© DGB-Jugend

Dr. Azubi

Extreme Probleme in der Ausbildung

Guten Tag,

ich habe extreme Probleme mit meinen Ausbildungsbetrieb.

Hier werde ich gerne mal als: "Baby" bezeichnet. Zudem werden immer Gespräche mit dem Chef geführt die nur beleidigend sind und jeder im Büro mitbekommen kann. 
Das letzte mal hat er zu mir gesagt: sie haben 2 Möglichkeiten: entweder sie bleiben hier und haben mehr Motivation oder sie bleiben gleich und ich sage ihnen immer netter das Sie gehen sollen. 
leider wurden bereits 4 Azubis rausgeekelt und unter aussagen wie: er hat keine Lust auf uns kommen noch ganz andere dazu. Leider kann die IHK mir nicht helfen. Mir wird lediglich geraten einen Wechsel vorzunehmen, jedoch sucht das Unternehmen weiterhin konstant nach Azubis. Nun ist es soweit das ich weinend auf die Arbeit fahre und währenddessen ebenfalls völlig am Ende bin. Jetzt bleibt mein Gehalt weg. 
Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich habe in wenigen Tagen ein Vorstellungsgespräch jedoch kann das nicht die Lösung sein? Ich bin ein sehr gerechter Mensch und im Sinne der anderen Azubis muss es eine Lösung geben. 

Liebe Grüße 

Sina 

RE: Extreme Probleme in der Ausbildung

Hallo!

Vielen Dank für deine Nachricht im Forum! Wir freuen uns, dass du dich mit deinem Anliegen an uns wendest, auch wenn der Grund dafür sicherlich nicht zum freuen ist.

Das ist eine schwierige Situation, in der du dich befindest und ich finde es erstaunlich, wie lange du sie schon erträgst. Es ist auf jeden Fall sehr wichtig, dass du dich gegen den psychischen Druck wehrst, denn dadurch verlierst du ja nicht nur alle Freude an deiner Ausbildung, sondern Mobbing macht auf Dauer auch Krank! Insofern finde ich es gut, dass du nun aktiv geworden bist. Es ist auch wichtig, dass du mit Menschen deines Vertrauens über deine Probleme am Ausbildungsplatz sprichst. Wenn du es nur runterschluckst, werden sich die Erfahrungen bald auf deine Seele oder deinen Körper auswirken, z. B. Schlafstörungen, Depressionen, Magen-Darmprobleme.

Du hast es selbst nicht Mobbing genannt, ich verstehe aber, dass in deinem Betrieb schon länger schlechte Behandlung gegenüber dir stattfindet, welche dir zu schaffen macht.

onflikte und Reibereien am Ausbildungsplatz, wie es auch in deiner Situation der Fall ist, kommen leider häufiger vor als du denkst. Damit es sich um Mobbing handelt, müssen aber bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Die Vorfälle müssen häufig und wiederholt auftreten (ca. einmal die Woche) und sich über einen längeren Zeitraum erstrecken (mindestens ein halbes Jahr). Es muss sich um eine zielgerichtete, systematische und längerfristige Schikane/Diskriminierung handeln, die entweder von einer Person oder von einer Personengruppe ausgeht. Wenn mehrere der folgenden Punkte auftreten und das über einen längeren Zeitpunkt, ist das ein Anzeichen für dich, dass du gemobbt wirst:

  • ich höre oft unbegründete Kritik an der Arbeit oder am Privatleben, auch auf meine Nachfrage wird diese nicht genauer begründet.

  • Ich werde ständig unterbrochen und habe keine Möglichkeit mich zu äußern

  • ich werde vor Kolleg*innen lächerlich gemacht und bloßgestellt.

  • ich werde beleidigt.

  • meine Arbeitsleistungen werden angezweifelt.

  • ich erhalte Drohungen, auch Androhung von körperlicher Gewalt.

  • wenn ich den Raum betrete, verstummen regelmäßig die Gespräche der Kolleg*innen. Ich werde wie Luft behandelt

  • meine Arbeit wird sabotiert und behindert. Ich erhalte Aufgaben, die meine Qualifikationen übersteigen oder sinnlose Aufgaben.

  • ich werde sexuell belästigt.

Ich erwähne das deshalb so detailreich, weil du scheinbar schon mit dem Gedanken spielst oder dich sogar darauf vorbereitest den Betrieb zu verlassen. Um das zu können hast du nur zwei Möglichkeiten soweit du nicht mehr in der Probezeit bist. Du kannst entweder einen Aufhebungsvertrag vereinbaren, indem beide Seiten, also du und dein*e Ausbilder’in übereinkommt das Ausbildungsverhältnis aufzuheben oder du musst außerordentlich kündigen. Eine außerordentliche Kündigung muss auf einem sogenannten wichtigen Grund beruhen. Diese sind juristisch festgelegt, ich erkläre sie weiter unten.

Leider gibt es in Situationen wie deiner kein Patentrezept! Auf der einen Seite kannst du versuchen innerhalb deines Betriebes aktiv zu werden. Dein*e Ausbilder*in muss dafür sorgen, dass du weder körperlich noch psychisch geschädigt wirst (§ 14 Berufsbildungsgesetz). Er*sie muss dich vor Gewalt, Mobbing oder sexueller Belästigung am Arbeitsplatz in Schutz nehmen. Daher solltest du dir überlegen, mit deinem*deiner Ausbilder*in in Kontakt zu treten. Vielleicht hast du ja auch die Möglichkeit in eine andere Abteilung/Filiale versetzt zu werden. Davor würde ich dir dringend raten, eine Beratungsstelle für Mobbingopfer aufzusuchen und dich dort beraten zu lassen. Solltest du weitergehende Hilfe in Anspruch nehmen wollen, gibt es eine Übersicht für Mobbingberatungsstellen unter folgendem Link: http://www.work-watch.de/2012/10/hilfestellung-bei-mobbing

Ebenso möchte ich dir raten, dich an deine Gewerkschaft zu wenden und dich dort beraten zu lassen. Die kennt sich mit Mobbing am Arbeitsplatz auch aus und weiß, was zu tun ist. Hier ist ein Kontakt in deiner Nähe:

ver.di – Landesbezirk Rheinland-Pfalz-Saarland

Münsterplatz 2-6

55116 Mainz

Tel.: 06131/9726-0

E-Mail: lbz.rlpsaar@verdi.de

Da kannst du einfach anrufen, nach einem*einer Jugendsekretär*in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

Ich kann aber auch sehr gut verstehen, dass du am liebsten deinen Betrieb überhaupt nicht mehr aufsuchen und den Ausbildungsplatz wechseln möchtest. Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du wie folgt vor:

  • Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen viel besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de oder www.ihk.de. Schau auch in der Zeitung und in den Stellenportalen im Internet nach oder frag im Bekannt*innenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

  • Sobald du was Neues hast -und erst dann! - kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist. Wichtig bei einem Aufhebungsvertrag ist, dass es sich um eine vorzeitige Lösung des Ausbildungsverhältnisses im Einverständnis mit deinem*deiner Ausbilder*in handelt. Bei einem Aufhebungsvertrag gibt es keine Frist, im Klartext heißt das, du und dein*e Ausbilder*in könnt das Beendigungsdatum auf einen beliebigen Zeitpunkt setzen. Falls du noch minderjährig bist, müssen deine Eltern den Aufhebungsvertrag auch unterschreiben. Du solltest im Vorfeld deine*n Ausbilder*in auf einen Aufhebungsvertrag „vorbereiten“, damit dein Weggang nicht aus heiterem Himmel kommt. Erkläre ihm*ihr auch die Gründe für deinen Wechselwunsch und unterschreibe den Aufhebungsvertrag nur, wenn du schon sicher eine neue Ausbildungsstelle in der Tasche hast. Ein einmal unterschriebener Aufhebungsvertrag kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

  • Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§ 22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

  • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

  • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel

  • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten

  • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

  • mehrmalige ausbleibende Ausbildungsvergütung

  • wenn deinem Betrieb die Ausbilder*inneneignung fehlt, entzogen wird oder er gar keine besitzt

  • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

  • Systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)

Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbilder*inneneignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. sexuelle Belästigung) dann kannst du sofort unter Angaben der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. ausbildungsfremde Tätigkeiten), dann musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein, die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich und deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Wenn deine Gründe für die fristlose Kündigung nicht ausreichen, hat dein Betrieb auch die Möglichkeit Schadensersatzansprüche innerhalb von drei Monaten nach Beendigung gegen dich geltend zu machen.

Als Vorbereitung einer fristlosen Kündigung ist es wichtig für dich Nachweise zu sammeln. Wenn du beispielsweise aufgrund von einer andauernden Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten fristlos kündigen möchtest, dann ist dein Berichtsheft mit der Aufzeichnung der ausbildungsfremden Tätigkeiten ein guter Nachweis. Wenn du aufgrund schwerer Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz kündigen möchtest, dann ist ein Dienstplan/Arbeitszeitnachweis für dich wichtig.

Wenn du aufgrund von Mobbing kündigen möchtest, dann ist ein gut geführtes Mobbingtagebuch von deiner Seite aus ein guter Nachweis. Aussagen von Kolleg*innen, die das Mobbing mitbekommen haben, Gesprächsnotizen mit dem*der Vorgesetzten und dem*der „Täter*in“ sowie eine Bestätigung deines behandelnden Arztes oder deiner behandelnden Ärztin, dass Folgen der Mobbingsituation bereits körperliche und psychische Auswirkungen bei dir ausgelöst haben, stellen ebenfalls einen handfesten Nachweis für dich da.

Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen: Wenn der*die Azubi kündigt, ist der*die Ausbilder*in leicht verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht, zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

  • Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit...

Da du aber auch schon im dritten Ausbildungsjahr bist, kannst du dich auch bei der für dich zuständigen Stelle informieren, ob du auch als externer Prüfling zu den Abschlussprüfungen zugelassen werden kannst.

Ich hoffe, ich konnte dir damit weiterhelfen! Ich wünsche dir viel Kraft, um die anstehenden Schwierigkeiten erfolgreich zu meistern!

Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

Liebe Grüße

Dr. Azubi

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

Neue Antwort

Die mit '*' gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

Bist du in der Probezeit?*
Bist du Gewerkschaftsmitglied?*
Darf deine Telefonnummer oder deine E-Mail-Adresse an interessierte Journalist*innen für Hintergrundgespräche, Zitate oder Interviewanfragen weitergegeben werden?*
Über Antworten und Kommentare zu meiner Anfrage im Forum möchte ich per E-Mail informiert werden.*