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Dr. Azubi

Freistellung von der Berufsschulpflicht

Hallo liebes Dr. Azubi-Team,

mein Name ist René und ich bin seit diesem Jahr Azubi im ersten Lehrjahr. Ich bin auch sehr zufrieden in meinem Betrieb, komme gut klar und mache mich laut meinen Kollegen auch sehr gut.

Nun zu meinem Problem: die Berufsschule! Das Problem sind weder meine blutjungen Mitschüler, noch die Lehrer, sondern das Gefühl, dass mir in jeder Unterrichtsstunde ob der Stupidität der Lernfelder und Aufgaben, Gehirnzellen absterben. Ich habe mehrere Semester an der Uni studiert und ich möchte mir in der Berufsschule jeden Tag den Kopf auf den Tisch schlagen. Das Konzept liegt mir einfach nicht. Autodidaktisch könnte ich viel effizienter lernen. 

Als Resultat daraus, gehe ich regelmäßig mit starken Bauch- und Kopfschmerzen dorthin oder vermeide es hinzugehen, indem ich mich krankschreiben lasse, aber das kann ja auch keine dauerhafte Lösung sein und gefährdet auf Dauer ja auch meinen Ausbildungsplatz.

Die Frage ist nun, ob ich mich vom Unterricht freistellen lassen kann, da ich deutlich über 21 und schon lange nicht mehr schulpflichtig bin?

Es wäre soviel einfacher nur im Betrieb zu arbeiten, denn das macht mir Spaß und ich lerne auch wirklich für den Job relevante Dinge und werde nicht gezwungen, Stoff aus der 6.-8. Klasse zu wiederholen, wie zum Beispiel zu lernen, ein Tortendiagramm zu lesen oder als Muttersprachler einen Deutsch-Förderkurs zu besuchen oder an sinnlosem Sportunterricht teilnehmen zu müssen.

Ich hoffe ihr könnt mir weiterhelfen.

Liebe Grüße,

René

RE: Freistellung von der Berufsschulpflicht

Hallo lieber Azubi,

schön, dass Du dich an Dr. Azubi wendest.

Zunächst einmal gilt, dass die Teilnahme am Berufsschulunterricht der betrieblichen Ausbildung vorgeht (§ 15 Berufsbildungsgesetz). Das heißt, dass Azubis nur in absoluten Ausnahmefällen durch ihren Betrieb von der Berufsschule befreit werden dürfen! Genauer gesagt darfst du (auf Antrag deines Betriebs) laut Gesetz maximal 2 Unterrichtstage im Schuljahr durch den*die Klassenlehrer*in beurlaubt werden (gemäß § 6 Abs. 3 der Verordnung über die Berufsschule). Nach dem schriftlichen Antrag deines Ausbildungsbetriebes entscheidet deine Schule über die Freistellung. Aus dem Antrag muss die Unabwendbarkeit der Freistellung ersichtlich sein. Alle vorhersehbaren betrieblichen Ereignisse (z. B.  Saison- und Terminarbeiten) können in der Regel kein Grund für eine Freistellung sein. Der Antrag hat rechtzeitig vor der Freistellung bei der Schule einzugehen. Eine eigenmächtige Freistellung durch den Ausbildungsbetrieb ohne Abstimmung mit der Schule wäre eine Verletzung des Berufsbildungsgesetzes.

Ich kann verstehen, dass in deinem Fall die Berufsschule langweilig sein kann, das ist aber nun mal der Aufbau einer Ausbildung. Ich schätze, da musst Du durch. Alternativ dazu wäre ein duales Studium. Hier hast Du auch einen praktischen Teil und nebenher ein Studium. Aber wenn dir der Ausbildungsberuf spaß macht, würde ich mir überlegen, ob Du das nicht durchziehen willst.

Eine andere Möglichkeit wäre, die Ausbildung zu verkürzen, aufgrund von Vorwissen (§ 7, 8 Berufsbildungsgesetz). Die Bundesländer können dabei unterschiedliche Regelungen erlassen. In der Regel kannst du aber aus folgenden Gründen verkürzen:

1. Falls du in demselben Beruf bereits Ausbildungszeit zurückgelegt hast, wird dir diese Zeit voll anerkannt. Auch Ausbildungszeiten in einem ähnlichen Beruf können teilweise anerkannt werden.

2. Wenn du vor der Ausbildung eine Berufsfachschule besucht hast, kann dir das ganz oder teilweise auf deine Ausbildungszeit angerechnet werden.

3. Auch aufgrund von allgemeinbildenden Schulabschlüssen kannst du die Ausbildung verkürzen:

  • Bei Realschüler*innen kann die Ausbildung um ein halbes Jahr verkürzt werden.
  • Bei Abiturient*innen kann die Ausbildung um maximal 1 Jahr gekürzt werden
  • Bei Fachhochschulreife in der entsprechenden Fachrichtung ist eine Kürzung bis zu 2 Jahren möglich.

Es ist auch möglich, einen Antrag auf Verkürzung zu stellen, wenn zu erwarten ist, dass du das Ausbildungsziel in der gekürzten Dauer erreichen wirst (beispielsweise bei einer Teilzeitberufsausbildung). Die Verkürzung aufgrund von Vorbildung soll möglichst gleich beim Vertragsabschluss erfolgen. Sie muss aber spätestens so rechtzeitig beantragt werden, dass mindestens noch ein Jahr an Ausbildungszeit verbleibt.

Eine Verkürzung aufgrund von Punkt 1 erfolgt in der Regel automatisch durch die zuständige Stelle, trotzdem solltest du darauf achten. Eine Verkürzung nach Punkt 2 & 3 musst du gemeinsam mit deinem*deiner Ausbilder*in bei der zuständigen Stelle beantragen: Du brauchst also das Einverständnis deines*deiner Ausbilder*in. Ihr solltet den Antrag gleich zu Beginn der Ausbildung stellen. Es ist aber auch möglich, den Antrag noch im Verlauf der Ausbildung zu stellen. Die verkürzte Ausbildungszeit wird dann in deinen Ausbildungsvertrag eingetragen. Bei Fragen wende dich an die zuständige Stelle (siehe Stempel auf deinem Ausbildungsvertrag zum Beispiel IHK, oder Innung).

Achtung: Wenn dir aufgrund von Punkt 1 oder Punkt 2 deine Vorbildung auf die Ausbildungszeit angerechnet wird, wird die gekürzte Zeit in Bezug auf deine Ausbildungsvergütung als Ausbildungszeit gewertet, die du bereits verbracht hast. Im Klartext: Wenn du um ein Jahr verkürzt, beginnst du deine Ausbildung bereits im 2. Ausbildungsjahr und hast Anspruch auf die Vergütung des 2. Ausbildungsjahres! Wenn du nach Punkt 3 verkürzt, hast du keinen Anspruch auf die höhere Vergütung.

Die Abkürzungsmöglichkeiten können auch nebeneinander berücksichtigt werden. Du kannst also zum Beispiel zunächst aufgrund deiner Vorbildung verkürzen und dann noch einmal aufgrund überdurchschnittlicher Leistungen in der Zwischenprüfung. Allerdings sollten bestimmte Mindestzeiten einer Ausbildung nicht unterschritten werden.

  • Bei einer Regelausbildungszeit von 3,5 Jahren sollte die Ausbildung mindestens 24 Monate dauern.
  • Bei einer Regelausbildungszeit von 3 Jahren sollte die Ausbildung mindestens 18 Monate dauern.
  • Bei einer Regelausbildungszeit von 2 Jahren sollte die Ausbildung mindestens 12 Monate dauern.

Dies war ein Service deiner Gewerkschaft. Als Gewerkschaftsjugend kämpfen wir Tag für Tag für gute Ausbildung, höhere Löhne, Umverteilung und Bildungsgerechtigkeit. Kurz: Für eine solidarische und antifaschistische Gesellschaft. Zusammen sind wir stärker – werde Mitglied!

Liebe Grüße

Dr. Azubi

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

Hier kannst du Mitglied einer Gewerkschaft werden: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/mitglied-werden

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