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Dr. Azubi

Samstagsdienst / Ersatz für Mitarbeiter

Hallo,

ich soll laut meinem Vorgesetzten ab sofort Samstags den Dienst von einem Arbeitskollegen übernehmen. Da er umgezogen ist müsste er für den halben Tag jeweils 1 Stunde zur Arbeit und wieder nach hause fahren. Um das zu umgehen, möchte mein Chef jetzt, daß ich alleine die Serviceassistenz Samstags im Wechsel mit einer anderen Kollegin in unserem Betrieb von 8:00 Uhr bis 12:00 Uhr übernehme. (wäre dann auch alleine in meinem berufsbezogenen Bereich)

Muss ich das mitmachen? Ich habe immerhin auch für den Hin- und Rückweg insgesamt 90 Minuten zu fahren. Irgendwie sehe ich das ja nicht ein, weil ich kann ja nichts dafür daß der Kollege umgezogen ist. 

Was ist eigentlich mit den anfallenden Stunden? Muss sich dann nicht von Montag bis Freitag meine eigentliche Arbeitszeit verkürzen? Sonst wären die Stunden von Samstag ja Überstunden?

RE: Samstagsdienst / Ersatz für Mitarbeiter

Hallo Ronny66!

Vielen Dank für deine Anfrage! Ich kann deinen Ärger verstehen. Es wirkt auf den ersten Blick so, als würdest du als billige Arbeitskraft dort eingesetzt und das ist nicht das Ziel einer Ausbildung. Es ist so:

Ausbildung kann nur dann stattfinden, wenn am Ausbildungsplatz ein*e Ausbilder*in oder ein*e Ausbildungsbeauftragte*r anwesend ist, der*die dich ausbildet. Laut § 14 Abs. 1 Nr. 2 des Berufsbildungsgesetzes (BBIG) muss der*die Ausbildende selbst ausbilden oder eine*n Ausbilder*in ausdrücklich damit beauftragen. Der*die Ausbilder*in oder die Person, die mit der Ausbildung beauftragt ist, muss dem*der Azubi Fragen beantworten und ihn*sie in Arbeitsvorgänge einweisen. Er oder sie muss seine Arbeitsergebnisse kontrollieren und dafür sorgen, dass der*die Azubi alle wichtigen Ausbildungsinhalte erlernt. Daraus ergibt sich, dass er*sie eigentlich immer anwesend sein muss. Der*die Azubi darf also nicht allein am Ausbildungsplatz sein oder nur in Gesellschaft von anderen Azubis, Praktikant*innen und Ungelernten, die als Ausbilder*innen nicht geeignet sind. Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach § 102 BBiG mit einem Bußgeld geahndet werden!

Außerdem gibt es auch für Azubis über 18 Jahre eine Beschränkung deiner Arbeitszeit. Die tägliche Höchstarbeitszeit liegt bei acht Stunden (§ 3 Arbeitszeitgesetz). Sie kann zwar auf zehn Stunden täglich und 60 Stunden wöchentlich verlängert werden – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird. Für volljährige Azubis gibt es keine gesetzliche Regelung, welche die Fünf-Tage-Woche vorschreibt, der Samstag ist im Arbeitszeitgesetz ein ganz normaler Werktag. Volljährige dürfen in bestimmten Branchen auch am Sonntag und an Feiertagen beschäftigt werden, wenn die Arbeit nicht an anderen Tagen erledigt werden kann (§§ 9,10 Arbeitszeitgesetz). Allerdings müssen mindestens 15 Sonntage im Jahr arbeitsfrei sein. Außerdem steht dir für die Beschäftigung an Sonntagen ein Ersatzruhetag zu, der innerhalb von zwei Wochen gewährt werden muss. Für die Beschäftigung an einem Feiertag, der auf einen Werktag fällt, steht dir ein Ersatzruhetag zu, der innerhalb von acht Wochen gewährt werden muss (§ 11 Arbeitszeitgesetz).

Du darfst also nach dem Arbeitszeitgesetz an sechs Tagen pro Woche durchschnittlich 48 Stunden arbeiten. Trotzdem gilt für fast alle volljährigen Azubis ebenfalls die Fünf-Tage-Woche, weil sie in Tarifverträgen festgelegt ist. Und auch die Arbeitszeit ist oft in Tarifverträgen deutlich niedriger festgelegt. Bei deiner Gewerkschaft kannst du erfragen, ob es für deinen Ausbildungsberuf einen bindenden Tarifvertrag gibt.

Auch bei Azubis über 18 Jahren muss die Arbeitszeit durch im Voraus feststehende Pausen unterbrochen werden. Arbeitspausen sind einerseits aus biologischen Gründen notwendig, andererseits dienen sie dazu, Überlastung und Unfallrisiken zu vermeiden. Die Pause muss bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs Stunden mindestens 30 Minuten lang sein und bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden mindestens 45 Minuten. Du darfst nicht länger als sechs Stunden ohne Ruhepause beschäftigt werden (§ 4 Arbeitszeitgesetz).

Falls dein Betrieb sich nicht an das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.

Überstunden musst du als Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeiter*innen - nur freiwillig machen. Warum? Du machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck der Ausbildung dienen, das heißt dein*e Ausbilder*in oder eine ausbildungsbeauftragte Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest!

Wenn du Überstunden freiwillig machst, gilt: Minderjährige dürfen nicht mehr als 40 Stunden die Woche arbeiten (§ 8 Jugendarbeitsschutzgesetz). Volljährige dürfen durchschnittlich nicht mehr als 48 Stunden und zeitweise maximal 60 Stunden arbeiten – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird (§ 3 Arbeitszeitgesetz)!

Achtung: Wenn du nach der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeit noch im Betrieb bist, und es kommt zu einem Arbeitsunfall, kannst du Probleme bekommen, weil die Unfallversicherung der Berufsgenossenschaft unter Umständen nicht zahlt. Falls dein Betrieb sich nicht an das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.

Überstunden müssen dir selbstverständlich vergütet oder in Freizeit ausgeglichen werden (§ 17 Berufsbildungsgesetz).

Wenn du nicht am Samstag alleine Arbeiten möchtest und womöglich dadurch auch noch Überstunden sammelst, kannst du folgendes machen:

1. Sprich mit deinem*deiner Ausbilder*in und mache ihn*sie darauf aufmerksam, dass du seine*ihre Hilfe und sein*ihr Wissen brauchst, um deinen Beruf zu erlernen. Falls möglich schalte den Betriebsrat ein.

2. Falls sich nach dem Gespräch nichts ändert, solltest du den*die Ausbilder*in oder Betriebsinhaber*in noch einmal schriftlich an seine*ihre Pflichten erinnern. Hebe dir eine Kopie des Schreibens auf! Hier ist ein Musterbrief:

Sehr geehrte/r Frau/Herr…,

laut § 14 Berufsbildungsgesetz muss ein geeigneter Ausbilder die Ausbildungsinhalte vermitteln.

- Ich bin allerdings sehr häufig allein im Betrieb [Bitte Beispiele einfügen]

- Es steht für mich allerdings kein*e Ausbilder*in bereit und es ist auch niemand ausdrücklich mit meiner Ausbildung beauftragt worden.

Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, mir eine*n Ausbilder*in zur Verfügung zu stellen, mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

 

Mit freundlichen Grüßen,

[Unterschrift Azubi]

3. Wenn auch das nichts bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen. Hier ist ein Kontakt in deiner Nähe:

IG Metall
Jakobistr. 36-40
59494 Soest
Telefon:
+49 2921 344970
E-Mail:
hamm-lippstadt@igmetall.de

Da kannst du anrufen, nach einem*einer Jugendsekretär*in fragen und sagen, dass du von Dr. Azubi kommst. Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.

Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren willst, dann folge diesem Link: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/mitglied-werden

Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

Liebe Grüße

Dr. Azubi          

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

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