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Demotivierender Bertrieb und der Gedanke aufzuhören

Lieber Dr. Azubi,

ich hätte nie gedacht, dass ich jemals in eine solche Situation komme, in der ich online nach Hilfe suche. Damit die Geschichte auch einen persönlichen Aspekt von mir hat: ich bin eigentlich ein Mensch, der Dinge durchzieht, der viel lernt und lernen will, der kreativ ist und sich eigentlich nicht schnell aus der Fassung bringen lässt. Nun hatte ich aber das Pech in einen Betrieb zu kommen, wo ich Menschen kennengelernt habe, die ich so noch nie zuvor getroffen habe. Nach langem überlegen war ich so froh, dass ich nun endlich wusste wie meine berufliche Karriere sein sollte und als ich endlich einen Ausbildungsplatz fand, war ich so erleichtert. Nach 2 Monaten erkannte ich aber, dass die Leute in der Firma nicht das Gelbe vom Ei waren. Man wurde angeschriehen wegen kleinster Fehler, durfte dem Vorgestezten das Essen vorbereiten und regelmäßig den Kaffee bringen, Aufgaben werden unklar gegeben und bei Nachfragen gab es Unverständnis, wenn man es nicht sofort verstanden hat. Wenn man in seinen Augen zu Unrecht runter gemacht wurde und man gerne sich verteidigen wollte oder zumindest erklären, warum man so gehandelt hat, wird einem das Wort unterbunden, man darf gar nicht reden, seine Meinung sagen. Man bekommt etwas gesagt, was von heute auf morgen wieder falsch sein kann und weiß nie, ob nun etwas richtig oder falsch ist, weil schon so oft, dann doch was anderes gewünscht wurde, obwohl man das Gegenteil gesagt bekommen hat. Man sagt einen man "sei rotzefaul", "hinter dem Durchschnitt" obwohl man sich Mühe gibt und die Noten in der Berufsschule was anderes sagen. Man wird wirklich psychisch fertig gemacht. Ich konnte eine Zeit lang alles gut weglächeln, sagte mir "du schaffst das", aber einen Nervenzusammenbruch (das klingt stark übertrieben, mag es auch sein, aber es war wirklich ein scheiß Gefühl) nach einem 2 minütgen Telefonat mit einem Kollegen, empfinde ich nicht mehr als einen Umstand den ich weglächeln kann und möchte. Ich werde so oft runter gemacht und schlecht geredet, dass ich selbst an mir Zweifel habe, nachts nicht schlafen kann, merke wie mein Herz schneller schlägt, wenn mich wieder einer der Kollegen oder der Vorgesetzte zu mir ruft, weil ich das Telefon falsch eingestellt hatte oder ein Video falsch benannt hatte oder zumindest nicht in der Art wie sie es wollten. In der Zeit, in der ich die Ausbildung mache, haben schon 3 Kolleginen, dass Handtuch geworfen. Mit einer habe ich noch Kontakt, die meinte, dass in den 20 Jahren ihr noch nie solche Menschen begegnet wären. Eine Azubine-Kollegen haben sie so lange gemobbt bis sie einen Aufhebungsvertrag unterschrieben haben, weil sie sie loswerden wollten. Der Werkstudent hat gekündigt, weil sich alles wie ein Streitgespräch angefühlt hat und dennoch dachte und hoffte ich wirklich, dass ich das schaffe bei denen. Ich spiele oft mit und tue so, als würde ich mich mit diesen Leuten verstehen, damit ich nicht zu viel Schaden trage. Aber in letzter Zeit geht es mir einfach nicht gut, ich bin gerade auf der Siche nach einem Therapeuten. Viele fragen mich dann "Hast du mal versucht mit denen drüber zu reden?" In der Vergangenheit wurde das schon sehr oft versucht, doch das interessiert nicht. Die Meinung des Azubis hat keinen Wert, der Chef hat immer Recht, es kommen Aussagen wie "ich glaube dir nicht", oft darf man nicht zu Wort kommen, man wird als vollwertige Person nicht respektiert, die auch eine Ansicht hat. Und bin ich hier, schreibe eine unmöglich lange Nachricht und wollte fragen, was kann ich tun? Ich will da raus, aber mitten in der Corona-Krise und kurz vor dem 3. Lehrjahr wechseln ist auch ein denkbar schlechter Zeitpunkt. Ich schaue mich derzeit trotzdessem um. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, was für eine Antwort genau ich zu suchen mag, aber ich denke ich bräuchte erstmal irgendeine, weil ich gerade mit meinen Nerven am Rande der Klippe stehe. Entschuldigen Sie den langen Text und die Dramatik, aber da ist echt viel, was man zu dieser Firma bzw. den Leuten sagen kann und das ohne zu übertrieben tatsächlich. 

Ich hoffe diese Nachricht bringt einen Effekt, das würde ich mir sehr wünschen, danke fürs lesen. c:

Azubine845: 05.04.2020 |
  • RE: Demotivierender Bertrieb und der Gedanke aufzuhören

    Hallo Azubine845,

    vielen Dank für deine Anfrage, gern helfen wir dir weiter.

    Du scheinst eine schwierige Zeit zu erleben und es ist wirklich bewundernswert, wie du bis jetzt damit umgegangen bist. Ich kann nachvollziehen, wie du dich fühlst und stimme dir auch zu. Die Verhältnisse in deinem Betrieb scheinen alles andere als gut zu sein.

    Ich kann dir natürlich nicht sagen, was du machen sollst, aber nur so weit: Wenn du dich in deinem Betrieb unwohl fühlst, du aufgrund der Umstände vielleicht sogar krank wirst oder du im schlimmsten Fall deine Ausbildung nicht schaffst, weil dein Betrieb dich nicht anständig ausbildet, dann ist es meines Erachtens nach absolut gerechtfertigt sich einen neuen Betrieb zu suchen.

    Ich kann dir leider auch nicht sehr viel weiterhelfen, als dass ich dir sage, dass du vollkommen Recht hast. Als Azubi bist du im Betrieb um zu lernen und nicht um gleich alles richtig zu machen – leider vergessen das viele Ausbilder. Was an der Sache natürlich nichts ändert.

    Wenn du glaubst, dass sich deine Ausbildungssituation in deinem jetzigen Betrieb nicht verbessern wird, überlege dir, ob nicht vielleicht ein Ausbildungsplatzwechsel die richtige Lösung für dich wäre. Ein Ausbildungsplatzwechsel ist wirklich kein Beinbruch, aber du solltest jetzt nichts überstürzen, sondern in Ruhe nach etwas neuem suchen. Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am besten folgendermaßen vor:


    1.Am Anfang steht die Ausbildungsplatzsuche. Du solltest erst kündigen, wenn du einen neuen Ausbildungsplatz gefunden hast, denn dann stehst du bei der Bewerbung nicht unter Druck und das (noch) bestehende Ausbildungsverhältnis ist ein gutes Arbeitszeugnis und macht glaubhaft, dass nicht der Betrieb etwas an dir, sondern du etwas an dem Betrieb auszusetzen hast. Für deine Bewerbung kannst du dir bei deiner Berufsschule einen aktuellen Notenstand besorgen. Mehr Infos zur Bewerbung findest du hier: www.azubi-azubine.de/mein-recht-als-azubi/kuendigung-durch-den-azubi.html#Bewerbung. Um deine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, kannst du auch Probearbeiten. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de,  oder www.ihk.de. Schau auch in der Zeitung und in den Stellenportalen im Internet nach oder frag im Bekanntenkreis und an der Berufsschule. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2.Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist. Aufhebungsvertrag ist, dass es sich um eine vorzeitige Lösung des Ausbildungsverhältnisses im Einverständnis mit deinem Ausbilder handelt. Bei einem Aufhebungsvertrag gibt es keine Frist. Im Klartext heißt das, du und dein Ausbilder könnt das Beendigungsdatum auf einen beliebigen Zeitpunkt setzen. Du solltest im Vorfeld deinen Ausbilder auf einen Aufhebungsvertrag „vorbereiten“, damit dein Weggang nicht aus heiterem Himmel kommt. Erkläre ihm auch die Gründe für deinen Wechselwunsch und unterschreibe den Aufhebungsvertrag nur, wenn du schon sicher eine neue Ausbildungsstelle in der Tasche hast. Ein einmal unterschriebener Aufhebungsvertrag kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

    3.Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein „wichtiger Grund“ vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

     

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


     

    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angaben der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten), dann musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein, die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen! Denn wenn deine Gründe für die fristlose Kündigung nicht ausreichen, hat dein Betrieb die Möglichkeit Schadensersatzansprüche innerhalb von drei Monaten nach Beendigung gegen dich geltend zu machen.

    Als Vorbereitung einer fristlosen Kündigung ist es wichtig für dich Nachweise zu sammeln. Wenn du beispielsweise aufgrund von einer andauernden Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten fristlos kündigen möchtest, dann ist dein Berichtsheft mit der Aufzeichnung der ausbildungsfremden Tätigkeiten ein guter Nachweis. Wenn du aufgrund schwerer Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder Arbeitszeitgesetz kündigen möchtest, dann ist ein Dienstplan/Arbeitszeitnachweis für dich wichtig.

    Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

    4.Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Mein Rat wäre, dich nochmal an deine zuständige Gewerkschaft zu wenden. Die Kolleginnen und Kollegen kennen sich mit diesen Themen sehr gut aus und können dich im Zweifelsfall auch rechtlich beraten. Hier ist ein Kontakt für dich:

    IG Metall
    Geschäftsstelle Frankfurt am Main 
    Wilhelm-Leuschner-Str. 69-77
    60329 Frankfurt
    Tel.: 069/242531-0
    Fax: 069/242531-42
    E-Mail: frankfurt-am-main@igmetall.de
    www.igmetall-frankfurt.de

    Da kannst du anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und sagen, dass du von Dr. Azubi kommst.... Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.

    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren wollt, dann folge diesem Link: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/wer-wir-sind

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!     

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi     
    P.S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 07.04.2020


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