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Dr. Azubi

Abschlussprüfung ohne Betrieb?

Hallo, ich bin im zweiten Lehrjahr meiner Ausbildung zur Verkäuferin.

Im April 2024 habe ich meine schriftlichen Prüfungen und bin auch zur Prüfung zugelassen.

Mittlerweile bin ich im Betrieb so am Limit. Ich werde nur noch angepöbelt und wie der letzte Mensch behandelt.

Wenn alle Stricke reißen, was vermutlich bald der Fall ist, wäre meine Frage...

Kann ich meine Prüfung trotzdem antreten auch ohne Betrieb?

Zugelassen zur Prüfung bin ich schon.

Danke im voraus.

RE: Abschlussprüfung ohne Betrieb?

Hallo!

Vielen Dank für deine Nachricht im Forum! Wir freuen uns, dass du dich mit deinem Anliegen an uns wendest, auch wenn der Grund dafür sicherlich nicht zum freuen ist.

Du schreibst, dass du im zweiten Ausbildungsjahr bist, deshalb gehe ich davon aus dass du die Ausbildungszeit verkürzen konntest und es sich bei der Prüfung trotzdem um deine Abschlussprüfung handelt. Ausgehend davon, gilt folgendes:

Wenn du es in deinem Betrieb überhaupt nicht mehr aushalten solltest, könntest du dich mal erkundigen, ob du als externer Prüfling zur Abschlussprüfung zugelassen werden könntest. Ob deine bisher verbrachte Ausbildungszeit dazu ausreicht (sprich: du in deinem jetzigen Betrieb kündigen oder einen Aufhebungsvertrag unterzeichnen könntest, weil du es dort nicht mehr aushältst), müsstest du bei der IHK/HWK erfragen - das ist die entscheidungstragende Instanz. Grundsätzlich ist es so, dass man in seiner Ausbildung etwa 10% Fehlzeiten (12-15 Wochen) haben darf, um zur Abschlussprüfung zugelassen zu werden. Aber das mit den 10% ist eine Faustregel - kein Gesetz. Dabei sind auch immer Ausnahmeregelungen möglich.

Der Nachteil, die Abschlussprüfung als externer Prüfling abzulegen, ist übrigens, dass du die Prüfungsgebühren selbst tragen musst und dich selbstständig frühzeitig zur Abschlussprüfung anmelden musst. Außerdem ist es natürlich nicht ideal als externer Prüfling in die Prüfung zu gehen, wenn du noch wichtige Dinge für das Bestehen der Abschlussprüfung lernen müsstest. Und: Wenn du kündigst, giltst du unter Umständen als mitschuldig am Verlust deines Arbeitsplatzes und riskierst eine Sperre des Arbeitslosengeldes.

Sollte das nicht der Fall sein und die von dir genannte Prüfung ist gar nicht die Abschlussprüfung, dann müsstest du definitiv den Ausbildungsplatz wechseln und in einem anderen Betrieb deine Ausbildung beenden. So oder so handelst du völlig richtig, dich der schlechten Behandlung nicht einfach auszusetzen und dich zu informieren.

Das ist eine schwierige Situation, in der du dich befindest und ich finde es erstaunlich, wie lange du sie schon erträgst. Es ist auf jeden Fall sehr wichtig, dass du dich gegen den psychischen Druck wehrst, denn dadurch verlierst du ja nicht nur alle Freude an deinem Traumjob, sondern schlechte Behandlung oder gar Mobbing macht auf Dauer auch krank! Hier sind ein paar Tipps für dich:

  • Es ist wichtig, dass du mit Menschen deines Vertrauens über deine Probleme am Ausbildungsplatz sprichst. Wenn du es nur runterschluckst, werden sich die Erfahrungen bald auf deine Seele oder deinen Körper auswirken, z. B. Schlafstörungen, Depressionen, Magen-Darmprobleme.

  • Du solltest sofort anfangen, ein Tagebuch über die Vorkommnisse zu führen. Wer hat was, wann zu wem gesagt und wer war noch dabei? Oder wer hat wann was getan und wer war noch dabei? Schreib dir alles möglichst genau auf. Auf dieses Tagebuch kannst du dann später zurückgreifen, es kann sehr nützlich sein, wenn du dich wehren willst.

  • Du solltest möglichst früh Stellung beziehen, wenn du mit dem Verhalten von Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten dir gegenüber oder auch gegenüber anderen nicht einverstanden bist. Sage klar und deutlich, wenn du etwas nicht in Ordnung findest und benenne genau, was es ist! Denn so verschaffst Du Dir Respekt.

  • Bitte die Person zu einem Gespräch. Überlege dir vor dem Gespräch einige Situationen und Beispiele, in denen das Verhalten der Person besonders verletzend und offensichtlich war. Beginne in dem Gespräch deine Sätze mit „Ich“. Sage also nicht: „Sie kritisieren mich ständig!“ sondern „Ich fühle mich ständig von Ihnen kritisiert und oft empfinde ich die Kritik als nicht gerechtfertigt!“. Versuche sachlich und selbstkritisch zu bleiben. Das Gespräch solltest du nicht alleine führen. Es ist sehr empfehlenswert, eine Person deines Vertrauens oder bestenfalls ein Betriebsratsmitglied mitzunehmen. Es ist auch empfehlenswert, das Gespräch zu protokollieren.

  • Dein*e Ausbilder*in hat dir gegenüber eine Fürsorgepflicht; d.h. er*sie hat die Pflicht dich vor seelischer und körperlicher Gefährdung zu schützen. Er*sie muss deine Anliegen ernst nehmen und du kannst ihn*sie um Hilfe bitten. Diese Möglichkeit solltest du unbedingt auch in Anspruch nehmen. Falls dein*e Ausbilder*in dein Anliegen nicht ernst nimmt, kann das für dich auch einen Kündigungsgrund darstellen.

  • Mobbing und schlechte Behandlung macht krank. Von daher ist es nicht verwunderlich, falls du unter psychosomatischen Problemen wie Schlafstörungen, Magen-/Darmprobleme, Herz-/Kreislaufprobleme oder unter psychischen Problemen wie Weinkrämpfe, depressive Verstimmungen, Angstsymptome leidest. Wenn die Belastung zu groß wird, solltest du eine*n Arzt*Ärztin aufsuchen und dich krankschreiben lassen.

  • Falls dein Betrieb dich loshaben will und dir grundlose Abmahnungen erteilt oder dich kündigt, solltest du schnell reagieren und dich zur Wehr setzen. Hole dir hierbei auf jeden Fall Hilfe bei deiner zuständigen Gewerkschaft. Unten gebe ich dir einen Kontakt deiner Gewerkschaft vor Ort.

Da kannst du einfach anrufen, nach einem*einer Jugendsekretär*in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

  • Wenn du deinen Ausbildungsplatzwechseln musst, weil du gemobbt oder schlecht behandelt wirst, hast du eventuell Anspruch auf Schadensersatz gegenüber deinem Betrieb. Hier solltest du dich auch unbedingt an deine zuständige Gewerkschaft wenden.

  • Solltest du weitergehende Hilfe in Anspruch nehmen wollen, gibt es eine Übersicht für Mobbingberatungsstellen unter folgendem Link: http://www.work-watch.de/2012/10/hilfestellung-bei-mobbing/

Grundsätzlich ist die IHK/HWK übrigens auch dafür da, die Ausbildungsqualität in den Betrieben zu kontrollieren. Da könntest du die Missstände in deinem Betrieb also auch mal ansprechen.

Wenn du Unterstützung oder Rückendeckung brauchst, kannst du dich auch jederzeit an deine Gewerkschaft wenden. Hier ist ein Kontakt für dich:

ver.di – Sitz des Landesbezirks Nord

Hüxstraße 1

23552 Lübeck

Tel.: 0451 8100-6

E-Mail: service.nord-hh@verdi.de

Da kannst du einfach anrufen, nach einem*einer Jugendsekretär*in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

Viel Erfolg! Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

Liebe Grüße

Dr. Azubi

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

Hier kannst du Mitglied einer Gewerkschaft werden: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/mitglied-werden

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