© DGB-Jugend

Dr. Azubi

kein Ausbilder mehr und Homeoffice

Hi Dr. Azubi, 

ich mache gerade eine verkürzte Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement. Zurzeit befinde ich mich im dritten Ausbildungsjahr und werde voraussichtlich nächsten Monat meine schriftliche Abschlussprüfung schieben. 

Leider habe ich schon länger Probleme mit meinem Ausbildungsbetrieb. Aber da sich nun die Probleme häufen, wollte ich mich mal erkundigen, was meine Rechte sind und inwieweit ich da "mit" machen muss. 

Zum einen wurde letzten Monat mein Ausbilder gekündigt, dieser war meine Bezugsperson. Da dieser aber Aufgrund seiner langen Betriebszugehörigkeit, 6 Monate Kündigungsfrist hat, wurde dieser für die Kündigungsfrist freigestellt. Mir wurde mitgeteilt, dass er auch noch auf dem "Papier" mein Ausbilder ist und dass somit kein Verstoß der Ausbildungspflicht des Betriebs entsteht. Stimmt das? (Es gibt keine weitere Person, die diesen Beruf ausbilden darf / kann) Das Timing ist auch schlecht kurz vor der Prüfung, wo ich eventuell Hilfe gebrauchen könnte von einer Person, die sich auskennt.

Zum anderen habe ich 2022 meine Ausbildung in einem Nachbardorf von meinem Wohnort angefangen (15 min Entfernung). Nach Übernahme einer neuen Geschäftsleitung ist der Firmensitz nach einem halben Jahr umgezogen (1 Stunde Entfernung). Somit war ich die meiste Zeit im Homeoffice, hatte jedoch einen Tag die Woche, die ich mit meinem Auto hingefahren bin. Jetzt wo mein Ausbilder entlassen wurde, haben mir die neuen Geschäftsführer mitgeteilt das es einen weiteren Umzug gibt (min. 5 h Entfernung). Seit einem Monat befinde ich mich nun Vollzeit im Homeoffice und fahre nur noch in die Berufsschule. Da mir Homeoffice sehr schwerfällt und ich ein sehr kommunikativer Mensch bin, wollte ich fragen ob das der Betrieb einfach so entscheiden darf?

Meine letzte und wichtigste Frage, da ich leider keinerlei Informationen im Internet gefunden habe ist:

Ich habe im Januar, nach einem Praktikum bei unserem Steuerberater angefragt, da nach Übergabe der Geschäftsleitung 2022, die Lohnabteilung an diesen weitergegeben wurde. Leider hat mein Ausbildungsbetrieb die Themen meiner Ausbildung nicht wichtig genommen und mich in den Sachen, die wir in der Schule thematisiert haben, nicht praktisch gelehrt. Also habe ich das Praktikum angefragt und dies wurde mir erstaunlicher weiße genehmigt. Der Steuerberater ist von meinem Wohnort ein bisschen entfernt gewesen (Heidelberg, 45 min Entfernung). Ich habe direkt, vor meiner Absprache mit dem Steuerberater, nach einer Unterstützung der Spritkosten gefragt und mir wurde versichert, dass dies möglich sei, es aber erst besprochen werden muss. Leider wurde mir keine Rückmeldung gegeben und ich bin auf meinen eigenen Kosten, 2 Wochen, jeden Tag die Strecke nach Heidelberg gefahren. Auch nach wiederholtem Fragen, ob ich diese Fahrkosten rückerstattet bekomme, habe ich leider keine helfende Antwort bekommen, mein letzter Kontaktversuch wurde sogar einfach ignoriert. 

Jetzt wäre meine Frage, ist der Ausbildungsbetrieb nicht dafür zuständig, die Themen der Ausbildung zu vermitteln und wenn er dies nicht kann, die Kosten der Bildung zu tragen? Wäre es vielleicht möglich, dass ich mit einem Gesetz darauf aufmerksam machen kann, dass mir diese Fahrtkosten zustehen? Da mein Ausbildungsgehalt sehr gering ist und ich zudem schon alleine wohne bin ich auf mein gesamtes Ausbildungsgehalt angewiesen hätte ich gewusst, dass ich diese Kosten tragen muss, hätte ich dieses Praktikum nicht angetreten. 

 

Ich würde mich sehr auf eine Antwort von Ihnen freuen, da ich momentan sehr verzweifelt in meiner Situation bin und auch nicht falsch agieren möchte, kurz vor meiner Abschlussprüfung, aber dennoch nicht alles "mitmachen" möchte. 

 

Liebe Grüße

RE: kein Ausbilder mehr und Homeoffice

Hallo lieber Azubi,

schön, dass Du dich an Dr. Azubi wendest.

Dein Betrieb ist für die Vermittlung der Ausbildungsinhalte verantwortlich. Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http://www.bibb.de/de/berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der*die Ausbilder*in darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§ 14 Berufsbildungsgesetz). Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach § 102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!

Du solltest unbedingt dafür kämpfen, dass deine Ausbildung nach dem Rahmenplan verläuft, denn sonst ist dein Ausbildungsziel gefährdet. Hier sind ein paar Tipps für dich, was du unternehmen könntest:

1. Bitte deine*n Chef*in um ein Gespräch und erkläre ihm*ihr ruhig und sachlich, dass du Angst hast, dein Ausbildungsziel nicht zu erreichen. Am besten nimmst du den Ausbildungsplan mit in das Gespräch. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein. Hier kannst Du auch das Problem mit dem Praktikum erwähen.

2. Wenn das Gespräch nichts bringt, solltest du den*die Ausbilder*in schriftlich auffordern. Hebe eine Kopie des Schreibens auf. Hier ist ein Musterbrief:

Sehr geehrter Herr/Frau…,

laut § 14 Berufsbildungsgesetz müssen Sie mich entsprechend des gesetzlichen und betrieblichen Ausbildungsplans ausbilden. Ich habe jedoch wichtige berufliche Fertigkeiten noch nicht erlernt, die ich zum jetzigen Zeitpunkt meiner Ausbildung längst beherrschen müsste. Einige Beispiele:

- [Bitte einfügen: Berufliche Fertigkeiten]

- [Bitte einfügen: Berufliche Fertigkeiten]

Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, mir die gesetzlich vorgeschriebenen Inhalte zu vermitteln und mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder*in nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

 

Mit freundlichen Grüßen,

[Unterschrift Azubi]

3. Wenn auch das nichts bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen. Hier ist ein Kontakt in deiner Nähe:

Ver.di Ludwigshafen

Kaiser-Wilhelm-Straße 7
67059 Ludwigshafen

Tel.: 0621591840
E-Mail: bz.pfalz@verdi.de

Da kannst du einfach anrufen, nach einem*einer Jugendsekretär*in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

Das Problem mit dem entlassenen Ausbilder ist natürlich sehr ungeschickt für dich so kurz vor der Prüfung. Die Ausbildung kann nur dann stattfinden, wenn am Ausbildungsplatz ein*e Ausbilder*in oder Ausbildungsbeauftragte*r anwesend ist und dich ausbildet. Laut § 14 Abs. 1 Nr. 2 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) muss der*die Ausbildende selbst ausbilden oder eine*n Ausbilder*in ausdrücklich damit beauftragen. Der*die Ausbilder*in oder die Person, die mit der Ausbildung beauftragt ist, muss dem*der Auszubildenden Fragen beantworten und ihn*sie in Arbeitsvorgänge einweisen. Er*sie muss seine*ihre Arbeitsergebnisse kontrollieren und dafür sorgen, dass der*die Auszubildende alle wichtigen Ausbildungsinhalte erlernt. Daraus ergibt sich, dass er*sie eigentlich immer anwesend sein muss. Der*die Auszubildende darf also nicht allein am Ausbildungsplatz sein oder nur in Gesellschaft von anderen Azubis, Praktikant*innen und Ungelernten sein, die als Ausbilder*in nicht geeignet sind. Das kannst Du ebenfalls bei deinem Chef ansprechen. Sollte er darauf nicht eingehen, dann solltest Du dich an deine zständige Gewerkschaft wenden und das Problem ansprechen.

Dies war ein Service deiner Gewerkschaft. Als Gewerkschaftsjugend kämpfen wir Tag für Tag für gute Ausbildung, höhere Löhne, Umverteilung und Bildungsgerechtigkeit. Kurz: Für eine solidarische und antifaschistische Gesellschaft. Zusammen sind wir stärker – werde Mitglied!

Liebe Grüße

Dr. Azubi

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

Neue Antwort

Die mit '*' gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

Bist du in der Probezeit?*
Bist du Gewerkschaftsmitglied?*
Darf deine Telefonnummer oder deine E-Mail-Adresse an interessierte Journalist*innen für Hintergrundgespräche, Zitate oder Interviewanfragen weitergegeben werden?*
Über Antworten und Kommentare zu meiner Anfrage im Forum möchte ich per E-Mail informiert werden.*