Deutscher Gewerkschaftsbund

Probleme in meiner Ausbildung

Hallo, 

Ich bin Azubi im 2. Lehrjahr und habe das Gefühl das bei mir im Laden einiges schief läuft.

Ich habe einen schwerbehinderten Status von 60 % und mache täglich Überstunden, 10-11h auf arbeit zu sein ist für mich völlig normal geworden aber bringt mich körperlich und auch psychisch an meine Grenzen. Da es momentan keine abteilungs leiter für den backshop und die kühlung gibt muss ich diese beiden Abteilungen komplett alleine übernehmen was viel stress bedeutet. Das geht schon seit einigen Monaten so und wird sich wohl nicht so schnell ändern.. mein Chef selbst nennt dies ein Azubi Projekt, aber ich sollte doch auch die anderen Abteilungen kennen für meine Prüfung. Ich sehe mich nicht mehr als Azubi sondern als abteilungs leiterin.

Dann wurden mir auch schon Pausen gestrichen oder verkürzt und frei hatte ich an einem Wochenende schon lange nicht mehr, obwohl mir doch wenigstens 1 Samstag im Monat zustehen würde.

Es sind einfach so viele Dinge die da meiner Meinung nach nicht richtig laufen und ich spiele oft mit dem gedanken die Ausbildung abzubrechen um mich und meiner Gesundheit nicht weiter zu schaden.  Meine Frage an Sie, kann ich irgendetwas tun? Welche Anlauf stelle wäre die richtige den das Unternehmen hat keine Gewerkschaft oder so, soweit ich weiß.

Mit freundlichen Grüßen 

Sarah

Sarah: 28.11.2022 |
  • RE: Probleme in meiner Ausbildung

    Hallo Sarah!

    Vielen Dank für deine Anfrage! Deine Arbeitszeiten klingen wirklich sehr belastend und es ist nicht in Ordnung, dass auf deinen Behinderungsstatus keine Rücksicht genommen wird. Viele deiner Fragen drehen sich um das Thema Arbeitszeit, darum zunächst eine kurze Erklärung, wies rechtlich aussieht für volljährige Azubis, denn auch für Azubis über 18 Jahre gibt es Beschränkungen bei der Arbeitszeit.

    Die tägliche Höchstarbeitszeit liegt bei acht Stunden (§ 3 Arbeitszeitgesetz). Sie kann zwar auf zehn Stunden täglich und 60 Stunden wöchentlich verlängert werden – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird

    Arbeitszeit ist die Zeit, die du jeden Tag in deinem Ausbildungsbetrieb verbringst. Die Pausen gehören nicht zur Arbeitszeit. Die Zeiten, die du in der Berufsschule verbringst, werden dir auf die Arbeitszeit angerechnet. Deine tägliche oder auch wöchentliche Arbeitszeit ist in deinem Ausbildungsvertrag festgelegt. Die Zahlen, die ich dir nenne, sind das absolute Maximus, was du arbeiten darfst. Es kann sein, dass für dich nochmal andere Regelungen gelten, die weniger Arbeitszeit vorsehen.  

    Für volljährige Azubis gibt es keine gesetzliche Regelung, welche die Fünf-Tage-Woche vorschreibt, der Samstag ist im Arbeitszeitgesetz ein ganz normaler Werktag. Volljährige dürfen in bestimmten Branchen auch am Sonntag und an Feiertagen beschäftigt werden, wenn die Arbeit nicht an anderen Tagen erledigt werden kann (§§ 9,10 Arbeitszeitgesetz). Allerdings müssen mindestens 15 Sonntage im Jahr arbeitsfrei sein. Außerdem steht dir für die Beschäftigung an Sonntagen ein Ersatzruhetag zu, der innerhalb von zwei Wochen gewährt werden muss. Für die Beschäftigung an einem Feiertag, der auf einen Werktag fällt, steht dir ein Ersatzruhetag zu, der innerhalb von acht Wochen gewährt werden muss (§ 11 Arbeitszeitgesetz).

    Du darfst also nach dem Arbeitszeitgesetz an sechs Tagen pro Woche durchschnittlich 48 Stunden arbeiten. Trotzdem gilt für fast alle volljährigen Azubis ebenfalls die Fünf-Tage-Woche, weil sie in Tarifverträgen festgelegt ist. Und auch die Arbeitszeit ist oft in Tarifverträgen deutlich niedriger festgelegt. Bei deiner Gewerkschaft kannst du erfragen, ob es für deinen Ausbildungsberuf einen bindenden Tarifvertrag gibt.

    Auch bei Azubis über 18 Jahren muss die Arbeitszeit durch im Voraus feststehende Pausen unterbrochen werden. Arbeitspausen sind einerseits aus biologischen Gründen notwendig, andererseits dienen sie dazu, Überlastung und Unfallrisiken zu vermeiden. Die Pause muss bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs Stunden mindestens 30 Minuten lang sein und bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden mindestens 45 Minuten. Du darfst nicht länger als sechs Stunden ohne Ruhepause beschäftigt werden (§ 4 Arbeitszeitgesetz).

    Falls dein Betrieb sich nicht an das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.

    Du schreibst, dass du oft Überstunden machen musst, deswegen hört sich das für dich vielleicht seltsam an, aber: Überstunden musst du als Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeitern - nur freiwillig machen. Warum? Du machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck der Ausbildung dienen, das heißt dein Ausbilder oder eine ausbildungsbeauftragte Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest!

    Wenn du Überstunden freiwillig machst gilt: Minderjährige dürfen nicht mehr als 40 Stunden die Woche arbeiten (§ 8 Jugendarbeitsschutzgesetz). Volljährige dürfen durchschnittlich nicht mehr als 48 Stunden und zeitweise maximal 60 Stunden arbeiten – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird (§ 3 Arbeitszeitgesetz)!

    Achtung: Wenn du nach der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeit noch im Betrieb bist und es kommt zu einem Arbeitsunfall, kannst du Probleme bekommen, weil die Unfallversicherung der Berufsgenossenschaft unter Umständen nicht zahlt. Falls dein Betrieb sich nicht an das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.

    Überstunden müssen dir selbstverständlich vergütet oder in Freizeit ausgeglichen werden (§ 17 Berufsbildungsgesetz).

    Du willst keine Überstunden mehr machen?

    Dann solltest du

    1.     Nach der Probezeit zunächst um ein Gespräch mit deinem Ausbilder bitten. Nimm, falls möglich, ein Betriebsrat-Mitglied mit. Sage im Gespräch, dass du nicht bereit bist, weiter so viele Überstunden zu leisten, und berufe dich auf die festgelegte Ausbildungszeit.

    2.     Eine schriftliche Aufforderung schreiben. Hebe die Kopie des Schreibens auf. Hier ist ein Musterbrief:

    Sehr geehrte/r Frau/Herr …,

    Laut Ausbildungsvertrag beträgt meine tägliche Arbeitszeit …. Stunden. Die vertraglich festgelegte Ausbildungszeit reicht aus, um die Ausbildungsinhalte zu vermitteln. Trotzdem muss ich regelmäßig Überstunden leisten.

    Einige Beispiele:

     

    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden: …...

    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden: …...

    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden: …...

    Die Überstunden dienen oft nicht dem Ausbildungszweck. Während der Überstunden ist häufig kein Ausbilder anwesend. Diese Arbeitszeiten verstoßen zudem gegen das JArbSchG/ArbZG.

    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, sich an die vertraglich festgelegte Arbeitszeit zu halten und Überstunden zukünftig nur noch in betrieblichen Notfällen anzuweisen.

     

    Mit freundlichen Grüßen,

    [Unterschrift Auszubildende_r]

     

    3.     Falls die Überstunden unbezahlt sind, solltest du sie möglichst bald schriftlich geltend machen. Wenn der Betrieb merkt, dass deine Arbeit nicht gratis ist, überlegt er es sich vielleicht anders.

    4.     Falls das alles nicht hilft kannst du den Rechtsweg einschlagen. Dazu wende dich an deine Gewerkschaft, der Rechtsschutz den du dort hast, reicht für die arbeitsrechtlichen Streitfälle aus. Es gibt für jede Branche eine zuständige Gewerkschaft, die sich für die Rechte der Arbeitnehmer_innen und Azubis einsetzt und ihre Interessen vertritt. Hier ist ein Kontakt in deiner Nähe:

    Ver.di
    Schützenplatz 14
    01067 Dresden
    Tel.: 0351 / 48422-0
    E-Mail: service.sat@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_einer Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

    Außerdem könntest du dich an eine_einer Ausbildungsberater_in der Kammer/Innung wenden und mit ihm_ihr ein persönliches Gespräch vereinbaren, denn die sind dafür da, die Ausbildung in den Betrieben zu kontrollieren.

    Es ist auch nicht in Ordnung, wenn du ständig alleine Arbeiten musst. Ausbildung kann nur dann stattfinden, wenn am Ausbildungsplatz ein Ausbilder oder ein Ausbildungsbeauftragter anwesend ist, der dich ausbildet. Laut § 14 Abs. 1 Nr. 2 des Berufsbildungsgesetzes (BBIG) muss der Ausbildende selbst ausbilden oder einen Ausbilder oder eine Ausbilderin ausdrücklich damit beauftragen. Der Ausbilder oder die Person, die mit der Ausbildung beauftragt ist, muss dem Azubi Fragen beantworten und ihn in Arbeitsvorgänge einweisen. Er oder sie muss seine Arbeitsergebnisse kontrollieren und dafür sorgen, dass der Azubi alle wichtigen Ausbildungsinhalte erlernt. Daraus ergibt sich, dass er eigentlich immer anwesend sein muss. Der Azubi darf also nicht alleine am Ausbildungsplatz sein oder nur in Gesellschaft von anderen Azubis, Praktikanten und Ungelernten, die als Ausbilder nicht geeignet sind. Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach § 102 BBiG mit einem Bußgeld geahndet werden! Auch hier gilt: Mach deinen Betrieb nochmal schriftlich darauf aufmerksam und hol dir sonst Hilfe bei deiner Gewerkschaft.

    Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.

    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren willst, dann folge diesem Link: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/mitglied-werden

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 29.11.2022


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