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Dr. Azubi

Hilfe! Ich weiß nicht mehr weiter

Hallo. Ich bin Bäckerin im 3. Lehrjahr und quäle mich jetzt fast die gesamte Ausbildung.

Ich bin Mutter von 2 kleinen Kindern, habe sehr ausgeprägtes ADHS, was man mir auch deutlich anmerkt. Damit bin ich von Anfang an offen umgegangen, schon beim Vorstellungsgespräch habe ich das angesprochen, das es zeitlich eben nicht immer möglich ist die Samstage zu arbeiten, da mein Lebensgefährte auch jeden 2. Samstag arbeiten muss und ich somit die Kinder habe und betreuen muss.

Das ich Psychische Probleme habe, durch das adhs, habe ich am Anfang offen angesprochen.

Hieß da noch alles kein Problem, lässt sich regeln. Dann hab ich dort angefangen und erst war auch soweit alles ok. Dann zu Weihnachten hin fing es an das ich ständig angemeckert wurde, vor versammelter Mannschaft. Was dazu sagen sollte ich nicht, dafür gab es dann wieder doofe Kommentare. Das alles wieder zu geben würde den Rahmen sprengen. 

Ich habe Probleme mich immer sofort an alles zu erinnern und bin mir oft unsicher und wiederhole dann einfach was ich meine was richtig ist, damit ich keinen scheiß mache (z.B. Brot mit einer falschen bekörnung versehen o.ä) oder bin mir nicht sicher, weil ich bin ja auch nicht so ewig da und für mich sind eben viele Dinge noch kein Alltag, heißt ja nicht umsonst Ausbildung. Ich mache nicht jeden Tag alle Aufgaben, und wenn ich etwas länger nicht gemacht habe braucht mein Gehirn manchmal ne kleine Erinnerung. Das durfte ich die ersten Monate auch problemlos machen. Dann fing es an das ich dafür blöde Kommentare bekommen habe, oder angemeckert wurde, sodas ich das irgendwann gelassen habe oder nur noch im Notfall tue. Meine psyche macht sowas auf Dauer eben nicht mit. Jetzt kann man sagen ja ja psyche, aber ich habe da schon einen langen Leidensweg hinter mir bevor ich mit dieser Ausbildung angefangen habe. 

Ich bin aber nicht die einzige die so unter der Behandlung der Ausbilder und Chefs leiden muss/musste. Eine azubine die 1 Jahr nach mor angefangen hat, ist nach den herbsferien nicht wieder gekommen,  aus den selben Gründen warum ich so leide. Der andere Azubi der da war wurde genauso behandelt. Dem ging es damit genauso schlecht,  das er nacher Monate lang krank war und dann gekündigt hat. 

Viele Mitarbeiter beschweren sich über die Umgangsformen in der Backstube. Alle lästern dort und sind so ein eingeschworenes trüppchen. Anstatt vernünftig etwas anzusprechen (wenn ich etwas falsch mache) werde ich entweder von der Seite angemault oder es wird gar nichts gesagt sondern unter einander geredet (das hör ich ziemlich oft...). Meistens bekommt man auf die frage wie es richtig geht auch keine vernünftige antwort, zumindest keine mit der ich etwas anfangen könnte. In der Schule, oder auf den Lehrgängen,  zu Hause, funktioniert es aber komischerweise wenn ich es einfach machen darf ohne angst zu haben das gleich der Mächte kommt und meckert. 

Mit der ausrollmaschine stehe ich seit Tag 1 auf Kriegsfuß. Mit anderen ausrollmaschinen komme ich wunderbar zurecht. Unsere ist eben sehr alt und hat ihre macken. Die arbeiten alle seit x Jahren damit, Täglich mehrfach. Ich seit dem 2. Lehrjahr ca. Alle paar Tage mal für paar mal hin und her Rollen om Endeffekt. Mir frisst das dringend ständig die teige in die Rolle oder unter das Band. Ich weiß nicht warum mir das immer passiert, und keiner nimmt sich Zeit mit mir das in ruhe mal zu üben oder zu erklären. Stattdessen, bekomme ich Ärger das ich es nicht kann.

Heute wurde mir gesagt ich arbeite praktisch zu wenig... Dabei werde ich immer wieder an die selben Aufgaben geschickt. Ich versuche immer wieder neue Aufgaben zu übernehmen (wie z.b. das roggenbrot oder softschwarzbot aufmachen) aber wenn ich damit anfangen will werde ich leistens wieder zum abwiegen abgestellt. Bei vielen spezial Brötchen die nicht nur in Körner getaucht werden müssen, werde ich weg geschickt und soll meinen 'Kram' erledigen (Quell und brühstücke herstellen, den Gärunterbrecher mit gefrosteten Brötchen befüllen für den nächsten Tag, aufräumen, spülen, Brötchen für nachmittags raus nehmen, Brötchen einweichen, Säcke aus dem Keller holen die fast leer oder leer sind, körner auffüllen usw, also jeden Tag den selben kram) soll aber auch irgendwie was neues lernen und neue Aufgaben übernehmen.

Beispiel schnittbrötchen. Die sollte ich erst nur zu abwiegen, zu Ballen rundwirken und Pressen, ewigkeiten hat das gedauert bis die mir das mal gezeigt haben. Dann hab ich mit den übrig gebliebenen Pressen zum Feierabend geübt. Irgendwann hab ich dann anfangen wollen im tagenbeteieb die Dinger mit aufzumachen. Wurde jedesmal weg geschickt zum Pressen, was abwiegen, teiglinge schneiden etc. Dann hab ich das eben wieder eingestellt. Und wurde dann wieder zur sau gemacht das ich das ja nicht lernen will...

Endlose Geschichte.

Ich hab dann angefangen mit der psyche zu hadern und privat hat sich durch den ganzen Stress auf der Arbeit alles zu gespritzt und ich hab angefangen alle paar Wochen zu verschlafen. Ich höre dann einfach den Wecker nicht. Hut ab für meinen Chef das er da so kulant ist wegen Abmahnung etc. Aber die wäre mir schon echt lieber wie das geläster hinter dem Rücken (oder teilweise sogar sehr laut das alle das hören können) 

Ich habe mehr wie einmal um einen aufhebungsvertrag gebeten.  Mein Chef sagt das ist Blödsinn.

Der junior sagt meine psyche interessiert die Arbeit nicht. Ich soll zusehen das ich das auf die Reihe bekomme. Überstunden interessieren nicht, ich arbeite zu langsam, das will der mir nicht bezahlen, ich bin die ausbildungsvergütung nicht wert. Mir was zu erklären oder was zu sagen bringt nichts, ich weiß eh alles besser und will nichts lernen. Das wurde mir so gesagt.

Hilfe wurde mir keine angeboten. Klar kann ich verstehen das die sauer sind wenn ich wiederholt zu spät komme (wir sprechen hier am besagten Tag von 16 Minuten, laut backstuben Uhr die vor geht, 20 Minuten) aber ich arbeite die Zeit dann länger, entweder am selben Tag oder eben an den folgenden. Ich verzichte auf meine Pause seit dem 1. Lehrjahr. Gehe 2 mal kurz eine rauchen was zwischen insgesamt 5-15 Minuten über den Tag verteilt liegt, ich bin 8,5-10 Stunden auf der Arbeit!!! Sitzen tue ich inzwischen gar nicht mehr auf der arbeit. 

Wenn ich dann so 1-2 Stunden vor Feierabend langsam die puste etwas verliere wird mir das auch negativ ausgelegt (mal davon ab das ich 1,64m groß und 50kg schwer bin) 

Das die gesellen alle 10-13 Stunden arbeiten müssen wird mir auch ständig vorgehalten wenn ich was wegen der Kinder habe (wie die Samstage z.b.), weil ich ja dann nicht da bin, die noch mehr Arbeit haben. Oder wenn ich nach 8-9 Stunden sage das ich platt bin heißt es immer wie die sich danach fühlen müssen. Auf die Einhaltung der Arbeitszeiten wird dort Licht geachtet. Bezahlt wird mir die Mehrarbeit auch nur in extrem besonderen Fällen. Abfeiern geht schonmal gar nicht außer ich springe einen extra Tag ein und Handel das vorher direkt raus. Zuschläge gibt's auch nicht. 

Samstags komme ich nur um ein paar Brötchen zu Pressen, aufzusetzen, mal ein paar partysonnen etc tu machen ansonsten nur putzen. Bis die Backstube fertig ist ert dann darf ich gehen. Oft bin ich dann die letzte (gewesen inzwischen ist oft eine Kollegin aus dem Verkauf da die eigentlich krank geschrieben ist) und muss den Rest alleine machen. Weil die anderen schon 12 oder mehr Stunden gearbeitet haben. Nachfragen ob ich was vergessen habe, bescheid sagen, ich kann nicht mehr ( ich habe immer noch die doppel Belastung vollzeit Mama von 2 Kindern mit adhs und vollzeit Ausbildung) ist nach 8 Stunden auch oft einfach mal eine Grenze des machbaren für mich erreicht. Aber das ist dort egal. Ich hab das so zu machen, sonst wird mir der Arsch aufgerissen.

Ich weiß nicht wie oft mein Mann für die Kinder eingespeungen ist damit ich keinen weiteren Stress bekomme, weil er sieht ja wie schlecht es mir geht.

Och stehe teilweise heulend in der Backstube, mir laufen dann nur noch die Tränen. Sehen tun die Männer dort das bestimmt. Sagen tut keiner was.

Ich mache viele wiederholungsfehler. Immer mal wieder andere dumme Sachen. Ich würde da gern Lösungen probieren. Darf aber nichtmal fragen ob ich was vergessen habe ohne angeschossen zu werden...

Vielleicht nehme ich inzwischen auch vieles zu extrem wahr,  ich weiß aber durch die anderen Azubis und andere Mitarbeiter das das nicht unberechtigt ist was ich hier schreibe. Ich habe das jetzt mehr wie 2 Jahre mit mir rum geschleppt und immer wieder gedacht komm irgendwie hälst du das durch, irgendwie wird das bestimmt besser. Immer wieder versucht, aber nix hilft, was in meiner Macht steht

 Ich bin nunmal nicht on der lage mich da hin zu stellen und klartext zu sprechen. Da macht mir eben die psyche einen Strich durch die Rechnung. Das ansprechen klappt einmal,  vielleicht auch ein 2. Mal aber wenn ich dann beide mal nur gegen Wind bekomme, null Verständnis, viele Vorwürfe usw. Kommt da eben erstmal nix mehr raus. Und mot über 30 da mit irgendwem aufzubauen der mir dabei hilft den Mund offen zu machen ist schon etwas lächerlich. Das hat mich jetzt so lange gehindert mor Hilfe zu suchen. 

Das ist auch nichtmal alles. Gibt bestimmt auch noch einiges was mein Betrieb berechtigt über mich aufführen könnte. Aber mal ehrlich interessieren warum wieso weshalb manche Dinge bei mir eben auf den ersten Blick chaotisch aussehen oder vielleicht auch sind, weil ich eben brauche um mich zu ordnen. Vor allem in so einer chaotischen Backstube (ich habe inzwischen andere gesehen und weiß das das nicht der Standard bei uns ist!) Wo eigentlich jede Woche ein anderer Ablauf herrscht sobald die stabdard Brote aufgemacht sind.  Also nach 3,5 Stunden erstmal einen Standard Ablauf fängt es an das die Aufgaben und Reihenfolge täglich wechselt (bis auf meinen 'Kram' eben) und ich nie sicher weiß was ich wann machen soll/darf außer es wird dann doch mal angesagt...

Danke falls irgendjemand den Wirrwarr tatsächlich bis zum Ende gelesen hat und mir helfen kann...

RE: Hilfe! Ich weiß nicht mehr weiter

Hallo lieber Azubi,

schön, dass Du dich an Dr. Azubi wendest.

Die Umstände in deinem Betrieb klingen sehr unangenehm! Es kann nicht sein, dass ein Betrieb so mit seinen Beschäftigten umgeht! Es ist sehr gut, dass Du dich gemeldet hast und die Missstände teilst.

Als erstes ein paar rechtliche Hinweise allgemein zur Ausbildung:

Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan. In dem steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst.

Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz: http://www.bibb.de/de/berufesuche.php

Deinem Ausbildungsvertrag muss ein Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb geplant wird. Der*die Ausbilder*in darf dir nur Arbeiten übertragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§ 14 Berufsbildungsgesetz). Leider passiert es relativ häufig, dass Auszubildende mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beauftragt werden. Ausbildungsfremde Tätigkeiten (also Arbeiten, die nicht dem Ausbildungszweck dienen) sind z. B. regelmäßiges Putzen oder ausbildungsfremde Botengänge. Alle diese Tätigkeiten sind verboten! Auch unnötige Wiederholungen bereits gelernter Fähigkeiten – so genannte ausbildungsfremde Routinearbeiten – dienen nicht dem Ausbildungszweck! Alle Verstöße gegen die Ausbildungspflicht des Betriebes sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach § 102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!

Zu den Überstunden: Überstunden musst du als Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeiter*innen - nur freiwillig machen. Warum? Du machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck der Ausbildung dienen, das heißt dein*e Ausbilder*in oder eine ausbildungsbeauftragte Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest!

Wenn du Überstunden freiwillig machst, gilt: Volljährige dürfen durchschnittlich nicht mehr als 48 Stunden und zeitweise maximal 60 Stunden arbeiten – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird (§ 3 Arbeitszeitgesetz)!

Achtung: Wenn du nach der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeit noch im Betrieb bist, und es kommt zu einem Arbeitsunfall, kannst du Probleme bekommen, weil die Unfallversicherung der Berufsgenossenschaft unter Umständen nicht zahlt. Falls dein Betrieb sich nicht an das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.

Überstunden müssen dir selbstverständlich vergütet oder in Freizeit ausgeglichen werden (§ 17 Berufsbildungsgesetz).

Da deine Ausbildung sich auf deine Gesundheit auswirkt, solltest Du unbedingt etwas gegen die Umstände in deinem Betrieb unternehmen. Du kannst dir bei deiner zuständigen Gewerkschaft Hilfe holen. Hier ist ein Kontakt für dich:

NGG Münster

Johann-Krane-Weg 16
48149 Münster

Tel.: 0251 364920

E-Mail: region.muensterland@ngg.net 

Da kannst du einfach anrufen, nach einem*einer Jugendsekretär*in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

Ich hoffe sehr, dass es dir bald besser geht und Du eine gute Lösung für die Situation in deinem Betrieb findest.

Dies war ein Service deiner Gewerkschaft. Als Gewerkschaftsjugend kämpfen wir Tag für Tag für gute Ausbildung, höhere Löhne, Umverteilung und Bildungsgerechtigkeit. Kurz: Für eine solidarische und antifaschistische Gesellschaft. Zusammen sind wir stärker – werde Mitglied!

Liebe Grüße

Dr. Azubi

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

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