Deutscher Gewerkschaftsbund

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Überstundenvergütung und Minusstunden

Hallo,

ich bin jeden Mittwoch von 8-15.10 Uhr in der Berufsschule und muss neuerdings danach in den Betrieb, der regulär um 18 Uhr schliesst.

Meine Frage: Wird die Zeitspanne von 8-15.10 Uhr mit 8 Zeitstunden angerechnet oder sind die 7 Stunden und 10 Minuten entscheidend? Ausserdem wären bei der zweiten Variante die Stunden ab 16 Uhr doch bezahlte Überstunden oder?

Mir wurde heute eröffnet, dass ich schon einige Minusstunden angesammelt hätte, weil ich, obwohl das vorher mit dem Betrieb abgesprochen war, an einigen Mittwochstagen im letzten Jahr nicht nach der Schule in den Betrieb bin.

Was läuft da schief? Die Zeit ab 15.10 Uhr in der ersten Variante oder ab 16 Uhr bei der zweiten sind doch definitiv bezahlte Überstunden und die Nichtableistung nicht automatisch Minusstunden?!?
Ausserdem wurde das einfach angeordnet; Meister ist gleichzeitig einziger Ausbilder und gerade am Abend oftmals nicht in der Werkstatt, ich hänge dort also noch zwei Stunden unbezahlt rum und darf Schrauben sortieren oder die Küche putzen?

Johnny: 13.03.2018 18:17:55 |
  • RE: Überstundenvergütung und Minusstunden

    Lieber Johnny,

    vielen Dank für deine Anfrage im Forum.

    Auch Volljährige sind nach dem Gesetz für den Berufsschulunterricht freizustellen, die Teilnahme am Unterricht geht der betrieblichen Ausbildung vor (§15 Berufsbildungsgesetz). Das gilt auch dann, wenn du nicht mehr schulpflichtig bist. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat in seinem Urteil vom 26. März 2001 (Az: 5 AZR 413/99) festgelegt, wie die Berufsschulzeiten auf die Arbeitszeit angerechnet werden müssen: Die Freistellung umfasst demnach nicht nur die reine Unterrichtszeit, sondern auch die Zeiten des notwendigen Verbleibs in der Berufsschule, zum Beispiel unterrichtsfreie Zeiten, Pausen und die Wegzeiten zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb.

    Die Berufsschulzeit ist also auf die vertragliche Arbeitszeit anzurechnen, allerdings gibt es einen Haken: Eine Freistellung ist nur dann möglich, wenn sich Unterrichtszeit und Ausbildungszeit überschneiden. Findet die Berufsschule also zu Tageszeiten statt, an denen nicht regelmäßige Ausbildung stattfindet, erfolgt keine Freistellung und keine Anrechnung. Es kann also passieren, dass Auszubildende in bestimmten Fällen weit über die vertraglich geregelte Arbeitszeit hinaus Zeit in Berufsschule und Betrieb verbringen, die absolute Höchstgrenze liegt dabei bei der gesetzlich vorgeschriebenen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden.

    Oft verlangen Ausbilder von volljährigen Azubis, dass sie nach der Berufsschule noch in den Betrieb kommen sollen. Hier gilt: Von der täglichen Arbeitszeit wird die gesamte Zeit in der Berufsschule abgezogen, falls die Berufsschule während der üblichen Arbeitszeit stattfindet (inklusiver Pausen in der Berufsschule). Außerdem wird der Weg von der Berufsschule in den Betrieb auf die Arbeitszeit angerechnet. Ist die Zeit, die der Azubi nach der Berufsschule noch im Ausbildungsbetrieb verbringen kann zu kurz, um dem Ausbildungszweck zu dienen – nämlich weniger als 30 Minuten, kann der Ausbilder die Rückkehr des Azubis nicht verlangen.

    Ein Beispiel:
    Ein volljähriger Azubi hat eine vertraglich vereinbarte 40-Stunden-Woche. Die betriebliche Arbeitszeit des Azubis dauert täglich von 9 bis 18 Uhr. Der Berufsschulunterricht findet einmal wöchentlich von 8 bis 13.30 Uhr statt. Für die Fahrt in den Betrieb benötigt der Auszubildende 45 Minuten. In diesem Fall muss er nach dem Berufsschulunterricht von 14.15 bis 18.00 Uhr im Betrieb anwesend sein. Da zwischen 8 Uhr und 9 Uhr keine betriebliche Ausbildung stattfindet, ist eine Freistellung in dieser Zeit nicht möglich. Nimmt man nun die Summe der Berufsschulzeiten und der betrieblichen Ausbildungszeiten, kommt der Auszubildende auf 41 Stunden wöchentliche Arbeitszeit. Diese Mehrarbeit muss er hinnehmen und zwar bis zu einer Höchstgrenze von 48 Stunden.

    Dies führt zu immensen Ungerechtigkeiten: Besonders hart trifft es Auszubildende mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten wie zum Beispiel Bäcker. Es kann aber auch vorkommen, dass Auszubildende in ein und demselben Betrieb unterschiedliche Klassen besuchen und an unterschiedlichen Tagen beschult werden. Sind die betrieblichen Ausbildungszeiten unregelmäßig, kann dies bedeuten, dass einigen Auszubildenden die Berufsschulzeit voll angerechnet wird, anderen nicht. Einige zuständige Stellen haben sich in Richtlinien für die weitere Anrechnung von acht Stunden ausgesprochen. In großen Betrieben wird die Freistellung oftmals in Betriebsvereinbarungen geregelt und es gibt auch Tarifverträge, die eine pauschale Anrechnung festlegen. Trotz des Urteils kommt es immer wieder zu starken Ungerechtigkeiten, die Situation ist für viele Auszubildende und Ausbilder unübersichtlich. Die Gewerkschaften fordern seit langem eine gesetzliche Klarstellung, aber auch im neuen Berufsbildungsgesetz hat sich nichts geändert!
    Was nicht der Fall sein darf, dass du nach der Berufsschule komplett alleine im Betrieb bist, Ausbildung kann nur dann stattfinden, wenn am Ausbildungsplatz ein Ausbilder oder ein Ausbildungsbeauftragter anwesend ist, der dich ausbildet. Laut § 14 Abs. 1 Nr. 2 des Berufsbildungsgesetzes (BBIG) muss der Ausbildende selbst ausbilden oder einen Ausbilder oder eine Ausbilderin ausdrücklich damit beauftragen. Der Ausbilder oder die Person, die mit der Ausbildung beauftragt ist, muss dem Azubi Fragen beantworten und ihn in Arbeitsvorgänge einweisen. Er oder sie muss seine Arbeitsergebnisse kontrollieren und dafür sorgen, dass der Azubi alle wichtigen Ausbildungsinhalte erlernt. Daraus ergibt sich, dass er eigentlich immer anwesend sein muss. Der Azubi darf also nicht alleine am Ausbildungsplatz sein oder nur in Gesellschaft von anderen Azubis, Praktikanten und Ungelernten, die als Ausbilder nicht geeignet sind. Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!

    Wenn du noch weitere Unterstützung brauchst, dann kannst du dich auch an deine zuständige Gewerkschaft vor Ort wenden.

    Hier ist ein Kontakt für dich in deiner Nähe:


    IG Metall Berlin
    Adressdaten
    Strasse / Nr.: Alte Jakobstr. 149
    PLZ, Ort: 10969 Berlin
    Telefon: 030/253870
    Fax: 030/25387200
    E-Mail:kontakt@igmetall-berlin.de
    Homepage :www.igmetall-berlin.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi

    Dr. Azubi: 13.03.2018 18:36:06


  • RE: Überstundenvergütung und Minusstunden

    Das ich mehr arbeiten muss, unter welchen Umständen auch immer, ist mir irgendwie klar -

    Die Frage war aber: Ist die Mehrarbeitszeit über den vertraglich vereinbarten Stunden als Überstunden anzusehen und abzurechnen?

    Wie wird ein Berufsschultag wirklich abgerechnet? Netto, also die tatsächlich in der Schule verbrachte Zeit, oder wird ein Berufsschultag von 8 - 15.10 Uhr mit 8 Stunden abgerechnet?

    Johnny: 13.03.2018 18:47:52


  • RE: Überstundenvergütung und Minusstunden

    Lieber Johnny,

    vielen Dank für deine Nachfrage.

    Zu deiner ersten Frage: Mehrarbeit über die vertraglich vereinbarte Ausbildungszeit laut Ausbildungsvertrag sind als Überstunden müssen nach dem Berufsbildungsgesetz selbstverständlich vergütet oder in Freizeit ausgeglichen werden (§17 Berufsbildungsgesetz).

    Einzige Ausnahme: Die Berufsschulzeit wird bei Volljährigen nur auf die Arbeitszeit angerechnet, wenn sich Berufsschule- und Arbeitszeit überschneiden. In diesem Fall kann es sein, dass du über deine vertraglich vereinbarte Arbeitszeit hinauskommst und diese nicht als Überstunden gezählt werden.

    Zur Verdeutlichung noch einmal ein Beispiel:
    Ein volljähriger Azubi hat eine vertraglich vereinbarte 40-Stunden-Woche. Die betriebliche Arbeitszeit des Azubis dauert täglich von 9 bis 18 Uhr. Der Berufsschulunterricht findet einmal wöchentlich von 8 bis 13.30 Uhr statt. Für die Fahrt in den Betrieb benötigt der Auszubildende 45 Minuten. In diesem Fall muss er nach dem Berufsschulunterricht von 14.15 bis 18.00 Uhr im Betrieb anwesend sein. Da zwischen 8 Uhr und 9 Uhr keine betriebliche Ausbildung stattfindet, ist eine Freistellung in dieser Zeit nicht möglich. Nimmt man nun die Summe der Berufsschulzeiten und der betrieblichen Ausbildungszeiten, kommt der Auszubildende auf 41 Stunden wöchentliche Arbeitszeit. Diese Mehrarbeit muss er hinnehmen und zwar bis zu einer Höchstgrenze von 48 Stunden.

    Zu deiner zweiten Frage: Die Freistellung umfasst die reine Unterrichtszeit, sondern auch die Zeiten des notwendigen Verbleibs in der Berufsschule, zum Beispiel unterrichtsfreie Zeiten, Pausen und die Wegzeiten zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb. Die Anrechnung erfolgt wie oben beschrieben. Also dann, wenn sich Berufsschule- und Arbeitszeit überschneiden. Ist das bei dir der Fall, dann wird deine Berufsschule mit 7 Stunden und 10 Minuten angerechnet.

    Ich hoffe deine Nachfragen beantwortet zu haben.
    Alles Gute für deine weitere Ausbildung! Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße


    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 14.03.2018 18:19:45


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