Deutscher Gewerkschaftsbund

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Zeiterfassung/Ausbildungsfremde Tätigkeiten

Lieber Dr. Azubi,

ich befinde mich im 3. Lehrjahr in einem handwerklichen Betrieb und mache dort meine Ausbildung in der IT-Branche.

Im Grunde genommen sind leider alle Bedingungen nicht zufriedenstellend. Ich bekomme leider eindeutig weniger Ausbildungsvergütung als meine Klassenkameraden (Als Beispiel: Die meisten bekommen ca. 800€ Netto - ich bekomme leider nur 750€ Brutto), die Arbeitszeiten sind fest, ich darf auch wenn ich Überstunden aufbaue keine Abbauen, es sei denn, ich kündige es lange vorher an und selbst dann, sind maximal 2 Stunden möglich. 
Diese Dinge stören mich extrem.

Allerdings geht es jetzt um die noch wichtigeren Sachen: Ich muss ständig Ausbildungsfremde Tätigkeiten übernehmen. In den letzten beiden Wochen und auch allgemein in meiner gesamten Ausbildung musste ich ständig Tätigkeiten ausführen, wie z.B. Garten sprengen, wöchentliche Botenfahrten um Geld abzuholen oder Kaffee zu kaufen, das Bohren von Tischen, Hilfe bei Umzügen und die Überprüfung von Rechnungen. Diese Tätigkeiten haben leider überhaupt nichts mit meiner Tätigkeit als Fachinformatiker zu tun. Aufgaben, die meiner Ausbildung weiterhelfen könnten, bekomme ich so gut wie garnicht, eventuell einmal die Woche oder noch seltener. Wenn ich mich beschwere und dem Chef sage, dass das alles Ausbildungsfremde Inhalt sind, kommt nur sowas wie "Da muss man eben durch. Ist hier kein Wunschkonzert". 

Ich habe mich leider am Wochenende bei einem Autounfall etwas verletzt, bin aber trotzdem arbeiten. Mein Arm tut weh und ich kann somit nicht schwer heben. Als ich dann die Aufgabe bekommen habe, mal wieder bestimmte Sachen von A nach B zu schleppen, habe ich gesagt dass ich das Aufgrund meines Unfalls nicht schaffe. Ich wurde daraufhin gebeten, mich komplett krank zu melden, da ich ja meine Aufgaben nicht mehr erledigen kann. Ich habe darauf hin gesagt, dass meine Aufgaben am Computer stattfinden und ich diese ganz normal ausüben kann. Jetzt soll ich als Strafe dafür, dass ich nicht schleppen will jeden Tag genau aufschreiben was ich zu welcher Uhrzeit gemacht habe (musste ich vorher nicht einmal wöchentlich).

Des Weiteren musste ich auch schon 16 Stunden am Stück arbeiten (von Vormittags bis zum nächsten Morgen) mit ca. 1 Stunde Pause. Auch sonst werden die Zeiten hier in der Firma komisch erfasst. Wir haben ein Stempelsystem. Wenn ich mich z.B. um 07:03 einstempel, also quasi zu spät bin (07:00 Arbeitsbeginn), wird mir automatisch eine viertelstunde abgezogen. Ich bin dann laut System also erst um 07:15 da. Wenn ich jedoch bis 16:10 arbeite (16:00 Arbeitsende normalerweise), bekomme ich keine Überstunden bzw. Minuten gutgeschrieben, sondern es zählt, als wäre ich um 16:00 gegangen. Erst ab genau 16:15 bekomme ich dann die 15 Minuten gutgeschrieben. Ist das Rechtens? Manchmal kann man eben nicht genau Feierabend machen und wenn ich dann bis 5 nach arbeite, ist das quasi meine Freizeit, die ich opfere.

Haben Sie Vorschläge, wie ich mit der Situation umgehen kann? Ich fühle mich hier alles andere als wohl. Schulisch stehe ich auch gut (1,9 Schnitt).

Vielen Dank im Vorraus.

PR123: 02.08.2022 |
  • RE: Zeiterfassung/Ausbildungsfremde Tätigkeiten

    Hallo lieber Azubi, 

    schön, dass du dich an Dr. Azubi gewendet hast. 

    Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan. In dem steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst. 

    Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz: http://www.bibb.de/de/berufesuche.php

    Deinem Ausbildungsvertrag muss ein Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb geplant wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten übertragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§ 14 Berufsbildungsgesetz). Leider passiert es relativ häufig, dass Auszubildende mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beauftragt werden. Ausbildungsfremde Tätigkeiten (also Arbeiten, die nicht dem Ausbildungszweck dienen) sind z. B.  regelmäßiges Putzen oder ausbildungsfremde Botengänge. Alle diese Tätigkeiten sind verboten! Auch unnötige Wiederholungen bereits gelernter Fähigkeiten – so genannte ausbildungsfremde Routinearbeiten – dienen nicht dem Ausbildungszweck! Alle Verstöße gegen die Ausbildungspflicht des Betriebes sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach § 102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!

    Wenn du zu oft ausbildungsfremden Tätigkeiten erledigen muss, solltest du dich wehren! Denn sonst kann das Erreichen deines Ausbildungsziels gefährdet sein. Hier sind ein paar Tipps für dich, wie du dich wehren kannst:

    1. Sprich die Situation bei deinem Chef an. Wenn du keinen Ausbildungsplan hast, solltest du verlangen, dass dieser erstellt wird. Zähle deinem Ausbilder konkret die fehlenden Inhalte auf, die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch. Sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern deinen Beruf richtig zu lernen. Falls vorhanden: Schalte außerdem die JAV und den Betriebsrat ein.

    2. Wenn das Gespräch nichts bringt, solltest du den Ausbilder schriftlich auffordern. Hebe eine Kopie des Schreibens auf. Hier ist ein Musterbrief:

    Sehr geehrter Herr/Frau…,

    laut § 14 Berufsbildungsgesetz darf der Ausbildungsbetrieb den Azubi nur mit Arbeiten beauftragen, die dem Ausbildungszweck dienen. Als Ausbilder/Meister sind Sie verantwortlich dafür, dass die Berufsausbildung entsprechend des Ausbildungsrahmenplans durchgeführt wird. Ich muss allerdings häufig auf Ihre Weisung oder auf Weisung von Kolleg_innen hin ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten. Einige Beispiele: 

    - [Bitte hier die ausbildungsfremden Tätigkeiten mit genauer Datums- und Zeitangeben aufführen.]

    Ich fordere Sie hiermit noch einmal schriftlich auf, solche Weisungen zu unterlassen und mache Sie darauf aufmerksam, dass Ihnen ein Bußgeld droht und Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

    Mit freundlichen Grüßen,

    [Unterschrift Azubi]

    3. Wenn auch das nichts bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen. Hier ist ein Kontakt in deiner Nähe:

    Verdi Sitz des Landesbezirks Niedersachsen/Bremen
    Goseriede 10
    30159 Hannover

    Tel.: 0511/12400-0
    Fax: 0511/12400-150
    E-Mail: service.nds-hb@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_einer Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

    Außerdem könntest du dich an eine_einer Ausbildungsberater_in der Kammer/Innung wenden und mit ihm_ihr ein persönliches Gespräch vereinbaren, denn die sind dafür da, die Ausbildung in den Betrieben zu kontrollieren.

    Viel Erfolg! Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 03.08.2022


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