© DGB-Jugend

Dr. Azubi

Betriebswechsel

Hallo,

Ich bin Azubi im ersten Ausbildungsjahr. Gerade ging meine Probezeit zu Ende und nun aber,bin ich nicht mehr zufrieden in diesem Haus. Der Chef ist nun sehr sauer auf mich und ist sehr aggressiv in manchen Situationen. Zum Beispiel, weil ich in der letzten Dezemberwoche ,auch zu Weihnachten schon, sehr krank war. . Er hat mich des Todes angebrüllt und glaubt mir nicht,,dass ich mich irgendwie irgendwo angesteckt oder sonstewas habe. Ich hatte dolle Angst und nun habe ich immernoch Angst in seiner Nähe und auf Arbeit zu gehen. Ich weiß,ein Chef wird mal sauer,aber als Vergleich,habe ich eine Geschichte meiner ehemaligen Kollegin. Sie wurde so fertig gemacht von ihm,dass sie zitternd und weinend ankam,nur weil es nivht sauber genug in der Abteilung war. Es war für die Dame so schlimm,dass sie sogar eine Anzeige machen möchte,da er nicht nur selten so ist. Mein Azubikollege wird von ihm auch sehr nieder gemacht,weil er so "nervt ohne überhaupt zu reden" (Seine Worte) . Da ich auch schon länger von ihm so vollgepöbelt werde,möchte ich hier nicht mehr sein. Die Frage ist nur:

Wie kann ich den Betrieb einfacher Wechseln?

Und ja ich bin mir 1000000% sicher diesen Schritt zu gehen. Schon seit längerem. Ich möchte mich auch mal auf den Arbeitstag freuen und nicht Angst haben oder nicht auf Arbeit wollen ( Das ist schon seit 2 Monaten ungefähr)

Ich danke vielmals 

Mfg😪😇

RE: Betriebswechsel

Hallo Nosaj!

Vielen Dank für deine Anfrage! Das tut mir leid, dass du im Betrieb so schlecht behandelt wirst und dass auch deine Kolleg*innen so unter deinem Chef leiden müssen. Das ist nicht ok und ich finde es bemerkenswert, dass ihr euch wehrt. Du solltest dich auf keinen Fall unter Druck setzen lassen, wenn du krank bist, bist du krank. Du musst dich dann nur ordentlich krank melden.

Ein Ausbildungsplatzwechsel ist wirklich kein Beinbruch, aber du solltest jetzt nichts überstürzen, sondern in Ruhe nach etwas neuem suchen. Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am besten folgendermaßen vor:

1.     Am Anfang steht die Ausbildungsplatzsuche. Du solltest erst kündigen, wenn du einen neuen Ausbildungsplatz gefunden hast, denn dann stehst du bei der Bewerbung nicht unter Druck und das (noch) bestehende Ausbildungsverhältnis ist ein gutes Arbeitszeugnis und macht glaubhaft, dass nicht der Betrieb etwas an dir, sondern du etwas an dem Betrieb auszusetzen hast. Für deine Bewerbung kannst du dir bei deiner Berufsschule einen aktuellen Notenstand besorgen. Mehr Infos zur Bewerbung findest du hier: http://www.azubi-azubine.de/bewerbung

Um deine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, kannst du auch Probearbeiten. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind findest du unter https://www.arbeitsagentur.de oder https://www.meinestadt.de, oderhttps://www.ihk.de. Schau auch in der Zeitung und in den Stellenportalen im Internet nach oder frag im Bekannt*innenkreis und an der Berufsschule. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

2.     Sobald du was Neues hast -und erst dann! - kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist. Aufhebungsvertrag ist, dass es sich um eine vorzeitige Lösung des Ausbildungsverhältnisses im Einverständnis mit deinem*deiner Ausbilder*in handelt. Bei einem Aufhebungsvertrag gibt es keine Frist. Im Klartext heißt das, du und dein*e Ausbilder*in könnt das Beendigungsdatum auf einen beliebigen Zeitpunkt setzen. Falls du noch minderjährig bist, müssen deine Eltern den Aufhebungsvertrag auch unterschreiben. Du solltest im Vorfeld deine*n Ausbilder*in auf einen Aufhebungsvertrag „vorbereiten“, damit dein Weggang nicht aus heiterem Himmel kommt. Erkläre ihm*ihr auch die Gründe für deinen Wechselwunsch und unterschreibe den Aufhebungsvertrag nur, wenn du schon sicher eine neue Ausbildungsstelle in der Tasche hast. Ein einmal unterschriebener Aufhebungsvertrag kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

3.     Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein „wichtiger Grund“ vorliegt (§ 22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

  • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz
  • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
  • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten
  • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)
  • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
  • wenn deinem Betrieb die Ausbilder*inneneignung entzogen wird oder er gar keine besitzt
  • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist
  • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)

Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbilder*inneneignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat, sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten), dann musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein, die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder*in bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen! Denn wenn deine Gründe für die fristlose Kündigung nicht ausreichen, hat dein Betrieb die Möglichkeit Schadensersatzansprüche innerhalb von drei Monaten nach Beendigung gegen dich geltend zu machen.

Als Vorbereitung einer fristlosen Kündigung ist es wichtig für dich Nachweise zu sammeln. Wenn du beispielsweise aufgrund von einer andauernden Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten fristlos kündigen möchtest, dann ist dein Berichtsheft mit der Aufzeichnung der ausbildungsfremden Tätigkeiten ein guter Nachweis. Wenn du aufgrund schwerer Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder Arbeitszeitgesetz kündigen möchtest, dann ist ein Dienstplan/Arbeitszeitnachweis für dich wichtig.

Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Wenn der*die Azubi kündigt, ist der*die Ausbilder*in oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen. Hier ist ein Kontakt für dich:

Ver.di
Le
iter­str. 1
39104 Magdeburg

Tel.: 0391/28888-0
E-Mail:
service.sat@verdi.de

Da kannst du einfach anrufen, nach einem*einer Jugendsekretär*in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

4.     Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

Bitte beachte auch: Wie bei der Aufnahme des Ausbildungsvertrages brauchst du auch für die Kündigung und die Aufhebung das Einverständnis deiner Erziehungsberechtigten. Da du nur beschränkt geschäftsfähig (BGB § 106) bist, kannst du nicht ohne die Zustimmung deiner gesetzlichen Vertreter*innen kündigen. Die Eltern können eine Kündigung oder Aufhebung des Vertrages verhindern.

Dein*e Ausbilder*in kann das schriftliche Einverständnis deiner Erziehungsberechtigten einfordern. Sind sie dagegen, würde die Kündigung oder Aufhebung unwirksam werden.

Aber auch wenn dein*e Ausbilder*in davon ausgeht, dass du kündigen darfst, müssen deine Eltern die Kündigung genehmigen. Das bedeutet, sie können – auch im Nachhinein – sagen, dass deine Kündigung „nicht genehmigt“ ist, wenn sie zum Beispiel merken, dass du nicht mehr zur Ausbildung gehst. Haben sie jedoch einmal klar zugestimmt, dann hast du das Recht auf deiner Seite.

 

Ich drücke die Daumen, dass du bald einen passenderen Betrieb findest und wieder Spaß an deiner Ausbildung hast! Viel Erfolg!

Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

 

Liebe Grüße

Dr. Azubi

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

Neue Antwort

Die mit '*' gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

Bist du in der Probezeit?*
Bist du Gewerkschaftsmitglied?*
Darf deine Telefonnummer oder deine E-Mail-Adresse an interessierte Journalist*innen für Hintergrundgespräche, Zitate oder Interviewanfragen weitergegeben werden?*
Über Antworten und Kommentare zu meiner Anfrage im Forum möchte ich per E-Mail informiert werden.*