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Praktikumsproblem...Ausbeutung oder normaler Wahnsinn?

So ich gehöre zu den typischen Pechvögeln die auf krummen Lebenswegen im Handwerk landen und habe ein paar Baustellen Erfahrungen und kann auch viele Werkzeuge/Maschinen recht sicher und selbstständig bedienen. Mein Traumberuf war lange Zeit Tischler*in und mache jetzt ein Praktikum in einer Tischlerei, nachdem mir eine Zimmerei, in der ich mich sehr wohlgefühlt habe, mir diese empfohlen hat.
Jetzt bin ich aber nach einer  Woche in dem Laden von den geplanten, zwei  am Ende mit meinen Nerven und frage mich, ob ich trotz recht netten Kollegium hart ausgenutzt werde. Sollte ich lieber Krank feiern (AU vom Doc) und es  nochmal in einem anderen Betrieb probieren?

Mein Problem ist:

Ich lerne nichts, ich putze oft die Werkstatt, oder mach knüppelharte Scheissarbeit, da ist das Holzbretterschleifen trotz krasser Vibrationsexposition noch wirklich schön(wenn ich mir einen Stuhl an die Werkbank Stelle gibt es Sprüche), einen Tag habe ich nach kurzer Einweisung Fingerschutzelemente an die Türen  einer Kita geschraubt (alleine), den anderen Tag habe ich mit der Junggesellin riesige Schalbretter zur Plattensäge geschleppt zugeschnitten und dann am Nachmittag die Kanten der Bretter mit der Stabfräse bearbeitet (riesen Stapel teilweise wogen die Massivholzbretter an die 25kg). Ansonsten habe ich heute Morgen den ganzen Vormittag die Werkstatt geputzt, danach wieder geschliffen. Irgendwie fühlt sich das echt kacke an. Denn schleifen ist schön und sehr meditativ aber ich lerne nichts dabei und das sind alles so Aufgaben da könnten die auch eine Hilfskraft für einstellen.

Ich frage mich, ob ich bei meinem vorherigen Praktikum in der Zimmerei zu sehr verwöhnt wurde,  (Ellenlange Fachvorträge vom Meister, ein Dankeschön fürs Baustelle fegen und hin und wieder eine Dödel Aufgabe wie Streichen, mal n bisschen dämmen, da eine Sparrenaufdopplung, und immer wieder allerhand spannende Fachvorträge über Dämmtechnik und Statik und eine Art Welpenschutz damit ich als unerfahrener ,,untrainierter" Mensch mir den Rücken nicht kaputt mache)

In der Schreinerei lerne ich gefühlt einfach nichts, kein Altgeselle/Meister dem ich beim Möbelbau über die Schulter gucken darf, keine Fachvorträge, kein Projekt das eine Frage wert wäre, nur Scheissarbeit und Putzen und immer wieder wird mir das  Gefühl von den Leuten vermittelt: "wag es nicht herumzustehen sei immer beschäftigt zu, Not fege die Werkstatt" ansonsten wirkst du faul, anstatt das ich mal ne Holzrestekiste und n paar Werzeuge in die Hand kriege. (hier probier mal diese Verbindungstechnik)

Ist das so noch normal? Ansonsten sind die Leute menschlich halbwegs Ok, außer das ich eine Rüge bekommen habe als ich heute Morgen zu spät kam mein Rucksack nach oben gebracht habe einen Kaffee geholt habe und dann nach unten gegangen bin ein paar Schlücke Kaffee getrunken habe, um nen Überblick zu bekommen, was es Zutun gibt.

Habe ich den falschen Traumberuf oder nur einen schlechten Betrieb?

Bin ich einfach nicht hart genug?

Wie soll ich damit umgehen?

Ich dachte das ich am Montag erstmal mit den Leuten rede.... ich glaube eh das die mich inzwischen für hart desinteressiert oder mega dumm halten, weil ich psychisch richtig fertig versuche das irgendwie durchzuziehen und Dienst nach Vorschrift mache und versuche irgendwie mitzuhalten und heute nach der Rüge einfach heulend rausgerannt bin...

Oder soll ich mir gleich eine AU fürs Jobcenter holen?

Das Praktikum ist ja freiwillig aber trotzdem beim Jobcenter gemeldet wegen BG-Versicherung, wenn ich da offiziell  kündige reichen meine Beschwerden für eine offizielle Kündigung? Da, gibt es ja in dem Meldezettel so eine Regelung das ich keinen Arbeiter ersetzen soll der Geldwerte-Arbeit verrichtet.....

Muss ich ansonsten eine Kürzung fürchten?

Und wenn sich nichts ändert, gibt es Karriere technisch Ärger, wenn ich ,,Petze"? weil das worüber ich mich beschwere nicht reicht.Die Handwerker in meiner Stadt kennen sich gefühlt alle.

Sollte ich vielleicht den Meister von der Zimmerei, bei der ich vorher war, informieren, die haben mir den Betrieb ja Lehrbetrieb empfohlen?

Evtl. noch die Handwerkskammer informieren oder die Innung?

Oder schieße ich mit den letzten beiden Punkten mit Kanonen auf Spatzen und mache mir unnötig stress wenn ich ne ordentliche Kündigung beim Jobcenter einreiche?

Oder ist das, was ich erlebe ganz normaler Wahnsinn, Lehrjahre sind keine Herrenjahre .....Ich mein ich putze ja auch gern oder mach Dödel Arbeit aber dann eher als fairer Deal, cooles Wissen gegen Fegen...

Ich hoffe, ihr wisst mehr zum rechtlichen Nebelfeld des Praktikantinnen Daseins?

Samarath: 10.09.2021 |
  • RE: Praktikumsproblem...Ausbeutung oder normaler Wahnsinn?

    Hallo Samarath!

    Vielen Dank für deine Anfrage im Forum. Gerne helfen wir dir.

    Aller Anfang ist schwer. Das klingt nach einem abgedroschenen Spruch, doch es liegt viel Wahrheit darin - vor allem wenn es um die Eingewöhnung an einer neuen Ausbildungsstelle geht. Du musst dich nicht nur erst einmal mit den Kollegen und Vorgesetzten (mitsamt ihrer teilweise ruppigen Umgangsweisen), sondern auch mit den Arbeitsabläufen vertraut machen. Wenn man in einem neuen Betrieb anfängt, ist es also gar kein Wunder, dass die Freude an der Ausbildung manchmal etwas auf sich warten lässt denn erst, wenn man sich eingelebt und sich eine gewisse Selbständigkeit erarbeitet hat, ist man nicht mehr so stark von den Anweisungen (und Launen) anderer abhängig.

    Dementsprechend würde ich dir raten, erst einmal abzuwarten, wie sich die Situation während deiner Probezeit entwickelt. Aber aus der Distanz habe ich natürlich keinen Einblick, wie schwer dir das fällt. Wenn dich die ganze Situation also zu sehr belastet und du keine Kraft hast, abzuwarten, ob es sich bessern wird, solltest du konkret über einen Ausbildungsplatzwechsel nachdenken.

    Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:

    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de,  oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

                        

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

     

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

     

    -schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz


    -mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel

    eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten


    -Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)


    -mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung

    -wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt


    -angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist


    -systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


     

    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

     

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.


    Hier ist ein Kontakt für dich:

     

    IG Metall Köln-Leverkusen

     

    Hans-Böckler-Platz 1

    50672 Köln

    +49 221 951524 0

    koeln-leverkusen@igmetall.de

    www.koeln-leverkusen.igmetall.de

     

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst.... Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monate.

     

    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren willst, dann folge diesem Link: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/wer-wir-sind

     

     

     

    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

     

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

     

    Liebe Grüße

     

    Dr. Azubi


    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

     

    Hier kannst du Mitglied werden

    https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/mitglied-werden

    Dr. Azubi: 11.09.2021


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