Deutscher Gewerkschaftsbund

Berlin-Brandenburg

Manchmal hat man das Gefühl, man ist ein Mensch zweiter Klasse

von Anja Krüger

Michaela M. (Name geändert) studiert Naturwissenschaften in der Informationsgesellschaft an der TU Berlin. Sie ist studentische Hilfskraft in der Verwaltung der TU, vorher war sie in der Bibliothek tätig. Im vergangenen Herbst hat das Landesarbeitsgericht Berlin entschieden: Studentische Hilfskräfte, die wie Michaela M. in nicht-wissenschaftlichen Bereichen beschäftigt sind, sind nicht nach dem Tarifvertrag für Studierende (TV-Stud) zu entlohnen, sondern müssen nach dem – höheren - Tarifvertrag der Länder (TV-L) bezahlt  werden. Dafür müssen sie aber individuell den TV-L geltend machen und voraussichtlich einklagen.

Wie hat die Leitung der TU auf das Urteil reagiert?

Ich kenne viele, die in den ersten Monaten des Jahres ihre Jobs verloren haben, weil Verträge ausliefen und nicht verlängert wurden. Stellen wurden nicht neu ausgeschrieben. Ich habe noch einen der letzten Verträge bekommen, aber es würde mich in anderthalb Jahren genauso treffen. An der Uni heißt es: Dann arbeitet doch woanders. Aber es ist gut, wenn Studium und Arbeit an einem Platz sind und man nicht noch die ganzen Fahrtwege hat. Von vielen Festangestellten wird nicht gesehen, dass der Job für uns nicht irgendein Hobby ist. Dass wir ein Studium haben und ich zum Beispiel ein Kind, und der Job unterzukriegen sein muss, das geht unter.

Wird die Arbeit der Studierenden nicht angemessen gewürdigt?

Die fehlende Wertschätzung spielt eine große Rolle. Manchmal hat man das Gefühl, man ist ein Mensch 2. Klasse - obwohl die studentischen Hilfskräfte teilweise viel Verantwortung haben. Vor kurzem hatten wir eine Versammlung mit den Gewerkschaften und dem Personalrat. Da wurde klar, wie hoch die emotionale Belastung ist, wenn die Wertschätzung fehlt. Beim Streik im vergangenen Herbst für den TV-Stud wurde sehr gegen uns gewettert. Schnell heißt es: Geht doch woanders arbeiten. Den meisten ist nicht klar, dass sie nicht den nächsten Studenten holen können, weil die Stellen ja nicht mehr ausgeschrieben werden. Dieses Klima hängt mit der gelebten Kultur an der Uni zusammen. Ich glaube, dass die Vorgesetzten in den Abteilungen nichts anders machen, wenn von oben nichts anderes kommt. Ich habe den Job gewechselt, ich bin aus der Bibliothek raus, weil es da besonders schlimm ist. In meinem jetzigen Job geht es besser.

Wie verhält sich die Hochschulleitung ?

Wir hatten eine große Personalversammlung von den studentischen Hilfskräften. Eingeladen war der Kanzler der Uni, aber  es kam jemand anders. Der sagte, der Präsident hat vergessen, das er eine Dienstreise hat. Viele studentische Hilfskräfte waren da, weil sie Antworten wollten, wie es weitergeht. Schließlich ging es um ihre Jobs, die endeten. Aber es war kein Ansprechpartner da. Die Vertretung konnte keine Antworten geben. Das ist ein Zeichen, wie egal der Hochschulleitung ihre Mitarbeiter sind. Wir reden nicht von drei, sondern von sehr vielen studentischen Beschäftigten. Ich finde interessant, dass  ausgerechnet eine Uni Studenten nicht zu schätzen weiß.

Wirst Du den TV-L für dich geltend machen?

Das weiß ich noch nicht. Ich muss abwägen, was günstiger ist für mich. Ich arbeite in einer Abteilung, die von Drittmitteln finanziert wird. Die Frage ist, in wieweit bin ich finanzierbar, wenn ich mehr Geld bekommen müsste. Die Frage ist auch: Wie viel Kraft habe ich für so einen Streit. Ich finde, die Uni sollte von sich aus aktiv werden.

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