Deutscher Gewerkschaftsbund

Berlin-Brandenburg

Studieren in Zeiten von Corona - und danach?

CampusNews-Artikel der DGB Hochschulgruppe der TU Berlin

@ DGB Jugend Berlin-Brandenburg

Die Coronapandemie stellt unsere Gesellschaft und viele Menschen vor große Schwierigkeiten und Herausforderungen. Auch der Raum Hochschule ist davon stark betroffen. Die Hochschulen bereiten sich auf ein digitales Sommersemester vor und Studierende sowie Beschäftige bangen um ihre Finanzierung. Ob BAföG-Empfänger_innen, studentisch Beschäftigte in Kneipen und der Lehre oder Lehrbeauftragte und Forscher_innen. Sie alle stehen gerade vor massiven Veränderungen und finanziellen Schwierigkeiten. In unsere Rubrik Campus News lassen wir gewerkschaftlich organisierte Studierende und Beschäftigte zu Wort kommen: wie sie von der Krise betroffen sind, wie sie das Sommersemester an den Hochschulen angehen und was für Lösungen sie fordern.

Studieren in Zeiten von Corona - und danach?

-Nur mit Solidarität lässt sich dieses Semester meistern –

Die Corona-Pandemie hat einen Einfluss auf unserer aller Leben und vieles hat sich bereits verändert. Auch für uns Studierende ist es zu drastischen Veränderungen gekommen, denn das universitärere Berufs- und Sozialleben steht nahezu still. Einige von uns haben ihre Jobs verloren und machen sich Sorgen um die nächste Mietzahlung, viele sind einsam und stehen mit ihren Problemen allein da. Andere fühlen sich stark unter Druck gesetzt, kurz vor dem nächsten Semester konnten weder Prüfungen aus dem letzten Semester absolviert noch Hausarbeiten geschrieben werden, denn die Bibliotheken sind geschlossen und viele Bücher bisher nicht digitalisiert. Die Auswirkungen sind sehr vielschichtig.

Existentielle Fragen sind ohnehin zu Beginn eines neuen Semesters schon unangenehme Begleiterscheinungen des Studiums. Seien es die horrenden Kosten für Literatur, Material oder die Semestergebühren - Studieren kostet viel, in erster Linie viel Geld. Angesichts der Corona-Krise wird das Sommersemester 2020 für viele Studierende eine noch größere Herausforderung darstellen als zuvor schon. Ab dem 20. April werden alle Studieninhalte online an der TU Berlin mit dem datenschutzbedenklichen Programm „Zoom“ stattfinden. Das Semester soll zwar nicht zur Regelstudienzeit angerechnet und BAföG weiterhin ausgezahlt werden, aber trotzdem sind Menschen unterschiedlich von den politischen Maßnahmen betroffen.

Als gewerkschaftliche Vertreter_innen der DGB-Hochschulgruppe an der TU Berlin stellen wir unsfolgende Fragen: Sind die Bedingungen hier für alle gleichermaßen gerecht? Wer hat überhaupt die Möglichkeit dazu? Voraussetzung sind ein funktionierender Computer, eine stabile Netzverbindung und die finanzielle Sicherheit, jeden Monat die Internet-Rechnung zahlen zu können. Jedoch besitzen nicht einmal alle Studierende einen Computer und auch dieUni wird keine Rechner zur Verfügung stellen. Hier zeigt sich die soziale Ungleichheit von Studierenden, denn einige sind auf sich alleine gestellt, während andere finanziell von ihren Eltern unterstützt werden können.

Die aktuelle Krise verdeutlicht wer aufgrund seiner finanziellen Lage die Möglichkeiten zur Partizipation an den veränderten Prozessen hat und wer nicht. Auch werden in dieser besonderen Situation marginalisierte Berufsgruppen sichtbar, die viel für die Gesellschaft beitragen und trotzdem unterbezahlt sind. Ob Pflege, Einzelhandel, öffentlicher Nahverkehr, Post- und Paketdienste oder auch Transportfahrende - unsere Versorgung wird aktuell von Menschen gewährleistet, deren Branchen in den letzten Jahrzehnten privatisiert und aus wirtschaftlichen Interessen zunehmend Personal abgebaut hat. Die Unterbezahlung dieser systemstützenden Tätigkeiten führt neben der hohen psychischen und körperlichen Belastung auch zu tatsächlicher existenzieller Not. Besonders in Post-Coronazeiten wird mehr als nur Solidarität gegenüber allen Beschäftigten in den sogenannten systemrelevanten Berufen nötig sein. Mit Solidarität meinen wir, dass Klatschen und ein „nettes Danke“ nicht ausreichen, sondern dass sich grundliegend Arbeitsbedingungen verbessern müssen und dazu gehört auch eine wesentlich höhere Bezahlung. Eine Möglichkeit, sich für jene besseren Bedingungen 'auch als Student*in' einzusetzen, wäre der Eintritt in eine Gewerkschaft. Wir müssen uns nunmehr denn je gewerkschaftlich organisieren.

Als Studierende sollten wir uns außerdem vor Augen führen, dass auch im akademischen Betrieb nicht alle in gleichen sozialen Verhältnissen leben und viele von Armut betroffen sind. Wir brauchen keine exklusive Uni, sondern eine die für alle zugänglich ist und Menschen nicht aufgrund materieller Verhältnisse ausschließt. Vielleicht birgt auch das kommende Semester trotz aller Ungewissheit ein positives Potenzial für Veränderungen, zum Beispiel könnten alle Unikurse aufgezeichnet und für interessierte zugänglich gemacht werden, und auch Studis könnten die Kurse flexibel nachholen, die wegen eines Studiums mitKind oder Arbeitszeiten während der eigentlich Seminarzeit abwesend sind.

Wir müssen aufeinander achten, anstatt aufgrund von Leistungsdruck zu konkurrieren und individuell zu agieren. Nicht ohne Grund haben historisch während Pandemien immer dort mehr Menschen überlebt, die sich solidarisch zueinander verhalten haben und gemeinsam organisiert haben, anstatt als Einzelkämpfer*in zu handeln. Was wir brauchen ist eine aktive Mitbestimmung und die Möglichkeit zur Selbstverwaltung, anstelle vieler bürokratischer Hürden und einer Leistungspunktejagd.

Wir können anfangen uns gemeinsam zu organisieren und die Lehre und Uni aktiv mitgestalten und schauen, dass wir niemanden hinter uns lassen, aufeinander achten und uns unterstützen.

Antonia Gundelach & Maximilian Baran von der DGB Hochschulgruppe an der TU Berlin

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