Deutscher Gewerkschaftsbund

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Azubi/Überstunden/Lerninhalte

Lieber Dr. Azubi,
Ich mache eine Ausbildung zur Konditorin und bin gerade ins zweite Lehrjahr gekommen.

Um schonmal auf den ersten Punkt zu kommen, ich habe in weniger als einem halben Jahr meine Zwischenprüfung. Bis jetzt habe ich noch nichts relevantes für die Prüfung in meinem Betrieb gelernt. Generell ist mir in meiner Berufsschulklasse aufgefallen das ich sehr wenig Wissen bezüglich meinem Beruf habe. Das liegt daran, dass ich seit Anfang der Ausbildung noch nicht viel relevantes gelernt habe. Was ich am meisten mache ist kurz vor Feierabend die Backstube zu putzen oder aber auch gerne den Keller, irgendwelche Maschinen, Wände oder aber das Kühlhaus. Ansonsten Packe ich die Ware für die anderen Filialen zusammen (auch nicht relevant für den Beruf, nur für den Betrieb) oder mache Spätdienste. In den Spätdiensten schlagen wir am Anfang massen an (relevant für den Beruf), aber danach bin ich am Kocken, abpacken oder wiege Rezepte ab (nicht relevant).

Der zweite Punkt ist, dass unsere Spülkraft vor einiger Zeit gekündigt hat. Seit dem sind wir Azubis abwechseln, auch mehrmals die Woche, dran um zu spülen, das dauert den ganzen Tag, wodurch wir auch nichts lernen.

Der dritte und mir wichtigste Punkt ist aber, das wir Azubis regelmäßig Überstunden machen müssen. Im Winter ist es so, bzw in der Weihnachtszeit, das wir sehr viel zutun haben und alle Mitarbeiter Überstunden machen, das wird damit erklärt, das wir im Sommer weniger zutun haben und früher gehen können. Das stimmt auch, aber ich finde das nicht gerecht. Im Moment fängt die Überstunden Zeit schon wieder an, wir Arbeiten ab jetzt jeden Tag bis zu 2 Stunden länger als offiziell auf dem Plan steht (Mo-Fr 7:00-15:00 oder 9:00-17:00 Uhr, Sa 7:00-12:00 oder 12:00-17:00 Uhr). Wir bekommen dafür nicht an einem anderen Tag in der Woche frei bzw früher Schluss und auch kein Geld. Manchmal ist es so das wir Samstags laut Plan länger arbeiten müssen, von 11:00-19:00 Uhr und da werden wir dann für die 3 Überstunden unter der Hand bezahlt.

Der vierte und letzte Punkt ist, das ich nie Termine außerhalb der Arbeit planen kann. Der Arbeitsplan für die Nächste Woche wird Samstags ausgehängt. Ausserdem weiß ich ja nie wie lange ich wirklich Arbeiten muss und kann deshalb auch keine Termine machen.

Ich brauche Hilfe! Ist das alles so erlaubt? Muss ich mir das gefallen lassen? Gibt es jemanden an den ich mich anonym wenden kann (nicht aus dem Betrieb) der vielleicht mal im Betrieb vorbeischaut ob da alles richtig läuft? Danke jetzt schonmal für die Antwort.

**Konditor_in**: 06.09.2020 |
  • RE: Azubi/Überstunden/Lerninhalte

    Hallo Konditorin,

    vielen Dank für deine Anfrage, gern helfen wir dir weiter.

    Ich kann nachvollziehen, dass dich die Situation belastet und hoffe dir etwas weiterhelfen zu können.

    Also, das meiste klingt für mich so, als würdest du mit Ausbildungsfremden Tätigkeiten zu tun haben. Das passiert leider häufiger in der Ausbildung, sollte aber natürlich nicht vorkommen. Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http://www.bibb.de/de/berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!

    Du solltest unbedingt dafür kämpfen, dass deine Ausbildung nach dem Rahmenplan verläuft, denn sonst ist dein Ausbildungsziel gefährdet. Hier sind ein paar Tipps für dich, was du unternehmen könntest:                 

    1. Bitte deinen Chef um ein Gespräch und erkläre ihm ruhig und sachlich, dass du Angst hast, dein Ausbildungsziel nicht zu erreichen. Am besten nimmst du den Ausbildungsplan mit in das Gespräch. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.

    2. Wenn das Gespräch nichts bringt, solltest du den Ausbilder schriftlich auffordern. Hebe eine Kopie des Schreibens auf. Hier ist ein Musterbrief:

     

    Sehr geehrter Herr/Frau ____________,

    laut § 14 Berufsbildungsgesetz müssen Sie mich entsprechend des gesetzlichen und betrieblichen Ausbildungsplans ausbilden. Ich habe jedoch wichtige berufliche Fertigkeiten noch nicht erlernt, die ich zum jetzigen Zeitpunkt meiner Ausbildung längst beherrschen müsste. Einige Beispiele:

    - (Berufliche Fertigkeiten)

    - (Berufliche Fertigkeiten)

    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, mir die gesetzlich vorgeschriebenen Inhalte zu vermitteln und mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

     

    Mit freundlichen Grüßen,

    Unterschrift Azubi ____________

     

    3. Wenn auch das nichts bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen.

    Was die Arbeitszeit betrifft:

    Überstunden musst du als Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeitern - nur freiwillig machen. Warum? Du machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck der Ausbildung dienen, das heißt dein Ausbilder oder eine ausbildungsbeauftragte Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest! Deine Arbeitszeit müsste auch in deinem Arbeitsvertrag aufgelistet sein. Schau dort doch auch noch einmal was dazu steht, denn eigentlich ist die Arbeitszeit für Auszubildende klar geregelt. In der Ausbildung sind nämlich weder Überstunden noch Minusstunden vorgesehen.

    Mein Rat wäre, dich nochmal an deine zuständige Gewerkschaft zu wenden. Die Kolleginnen und Kollegen kennen sich mit diesen Themen sehr gut aus und können dich im Zweifelsfall auch rechtlich beraten. Hier ist ein Kontakt für dich: 

     

    NGG

    Geschäftsstelle Bielefeld-Herford
    Marktstr. 8
    33602 Bielefeld
    Tel.: 0521 / 98 62 90
    Fax: 0521 / 98 62 929
    region.owl@ngg.net 
    www.ngg.net/owl

    Da kannst du anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und sagen, dass du von Dr. Azubi kommst.... Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.

    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren wollt, dann folge diesem Link: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/wer-wir-sind

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi     
    P.S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 16.09.2020


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