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Dr. Azubi

Schlechter Umgang auf der Arbeit hat mir meine Motivation geraubt

Hallo,

ich bin Azubi im ersten Lehrjahr und bin etwas unglücklich in meinem Betrieb. Da ist schon einiges negatives, das sich angehäuft hat, seitdem ich dort arbeite. Es sind Beleidigungen gefallen mir gegenüber unter anderem das Wort "Schwuchtel" wurde mir schon mehrfach in den Rücken geworfen. Ich sage hier in den Rücken, weil das alles nie in mein Gesicht gesagt wurde, sondern wenn ich z.B die Tür geschlossen hatte.

Es gab noch andere sehr respektlose Sprüche und Verhaltensweisen mir gegenüber und ich habe es versucht mit den Leuten dort trotzdem klarzukommen. Einmal hatte ich das Verhalten auch angesprochen, aber das war eher ein wenig befriedigendes Gespräche. Mir war vor der Arbeit bereits so übel, dass ich würgen musst jedes Mal, wenn ich die Schuhe angezogen hatte.

Meine Motivation für die Ausbildung ist jetzt komplett verschwunden. Am Anfang habe ich mich wirklich reingehängt und mich konzentriert um meine Aufgaben gekümmert. Da hatte ich auch noch Spaß an der Tätigkeit, aber jetzt hasse ich es dort hingehen zu müssen. Meine Wochenenden sind immer mit dem Gedanken an die nächste Woche gefüllt und ich verbringe jeden Tag damit auf die Uhr zu schauen. Ich will einfach nur das die Tage vorbei gehen und ich endlich meine Ausbildung abschließen kann, was aufgrund einer Verkürzung wahrscheinlich schon nächstes Jahr im Sommer ist. Nur finde ich es auf diese Art und Weise zu leben mittlerweile deprimierend. Vor den Weihnachtsferien ging es mir bereits so schlecht, dass ich am Überlegen war mich einweisen zu lassen. Selbst mein Bruder war sich nicht sicher, ob er mich nicht besser einweisen lässt und sich mit unserer Mutter kurzschließt.

Für eine Kündigung hatte ich mich bereits entschieden gehabt und auch diese bereits bei der entsprechenden Person auf der Arbeit angesprochen. Dort wurde ich aber nochmal überredet zu bleiben. Angesprochen hatte ich die Situation mit den Kollegen bereits bei der Person, habe aber bestimmte Dinge ausgelassen, weil ich Angst vor den möglichen rechtlichen Schwierigkeiten bei solchen Beleidigungen hatte.

Momentan bin ich also noch angestellt bei meinem Betrieb. Die Kündigung habe ich trotzdem immer bei mir, damit ich diese jederzeit abgeben kann, wenn ich so langsam wieder mein Limit erreicht habe. Ich weiß, dass ich auch etwas mehr Gegenwehr geben sollte, damit ich nicht jedes Mal von den Kollegen wie Dreck behandelt werde, aber da ist meine Sorge, dass man mir am Ende sagen würde, ich würde den Betriebsfrieden stören.

Ich würde nun gerne wissen, wie ich diese Situation am Besten angehen sollte. Wie ich es vielleicht auch schaffen könnte, bis zum meinem Ausbildungsende trotzdem noch ein ordentliches Leben führen kann, ohne nur auf meinen Abschluss zu warten. Mit meiner Familie ist bereits abgesprochen, dass ich vielleicht kündigen werde und die lassen mir diese Option auch weiterhin offen.

Ist kündigen aber hier der richtige Weg?

RE: Schlechter Umgang auf der Arbeit hat mir meine Motivation geraubt

Hallo!

Vielen Dank für deine Nachricht im Forum! Wir freuen uns, dass du dich mit deinem Anliegen an uns wendest, auch wenn der Grund dafür sicherlich nicht zum freuen ist.

Du hast dich vollkommen korrekt verhalten. Es war gut, dass du in deinem Betrieb den Dialog gesucht hast und ich finde, dein Betrieb hat, bei vielem was ich so mitbekomme, sehr besonnen reagiert. Ich kann aber auch sehr gut verstehen, dass es eine extreme Belastung ist, ständig mit dem*der Täter*in konfrontiert zu sein. Da kommt man einfach nicht zu Ruhe und muss doch ständig befürchten, dass das wieder losgehen könnte.... Ich kann dir für das, was du geleistet hast, die Situation anzusprechen, nicht aufzugeben, konstruktiv nach einer Lösung zu suchen, nur meine volle Bewunderung aussprechen! Da kannst du auch ruhig stolz auf dich sein! Nur wenige bringen diesen Mut auf und du bist eine*r davon!

Solltest du weitergehende Hilfe in Anspruch nehmen wollen, gibt es eine Übersicht für Mobbingberatungsstellen unter folgendem Link: http://www.work-watch.de/2012/10/hilfestellung-bei-mobbing/

Ob eine Kündigung der richtige Schritt ist, musst du selbst für dich abwiegen. Ich kann dir nur die Ratschläge geben, die wir allen empfehlen, die mit diesen Problemen zu kämpfen haben und alle notwendigen Informationen, die du brauchst um die für dich richtige Entscheidung zu treffen. Denn eine Sache möchte ich dir auch versichern, du bist damit nicht allein, es geht leider zu vielen so wie dir. Deshalb finde ich es so stark, dass du die Probleme für dich erkennst und dich informieren willst um zu handeln. Das ist eine schwierige Situation, in der du dich befindest und ich finde es erstaunlich, wie lange du sie schon erträgst.

Es ist auf jeden Fall sehr wichtig, dass du dich gegen den psychischen Druck wehrst, denn dadurch verlierst du ja nicht nur alle Freude an deinem Traumjob, sondern Mobbing macht auf Dauer auch krank! Hier sind ein paar Tipps für dich:

  • Es ist wichtig, dass du mit Menschen deines Vertrauens über deine Probleme am Ausbildungsplatz sprichst. Wenn du es nur runterschluckst, werden sich die Erfahrungen bald auf deine Seele oder deinen Körper auswirken, z. B. Schlafstörungen, Depressionen, Magen-Darmprobleme.

  • Du solltest sofort anfangen, ein Tagebuch über die Vorkommnisse zu führen. Wer hat was, wann zu wem gesagt und wer war noch dabei? Oder wer hat wann was getan und wer war noch dabei? Schreib dir alles möglichst genau auf. Auf dieses Tagebuch kannst du dann später zurückgreifen, es kann sehr nützlich sein, wenn du dich wehren willst.

  • Du solltest möglichst früh Stellung beziehen, wenn du mit dem Verhalten von Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten dir gegenüber oder auch gegenüber anderen nicht einverstanden bist. Sage klar und deutlich, wenn du etwas nicht in Ordnung findest und benenne genau, was es ist! Denn so verschaffst Du Dir Respekt.

  • Bitte die Person zu einem Gespräch. Überlege dir vor dem Gespräch einige Situationen und Beispiele, in denen das Verhalten der Person besonders verletzend und offensichtlich war. Beginne in dem Gespräch deine Sätze mit „Ich“. Sage also nicht: „Sie kritisieren mich ständig!“ sondern „Ich fühle mich ständig von Ihnen kritisiert und oft empfinde ich die Kritik als nicht gerechtfertigt!“. Versuche sachlich und selbstkritisch zu bleiben. Das Gespräch solltest du nicht alleine führen. Es ist sehr empfehlenswert, eine Person deines Vertrauens oder bestenfalls ein Betriebsratsmitglied mitzunehmen. Es ist auch empfehlenswert, das Gespräch zu protokollieren.

  • Dein*e Ausbilder*in hat dir gegenüber eine Fürsorgepflicht; d.h. er*sie hat die Pflicht dich vor seelischer und körperlicher Gefährdung zu schützen. Er*sie muss deine Anliegen ernst nehmen und du kannst ihn*sie um Hilfe bitten. Diese Möglichkeit solltest du unbedingt auch in Anspruch nehmen. Falls dein*e Ausbilder*in dein Anliegen nicht ernst nimmt, kann das für dich auch einen Kündigungsgrund darstellen.

  • Mobbing macht krank. Von daher ist es nicht verwunderlich, falls du unter psychosomatischen Problemen wie Schlafstörungen, Magen-/Darmprobleme, Herz-/Kreislaufprobleme oder unter psychischen Problemen wie Weinkrämpfe, depressive Verstimmungen, Angstsymptome leidest. Wenn die Belastung zu groß wird, solltest du eine*n Arzt*Ärztin aufsuchen und dich krankschreiben lassen.

  • Falls dein Betrieb dich loshaben will und dir grundlose Abmahnungen erteilt oder dich kündigt, solltest du schnell reagieren und dich zur Wehr setzen. Hole dir hierbei auf jeden Fall Hilfe bei deiner zuständigen Gewerkschaft. Hier ist ein Kontakt für dich:

IG Metall – Geschäftsstelle Mülheim, Essen und Oberhausen

Strasse / Nr. Friedrich-Karl-Str. 24

PLZ / Ort: 46045 Oberhausen

Telefon: +49 208 82333 0

E-Mail: meo@igmetall.de

Homepage: www.igmetall-meo.de

Da kannst du einfach anrufen, nach einem*einer Jugendsekretär*in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

  • Wenn du deinen Ausbildungsplatzwechseln musst, weil du gemobbt wirst, hast du eventuell Anspruch auf Schadensersatz gegenüber deinem Betrieb. Hier solltest du dich auch unbedingt an deine zuständige Gewerkschaft wenden.

  • Du kannst außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§ 22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel

    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalige ausbleibende Ausbildungsvergütung

    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • Systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)

    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbilder*inneneignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. sexuelle Belästigung) dann kannst du sofort unter Angaben der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. ausbildungsfremde Tätigkeiten), dann musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein, die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Achtung: Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich und deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Wenn deine Gründe für die fristlose Kündigung nicht ausreichen, hat dein Betrieb auch die Möglichkeit Schadensersatzansprüche innerhalb von drei Monaten nach Beendigung gegen dich geltend zu machen.

    Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen: Wenn der*die Azubi kündigt, ist der*die Ausbilder*in leicht verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht, zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen. Dein*e Ausbilder*in kann grundsätzlich innerhalb von drei Wochen Widerspruch gegen die Kündigung einlegen, das kommt aber sehr selten vor: Wer will schon eine*n Azubi, der ganz offensichtlich keine Lust mehr hat, in dem Betrieb zu arbeiten und nicht besonders motiviert ist?

Letztlich musst du entscheiden oder einschätzen, ob sich das Arbeitsklima dir gegenüber noch verbessern kann, zu einem Grad an dem du dort weiter arbeiten möchtest. Wenn du glaubst, dass es sich nicht verbessern wird und man dir gegenüber immer wieder verletzend auftreten wird, solltest du deine Gesundheit vorziehen und dich nach anderen Ausbildungsbetrieben umsehen. Aber Achtung, idealerweise solltest du erst kündigen, wenn du schon eine neue Stelle sicher hast!

Wenn du kündigst würdest du eine Sperrfrist beim ALG 1 bekommen und wenn du Zeit verstreichen lässt bis du deine Ausbildung fortsetzt kann es gut sein, dass du deine Ausbildung verlängern müsstest.

Ich hoffe, ich konnte dir damit weiterhelfen! Ich wünsche dir viel Kraft, um die anstehenden Schwierigkeiten erfolgreich zu meistern!

Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

Liebe Grüße

Dr. Azubi

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!



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