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Dr. Azubi

Anfrage bezüglich Abbruch meiner Ausbildung im dritten Jahr und Möglichkeiten des Nachholens

Sehr geehrte Damen und Herren,


ich möchte mich mit der Bitte um Informationen an Sie wenden. Der Grund meiner Anfrage liegt darin, dass ich in Erwägung ziehe, meine Ausbildung im dritten Jahr abzubrechen. Mein Anliegen ist es zu erfahren, ob es nach einem Abbruch möglich ist, die Ausbildung zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen.


Die Ursache für meine Überlegung liegt in der erfolgreichen Anerkennung meines ausländischen Studiums. Dies eröffnet mir neue berufliche Perspektiven, und ich bin nun daran interessiert, Berufserfahrung in einer regulären Arbeitsstelle zu sammeln, gestützt durch diese Anerkennung.


Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir nähere Informationen zu den Konsequenzen eines Ausbildungsabbruchs und den Möglichkeiten des Nachholens zukommen lassen könnten.


Mit freundlichen Grüßen,

RE: Anfrage bezüglich Abbruch meiner Ausbildung im dritten Jahr und Möglichkeiten des Nachholens

Hallo!

Vielen Dank für deine Nachricht, wir freuen uns dass du dich mit deinem Anliegen an uns wendest und ich hoffe ich kann dir weiterhelfen.

Eine Ausbildung kann man nur abbrechen, wenn man das Ausbildungsverhältnis im rechtlichen Sinne kündigt oder aufhebt. Wie das geht und wo da die Unterschiede sind, möchte ich dir im Detail erklären:

Entscheidend ist, ob du innerhalb der Probezeit kündigst oder erst danach.

Deine Ausbildung beginnt mit der Probezeit. Die Probezeit ist für Ausbilder*in und Azubi von großer Bedeutung. Der*die Ausbilder*in ist in dieser Zeit verpflichtet, zu prüfen, ob sich der*die Azubi für den Ausbildungsberuf eignet. Als Azubi kannst du in der Probezeit überprüfen, ob du den richtigen Beruf gewählt hast.

Während der Probezeit können beide Vertragsparteien von heute auf morgen und ohne Begründung das Ausbildungsverhältnis kündigen. Die Kündigung muss aber trotzdem schriftlich sein (§ 22 Berufsbildungsgesetz). Da es keine Frist einzuhalten gilt, endet das Ausbildungsverhältnis zu dem Zeitpunkt, der in der Kündigung angegeben ist, in der Regel sofort. Unabhängig von der Kündigungsart stehen dir nach der Kündigung alle Leistungen zu, die du dir bis zum Kündigungszeitpunkt erworben hast - insbesondere Restgehalt und Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen und ein Arbeitszeugnis.

Die Probezeit muss mindestens einen Monat, darf jedoch höchstens vier Monate dauern (§ 20 Berufsbildungsgesetz). Viele Standardausbildungsverträge enthalten zudem die Regelung, dass sich die Probezeit automatisch verlängert, wenn mehr als 1/3 der Probezeit ausfällt (zum Beispiel wegen Krankheit des*der Azubi*s) und das ist legal.

Außerhalb der Probezeit ist es wesentlich schwieriger ein Ausbildungsverhältnis zu kündigen. Das liegt hauptsächlich daran, dass man ein Ausbildungsverhältnis nicht „normal“ also ordentlich kündigen kann nach § 622 BGB, wie ein normales Arbeitsverhältnis.

Dem Grunde nach hast du immer die Möglichkeit, mit einer Frist von vier Wochen zu kündigen, wenn du die Berufsausbildung aufgeben und/oder den Ausbildungsberuf wechseln willst (§ 22 Berufsbildungsgesetz). Es genügt, wenn zum Zeitpunkt der Kündigung der ernsthafte Wille zur Berufsaufgabe oder zum Berufswechsel vorliegt. Das bedeutet aber nicht, dass du die Ausbildung in diesem Beruf nie wieder fortsetzen kannst. Du kannst deine Meinung auch wieder ändern, dich erneut bewerben und die Berufsausbildung in demselben oder in einem anderen Betrieb fortsetzen. Zum Zeitpunkt der Kündigung muss aber der ernsthafte Wille zur Berufsaufgabe vorliegen und du solltest diese Kündigung nicht verwenden, wenn du nur den Ausbildungsplatz wechseln willst. Wenn du ordentlich kündigst aber nur den Ausbildungsplatz wechseln willst und dein ehemaliger Betrieb dahinterkommt, kann er dich unter Umständen auf Schadensersatz verklagen. Zudem kann es zu Problemen mit der zuständigen Kammer beim Eintragen deines neuen Ausbildungsverhältnisses kommen.

Falls du also die gleiche Ausbildung zum selben Beruf, zu einem späteren Zeitpunkt im gleichen Betrieb wiederaufnehmen möchtest oder einfach den Betrieb wechseln möchtest um diesen Beruf zu lernen, musst du entweder einen Aufhebungsvertrag vereinbaren oder außerordentlich kündigen.

Ein Aufhebungsvertrag ist keine Kündigung! Im Unterschied zur Kündigung kündigt beim Aufhebungsvertrag nicht eine Partei der anderen. Beim Aufhebungsvertrag lösen Azubi und Ausbilder*in das Ausbildungsverhältnis in gegenseitigem Einvernehmen auf. Im Klartext heißt das beide, Azubi und Ausbilder*in wollen das Ausbildungsverhältnis nicht fortsetzen. Ein Aufhebungsvertrag kann also nur zustande kommen, wenn sich Ausbilder*in und Azubi einig sind. Den Zeitpunkt der Vertragsauflösung können Azubi und Ausbilder*in dabei frei vereinbaren, es gibt also keine Fristen, die eingehalten werden müssen. Der Aufhebungsvertrag wird zweimal angefertigt. Jedes Exemplar wird dann von Azubi und Ausbilder*in unterschrieben. Azubi und Ausbilder*in erhalten je ein Exemplar.

Du kannst außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§ 22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

  • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

  • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel

  • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten

  • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

  • mehrmalige ausbleibende Ausbildungsvergütung

  • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, entzogen wird oder er gar keine besitzt

  • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

  • Systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)

Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbilder*inneneignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. sexuelle Belästigung) dann kannst du sofort unter Angaben der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. ausbildungsfremde Tätigkeiten), dann musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein, die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

Achtung: Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich und deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Wenn deine Gründe für die fristlose Kündigung nicht ausreichen, hat dein Betrieb auch die Möglichkeit Schadensersatzansprüche innerhalb von drei Monaten nach Beendigung gegen dich geltend zu machen.

Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen: Wenn der*die Azubi kündigt, ist der*die Ausbilder*in leicht verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht, zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen. Dein*e Ausbilder*in kann grundsätzlich innerhalb von drei Wochen Widerspruch gegen die Kündigung einlegen, das kommt aber sehr selten vor: Wer will schon eine*n Azubi, der ganz offensichtlich keine Lust mehr hat, in dem Betrieb zu arbeiten und nicht besonders motiviert ist?

Grundsätzlich kannst du deine Ausbildung zu einem späteren Zeitpunkt wiederaufnehmen. Allerdings ist der Zeitpunkt schon sehr wichtig. Da Ausbildungen zeitlich auf das Erlernen bestimmter Inhalte ausgelegt sind, sowohl im Betrieb, als auch in der Berufsschule, kannst du deine Ausbildung nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt, an der gleichen Stelle deiner vorherigen Ausbildung einfach wiederaufnehmen. Du musst dann damit rechnen, dass du deine Ausbildung eventuell verlängern musst, um keine Inhalte zu verpassen und die gesamte notwendige Ausbildungszeit zu erreichen, damit schlussendlich deine zuständige Kammer dich zur Abschlussprüfung zulässt.

Wenn du weitere Unterstützung oder Rückendeckung brauchst, kannst du dich auch jederzeit an deine örtliche Gewerkschaft wenden. Hier ist ein Kontakt für dich:

ver.di – Bezirk Bonn

Endenicher Straße 127

53115 Bonn

Tel.: 0221 48558-0

Da kannst du anrufen, nach einem*einer Jugendsekretär*in fragen und sagen, dass du von Dr. Azubi kommst. Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.

Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren willst, dann folge diesem Link: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/mitglied-werden

Dies war ein Service deiner Gewerkschaft. Als Gewerkschaftsjugend kämpfen wir Tag für Tag für gute Ausbildung, höhere Löhne, Umverteilung und Bildungsgerechtigkeit. Kurz: Für eine solidarische und antifaschistische Gesellschaft. Zusammen sind wir stärker – werde Mitglied!

Liebe Grüße

Dr. Azubi

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

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