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Dr. Azubi

Kündigung wegen Wechsel

Hallo,

ich möchte gerne meinen Betrieb wechseln da ich fachlich nicht viel lernen kann wegen der Arbeitsweise des Betriebs und meine Chefin sich mir gegenüber (auch nach mehreren Gesprächen) sehr unsozial verhält. Ich habe jetzt ein sehr lockendes Angebot von einem befreundeten Betrieb bekommen welches mich in meiner Laufbahn bzw. Ausbildung weiterbringt. Da mein jetziger Betrieb kurz vor einer Insolvenz steht und wir akuten mitabeitermangel haben denke ich nicht das meine Chefin einen aufhebungsvertrag unterschreiben würde. Deswegen hier meine Fragen:

1. eine Freundin meinte ich kann einfach fristlos kündigen und als Grund angeben das ich den Betrieb wechsle, das hört sich für mich sehr unglaubwürdig an da ich ja immerhin einen Vertrag unterschrieben habe.

2. ich habe auch nie Arbeitskleidung (ink.Schuhe) bekommen welche mein Arbeitgeber mir doch eigentlich stellen müsste. Das könnte doch auch ein fristloser Kündigungsgrund sein oder?

Vielen Dank im Voraus und liebe Grüße 

max

RE: Kündigung wegen Wechsel

Hallo Max!

Das tut mir leid, dass du unzufrieden bist mit deinem Betrieb! Leider musst du für einen Wechsel einiges beachten und die Sache ist nicht ganz einfach. Wenn du deinen Ausbildungsplatz wechseln möchtest, solltest du vor Allem nichts überstürzen. Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am besten folgendermaßen vor:

1. Am Anfang steht die Ausbildungsplatzsuche. Du solltest erst kündigen, wenn du einen neuen Ausbildungsplatz gefunden hast, denn dann stehst du bei der Bewerbung nicht unter Druck und das (noch) bestehende Ausbildungsverhältnis ist ein gutes Arbeitszeugnis und macht glaubhaft, dass nicht der Betrieb etwas an dir, sondern du etwas an dem Betrieb auszusetzen hast. Für deine Bewerbung kannst du dir bei deiner Berufsschule einen aktuellen Notenstand besorgen. Mehr Infos zur Bewerbung findest du hier: http://www.azubi-azubine.de/bewerbung

Um deine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, kannst du auch Probearbeiten. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de,  oder www.ihk.de. Schau auch in der Zeitung und in den Stellenportalen im Internet nach oder frag im Bekanntenkreis und an der Berufsschule. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn. Du schreibst, dass du vielleicht schon einen Betrieb hast. Du solltest das auf jeden Fall nochmal ganz sicher abklären, ob das auch wirklich klappt!

2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist. Aufhebungsvertrag ist, dass es sich um eine vorzeitige Lösung des Ausbildungsverhältnisses im Einverständnis mit deinem Ausbilder handelt. Bei einem Aufhebungsvertrag gibt es keine Frist. Im Klartext heißt das, du und dein Ausbilder könnt das Beendigungsdatum auf einen beliebigen Zeitpunkt setzen. Falls du noch minderjährig bist, müssen deine Eltern den Aufhebungsvertrag auch unterschreiben. Du solltest im Vorfeld deinen Ausbilder auf einen Aufhebungsvertrag „vorbereiten“, damit dein Weggang nicht aus heiterem Himmel kommt. Erkläre ihm auch die Gründe für deinen Wechselwunsch und unterschreibe den Aufhebungsvertrag nur, wenn du schon sicher eine neue Ausbildungsstelle in der Tasche hast. Ein einmal unterschriebener Aufhebungsvertrag kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Du hast schon gemeint, dass das vielleicht nicht so einfach wird in deinem Fall, aber gerade wenn der Betrieb kurz vor der Insolvenz steht, wollen sie ja vielleicht Stellen abbauen? Nachfragen kannst du auf jeden Fall, falls du sicher einen neuen Betrieb gefunden hast.

3. Falls dein Betrieb nicht einverstanden ist mit einem Aufhebungsvertrag, dann kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein „wichtiger Grund“ vorliegt (§ 22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

  • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz
  • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
  • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten
  • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)
  • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
  • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt
  • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist
  • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)

Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angaben der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten), dann musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein, die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du schreibst, dass du keine Arbeitskleidung bekommen hast. Das ist keiner der Kündigungsgründe, die angeführt sind im BBiG. Außerdem hatte deine Freundin leider auch nicht Recht mit ihrem Rat, wie du selber ja auch schon vermutet hast. Du kannst nicht einfach wegen Betriebswechsel außerordentlich kündigen! Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen! Denn wenn deine Gründe für die fristlose Kündigung nicht ausreichen, hat dein Betrieb die Möglichkeit Schadensersatzansprüche innerhalb von drei Monaten nach Beendigung gegen dich geltend zu machen.

Als Vorbereitung einer fristlosen Kündigung ist es wichtig für dich Nachweise zu sammeln. Wenn du beispielsweise aufgrund von einer andauernden Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten fristlos kündigen möchtest, dann ist dein Berichtsheft mit der Aufzeichnung der ausbildungsfremden Tätigkeiten ein guter Nachweis. Wenn du aufgrund schwerer Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder Arbeitszeitgesetz kündigen möchtest, dann ist ein Dienstplan/Arbeitszeitnachweis für dich wichtig.

Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen. Hier ist ein Kontakt für dich:

IG BAU Siegen
Donnerscheidstr. 30
57072 Siegen
Telefon: 0271 5 32 55
Email: siegen@igbau.de

Da kannst du einfach anrufen, nach einem_einer Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

Viel Erfolg! Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

Liebe Grüße

Dr. Azubi

P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

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