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Dr. Azubi

Kündigung und Trägerwechsel

Guten Tag, 

Ich bin im dritten Ausbildungsjahr und möchte für die verbleibenden Monate meine Praxisstelle wechseln. Nun hatte ich vor fristgerecht zu kündigen. Jedoch bin ich darauf gestoßen, dass dies nicht möglich ist wenn ich die Ausbildung fortsetzen möchte. 

Die Stelle möchte ich hauptsächlich wegen mentalem Druck wechseln und weil ich nicht wirklich unterstützt und eher ausgenutzt werde. 

Minusstunden muss ich spontan durch länger bleiben aufarbeiten. Oft werden mir arbeiten aufgetragen, welche nichts mit Pädagogik zu tun haben. Habe Tische, Vordächer bauen dürfen. Dabei keine Arbeitskleidung gestellt bekommen noch eine Einweisung. 

Vor meinen Praxisbesuchen durfte ich auch nicht wie geplant die Kinder auf diesen vorbereiten, sondern andere Tätigkeiten durchführen. 

All das hat mich dazu bewogen einen Wechsel in Betracht zu ziehen. Meine Praxislehrerin hat hierfür den Stein ins Rollen gebracht, weil Sie die Umstände ebenfalls erschreckend fand. 

Nun die Frage habe ich eine Möglichkeit den Träger zu wechseln/ meiner jetzigen Ausbildungsstelle zu kündigen, ohne dass sie mich auf Schadensersatz verklagen können? 

Ich habe bereits eine Einrichtung gefunden die mich übernehmen würde. 

Als weitere aber zurzeit nicht erste Priorität hätte ich noch folgende Fragen: 

Habe ich Anspruch auf Ausgleich für die Überstunden die mit meinen "Minusstunden", welche anscheinend gar nicht erlaubt sind, verrechnet wurden aus den ganzen drei Jahren? 

Ich werde nicht nach Tarif bezahlt, im Internet finden sich unterschiedliche Auskünfte ob ein Träger mach Tarif bezahlen muss oder nicht. Muss man nach Tarif bezahlt werden? Die Auszubildende im ersten Jahr verdient mehr als ich im dritten. (1200€) 

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen. 

Liebe Grüße "Sammy" 

RE: Kündigung und Trägerwechsel

Hallo!

Vielen Dank für deine Nachricht im Forum! Wir freuen uns, dass du dich mit deinem Anliegen an uns wendest und ich hoffe ich kann dir weiterhelfen.

Bezüglich der Frage, ob und welcher Tarifvertrag für dich gilt, kann ich dir folgendes sagen. Sofern Tarifverträge nicht allgemeinverbindlich sind, gelten sie nur verbindlich für Gewerkschaftsmitglieder der Gewerkschaft, die den Tarifvertrag abgeschlossen hat. Welcher Tarifvertrag konkret in deinem Betrieb oder eventuell von einer Arbeitgebervereinigung mit einer Gewerkschaft für deinen Betrieb vereinbart wurde, kommt ganz auf deinen Betrieb an. Das kannst du am verlässlichsten bei deiner Gewerkschaft vor Ort erfragen.

In deiner Berufsausbildung kann es unterschiedliche Modelle geben. Die Ausbildung zum Erzieher kann nach dem Berufsbildungsgesetz erfolgen oder aber nach jeweiligen Landesgesetzen des Schulgesetzes.

Ich erwähne das aus folgendem Grund: Ich kann nur meine Expertise zu Ausbildungen auf Grundlage des BBiG (Berufsbildungsgesetz) anbieten. Schulische Ausbildungen fußen auf unterschiedlichen Gesetzen der einzelnen Bundesländer, dafür sind wir leider keine Expert*innen.

Ich erwähne das, da die folgenden Informationen nur für betriebliche Ausbildungen auf Grundlage des BBiG gelten.

Immer wieder gibt es Azubis, die plötzlich von ihrem*ihrer Ausbilder*in erfahren, dass sie Minusstunden angesammelt hätten. In der Regel ist diese Berechnung von Minusstunden nicht rechtens. Denn die Ausbildungsvergütung muss weitergezahlt werden, wenn die Ausbildung aus Gründen, für die du nichts kannst, ausfällt, obwohl du bereitstehen würdest (§19 Berufsbildungsgesetz). Klassisches Beispiel: Dein*e Ausbilder*in schickt dich Heim, weil nichts mehr zu tun ist. Oder du bekommst einen Anruf, dass du gar nicht erst kommen sollst. In diesen Fällen bist du bezahlt freigestellt und sammelst keine Minusstunden an. Du hast ein Recht darauf, die festgelegte tägliche Arbeitszeit auch zu arbeiten und zu lernen, und wenn es nichts zu tun gibt, kann sich dein*e Ausbilder*in ja Lernaufgaben für dich ausdenken: Du bist schließlich Azubi.

Das mag sich jetzt für viele Azubis seltsam anhören aber: Überstunden musst du als Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeiter*innen - nur freiwillig machen. Warum? Du machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck der Ausbildung dienen, das heißt dein*e Ausbilder*in oder eine ausbildungsbeauftragte Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest!

Wenn du Überstunden freiwillig machst, gilt: Minderjährige dürfen nicht mehr als 40 Stunden die Woche arbeiten (§ 8 Jugendarbeitsschutzgesetz). Volljährige dürfen durchschnittlich nicht mehr als 48 Stunden und zeitweise maximal 60 Stunden arbeiten – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird (§ 3 Arbeitszeitgesetz)!

Achtung: Wenn du nach der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeit noch im Betrieb bist, und es kommt zu einem Arbeitsunfall, kannst du Probleme bekommen, weil die Unfallversicherung der Berufsgenossenschaft unter Umständen nicht zahlt. Falls dein Betrieb sich nicht an das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.

Überstunden müssen dir selbstverständlich vergütet oder in Freizeit ausgeglichen werden (§ 17 Berufsbildungsgesetz).

Ausgehend davon, dass es eigentlich nicht vorgesehen ist, dass man als Azubi Minusstunden ansammelt, wäre es auch nicht legitim angehäufte Überstunden mit diesen zu verrechnen. Geleistete Überstunden müssen wie erwähnt, entweder in Freizeit oder Vergütung ausgeglichen werden.

Ob nach wie vor so ein Anspruch auf Vergütung zu deinen Gunsten besteht, kann ich im konkreten Einzelfall aus der Ferne nicht mit Sicherheit sagen. Die Details des Einzelfalls entscheiden ob ein Anspruch entstanden und nach wie vor durchsetzbar wäre. Es könnte zum Beispiel sein, dass es Ausschlussfristen gibt die in deinem Arbeitsvertrag vereinbart wurden.

Am Besten wäre es daher, du lässt dich direkt vor Ort von deiner Gewerkschaft beraten. Hier ein Kontakt für dich:

ver.di – Büro Karlsruhe

Rüppurrer Straße 1 a

76137 Karlsruhe

Tel.: 0721/38 46-000

E-Mail: service.bawue@verdi.de

Da kannst du anrufen, nach einem*einer Jugendsekretär*in fragen und sagen, dass du von Dr. Azubi kommst. Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.

Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren willst, dann folge diesem Link: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/mitglied-werden

Dies war ein Service deiner Gewerkschaft. Als Gewerkschaftsjugend kämpfen wir Tag für Tag für gute Ausbildung, höhere Löhne, Umverteilung und Bildungsgerechtigkeit. Kurz: Für eine solidarische und antifaschistische Gesellschaft. Zusammen sind wir stärker – werde Mitglied!

Liebe Grüße

Dr. Azubi

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

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