© DGB-Jugend

Dr. Azubi

Probleme im Ausbildungsbetrieb

Hallo, ich habe im September meine Ausbildung begonnen. Von Anfang an war in der Firma einiges fragwürdig. Ich wurde einem Angestellten in der Vermietung zugeteilt, der selbst erst wenige Wochen da war, keine Ausbildung als Immobilienkaufmann hat, kein Ausbilder ist. Er hatte Namen für mich wie Häschen, Engelchen usw. Einen Rahmenplan für meine Ausbildung gab es nicht.Von Montag bis Donnerstag war ich von 7.30-17.00 in der Firma, Freitags konnte ich eher gehen. Wie genau die App zur Arbeitszeiterfassung funktioniert hat mir keiner erklärt. Die meiste Zeit habe ich meinem "Ausbilder"bei seinem Gemecker zuhören müssen , sowie sehr zweifelhaften Ansichten. Desweiteren war ich sehr viele Stunden mit ihm im Auto in halb Sachsen unterwegs. Seine Fahrweise völlig unangepasst, mehrfach waren die Wohnungsbesichtigungen nicht möglich wegen vergessener Schlüssel u.ä.

Auf einer dieser Fahrten bin ich eingeschlafen. Er hat ein Foto von mir gemacht und es ins Büro geschickt. Dort hat es dann die Runde gemacht.Ich habe nur davon erfahren, weil eine andere Auszubildende es mir erzählt hat.Ich bin völlig verstört. Sehr gern würde ich die Ausbildung fortsetzen aber nicht in dieser Firma.Was kann ich tun? Vielen Dank für die Unterstützung.

RE: Probleme im Ausbildungsbetrieb

Hallo!

Vielen Dank für deine Nachricht im Forum, wir freuen uns dass du dich mit deinem Anliegen an uns wendest, auch wenn der Grund dafür sicherlich nicht zum freuen ist.

Es ist so, für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http://www.bibb.de/de/berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der*die Ausbilder*in darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Leider passiert es relativ häufig, dass Auszubildende mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beauftragt werden. Ausbildungsfremde Tätigkeiten (also Arbeiten, die nicht dem Ausbildungszweck dienen) sind z. B. regelmäßiges Putzen oder Botengänge. Alle diese Tätigkeiten sind verboten! Übrigens dienen auch unnötige Wiederholungen bereits gelernter Fähigkeiten – so genannte ausbildungsfremde Routinearbeiten – nicht dem Ausbildungszweck! Außerdem kann Ausbildung nur dann stattfinden, wenn am Ausbildungsplatz ein*e Ausbilder*in oder Ausbildungsbeauftragte*r anwesend ist, der*die dich ausbildet. Laut § 14 Abs. 1 Nr. 2 des Berufsbildungsgesetzes (BBIG) muss der*die Ausbildende selbst ausbilden oder eine*n Ausbilder* ausdrücklich damit beauftragen. Der*die Ausbilder*in oder die Person, die mit der Ausbildung beauftragt ist, muss dem*der Azubi Fragen beantworten und ihn*sie in Arbeitsvorgänge einweisen. Er*sie muss seine*ihre Arbeitsergebnisse kontrollieren und dafür sorgen, dass der Azubi alle wichtigen Ausbildungsinhalte erlernt. Daraus ergibt sich, dass er eigentlich immer anwesend sein muss. Der*die Azubi darf also nicht allein am Ausbildungsplatz sein oder nur in Gesellschaft von anderen Azubis, Praktikant*innen und Ungelernten, die als Ausbilder*in nicht geeignet sind.

Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 BBiG mit einem Bußgeld geahndet werden!

Die Kritik an dem Vorgehen deines Ausbilders, ist auf jeden Fall berechtigt und mindestens zwischenmenschlich, nicht in Ordnung. Gerade das dein Recht am eigenen Bild nicht respektiert wird und dir herabwürdigende Spitznamen gegeben werden ist nicht in Ordnung.

  • Es ist wichtig, dass du mit Menschen deines Vertrauens über deine Probleme am Ausbildungsplatz sprichst. Wenn du es nur runterschluckst, werden sich die Erfahrungen bald auf deine Seele oder deinen Körper auswirken, z. B. Schlafstörungen, Depressionen, Magen-Darmprobleme könnten die Folge werden.

  • Du solltest sofort anfangen, ein Tagebuch über die Vorkommnisse zu führen. Wer hat was, wann zu wem gesagt und wer war noch dabei? Oder wer hat wann was getan und wer war noch dabei? Schreib dir alles möglichst genau auf. Auf dieses Tagebuch kannst du dann später zurückgreifen, es kann sehr nützlich sein, wenn du dich wehren willst.

  • Du solltest möglichst früh Stellung beziehen, wenn du mit dem Verhalten von Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten dir gegenüber oder auch gegenüber anderen nicht einverstanden bist. Sage klar und deutlich, wenn du etwas nicht in Ordnung findest und benenne genau, was es ist! Denn so verschaffst Du Dir Respekt.



Das Ausbildungsverhältnis kann während der Probezeit ohne Angabe von Gründen und ohne Kündigungsfrist jederzeit gekündigt werden (§ 22 Berufsbildungsgesetz). Die Kündigung muss schriftlich erfolgen. Da es keine Frist einzuhalten gilt, endet das Ausbildungsverhältnis zu dem Zeitpunkt, der in der Kündigung angegeben ist, in der Regel sofort. Unabhängig von der Kündigungsart stehen dir nach der Kündigung alle Leistungen zu, die du dir bis zum Kündigungszeitpunkt erworben hast - insbesondere Restgehalt und Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen und ein Arbeitszeugnis. Falls du minderjährig bist, müssen auch deine gesetzlichen Vertreter*innen, in der Regel deine Eltern, die Kündigung unterschreiben,

Deine Ausbildung beginnt mit der Probezeit. Die Probezeit ist für Ausbilder*in und Azubi von großer Bedeutung. Der*die Ausbilder*in ist in dieser Zeit verpflichtet, zu prüfen, ob sich der*die Azubi für den Ausbildungsberuf eignet. Als Azubi kannst du in der Probezeit überprüfen, ob du den richtigen Beruf gewählt hast.

Die Probezeit muss mindestens einen Monat, darf jedoch höchstens vier Monate dauern (§ 20 Berufsbildungsgesetz). Viele Standardausbildungsverträge enthalten zudem die Regelung, dass sich die Probezeit automatisch verlängert, wenn mehr als 1/3 der Probezeit ausfällt (zum Beispiel wegen Krankheit des*der Azubi*s) und das ist legal.


Wenn du glaubst, dass sich deine Ausbildungssituation in deinem jetzigen Betrieb nicht verbessern wird, ist ein Ausbildungsplatzwechsel vielleicht wirklich die richtige Lösung für dich.

Ein Ausbildungsplatzwechsel ist kein Beinbruch, aber du solltest jetzt nichts überstürzen, sondern in Ruhe nach etwas Neuem suchen! Bei einem Ausbildungsplatzwechsel innerhalb der Probezeit gehst du am besten folgendermaßen vor:

  • Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter https://www.arbeitsagentur.de oder https://www.meinestadt.de, oder https://www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und frag im Bekannt*innenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

  • Sobald du was Neues hast -und erst dann! - kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist

  • Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du innerhalb der Probezeit jederzeit fristlos und ohne Angabe von Gründen kündigen (§22 Berufsbildungsgesetz). Die Kündigung muss schriftlich erfolgen. Da es keine Frist einzuhalten gilt, endet das Ausbildungsverhältnis zu dem Zeitpunkt, der in der Kündigung angegeben ist. In der Regel sofort. Unabhängig von der Kündigungsart stehen dir nach der Kündigung alle Leistungen zu, die du dir bis zum Kündigungszeitpunkt erworben hast - insbesondere Restgehalt und Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen und ein Arbeitszeugnis.

Nach der Kündigung kannst du vielleicht auch rechtliche Rückendeckung gebrauchen, denn wenn ein*e Azubi kündigt, ist der*die Ausbilder*in oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

Hier ist ein Kontakt für dich:

ver.di – Bezirk Chemnitz

Augustusburger Str. 31

09111 Chemnitz

Tel.: 0351 / 48422-0

E-Mail: service.sat@verdi.de

Da kannst du einfach anrufen, nach einem*einer Jugendsekretär*in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

  • Dann setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

Viel Erfolg! Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

Liebe Grüße

Dr. Azubi

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!


Neue Antwort

Die mit '*' gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

Bist du in der Probezeit?*
Bist du Gewerkschaftsmitglied?*
Darf deine Telefonnummer oder deine E-Mail-Adresse an interessierte Journalist*innen für Hintergrundgespräche, Zitate oder Interviewanfragen weitergegeben werden?*
Über Antworten und Kommentare zu meiner Anfrage im Forum möchte ich per E-Mail informiert werden.*