Deutscher Gewerkschaftsbund

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Krankheit durch Druck

Sehr geehrtes Dr. Azubi Team,

ich bin im 2. Lehrjahr zur Industriekauffrau und habe nun schon 34 Fehltage angesammelt.

Dies kommt nicht, weil ich blaumachen will sondern weil ich einfach Angst habe in diesen Betrieb zu gehen.

Da ich jedoch diesen Ausbildungsabschluss haben möchte, muss ich ja schließlich doch dorthin.

Nach meinem letzten Gespräch mit meiner Ausbilderin war ich nicht gerade motivierter. Sie sagte mir das, dass unternehmen dies nicht dulden muss und ich mir ernsthaft sorgen machen müsse, bei weiterer Krankheit.

Sie sagte auch das der Betrieb ab 10% der Fehltage entscheidet, ob ich zur prüfung zugelassen werde.

Nun habe ich extrem Angst vor einer Kündigung oder einer Verweigerung der Abschlussprüfung.

Ich hoffe Sie können mir einen guten Rat geben, sodass ich keine Angst mehr habe muss.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfsmaedchen

Wolfsmaedchen: 05.12.2018 07:45:54 |
  • RE: Krankheit durch Druck

    Hallo Wolfsmädchen,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Es ist gut, dass du dir Hilfe suchst und wir beraten dich gerne.

    Zunächst einmal: Wenn du krank bist, bist du krank und kannst nicht arbeiten. Deshalb kannst du nicht gekündigt werden. Der Gesetzgeber sieht in so einem Fall nämlich Lohnfortzahlung im Krankheitsfall vor (§3 Entgeltfortzahlungsgesetz).
    Du warst bist jetzt 37 Tage krank, was in etwa 7 Wochen entspricht. Zur Abschlussprüfung wird zugelassen, wer nicht mehr als 10% der Ausbildungszeit verpasst; bei drei Jahren sind das 3,6 Monate, was in etwa 12-14 Wochen entspricht. Ob du zur Abschlussprüfung zugelassen wirst, entscheidet aber nicht dein Betrieb, sondern die zuständige Kammer. Dein Betrieb kann lediglich Bedenken äußern, wenn sie dort der Meinung sind, du würdest die Prüfung nicht schaffen. Dann hast aber auch du die Möglichkeit, mit der Kammer zu sprechen und dort z.B. deine Schulnoten zu zeigen (wenn sie gut sind).
    Ich kann dich also beruhigen: Dein Betrieb entscheidet nicht, ob du zugelassen wirst und kann dich auch wegen Krankheit nicht kündigen!
    Es ist klar, dass dich die Äußerungen deiner Ausbilderin stark unter Druck setzen und dir Angst machen. Sie hat dir gegenüber eigentlich eine Fürsorgepflicht, das bedeutet, dass sie dich vor Anfeindungen und Druck beschützen muss (§14 Berufsbildungsgesetz).

    Du kannst versuchen, mit ihr nochmal über die Sache zu sprechen. Du kannst dabei selbstbewusst auftreten, weil du jetzt weißt, dass dir nichts passieren kann, solange du dich an deine Pflichten hältst.

    Aus deiner Anfrage geht hervor, dass dir deine Ausbildung sehr wichtig ist und du sie auch unbedingt erfolgreich beenden willst. Du bist schon im zweiten Lehrjahr, hast aber auch noch gut die Hälfte der Ausbildung vor dir.
    Du solltest dir deshalb überlegen, den Ausbildungsplatz zu wechseln. Denn wenn du jetzt schon Angst hast, in die Arbeit zu gehen, wird sich das vermutlich noch verschlimmern und dir weitere Probleme bereiten.

    Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:
    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

    Hier ist ein Kontakt für dich:

    Ver.di Dresden
    Cottaer Str. 2
    01159 Dresden
    Tel.: 0351/49476-0
    Fax: 0351/49476-32
    E-Mail: bz.swos@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 06.12.2018 11:21:57


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