehrheit (62,6 Prozent) der Befragten gern in einer eigenen Wohnung leben, kann sich dies aber wegen der hohen Mieten und der oft zu geringen Ausbildungsvergütung nicht leisten. Deshalb fordert die DGB-Jugend bezahlbare und attraktive Wohnheime, die flächendeckend als öffentlich geförderte Azubi-Apartments eingerichtet werden.

Insgesamt gilt: Um einer Fachkräftekrise im Handwerk vorzubeugen, benötigen Auszubildende gerade jetzt Garantien und Sicherheit. Conte: "Sie brauchen eine Garantie auf einen Ausbildungsplatz, sie brauchen eine Garantie auf gute Ausbildungsqualität und sie brauchen eine Garantie auf einen sicheren Übergang in den Beruf".


Daniel Gimpel ist politischer Referent und Ausbildungsexperte der DGB-Jugend.

(aus der Soli aktuell 1/2021, Autor: Daniel Gimpel)

Mitbestimmen, wie es im Handwerk läuft? Na klar!
Handwerker_innen können nicht nur als Betriebsräte oder JAVis in ihren Betrieben mitbestimmen, sondern auch in der handwerklichen Selbstverwaltung: In den 53 Handwerkskammern, die es bundesweit gibt, sind rund 2.100 Arbeitnehmer_innen aktiv. Jede Kammer hat eine Vollversammlung, die wie ein Parlament funktioniert. Dort geht es um Tarifbindung, Digitalisierung, Ausbildungsqualität und viele andere Themen, die für das Handwerk wichtig sind. Und die Teilnehmer_innen stellen Forderungen an die Politik.

Interesse?
Du hast eine abgeschlossene Berufsausbildung und arbeitest in einem Handwerksbetrieb? Sehr gut! Es spielt keine Rolle, ob du einen industriellen, kaufmännischen oder technischen Beruf hast. Sprich einfach eine_n Kolleg_in des DGB oder deiner Gewerkschaft an.

Der DGB stellt eine interaktive Karte mit allen gewerkschaftlichen Ansprechpartner_innen für das Handwerk bereit: www.dgb.de/handwerk/karte

Handwerk im Ausbildungsreport 2020