Deutscher Gewerkschaftsbund

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Ausbildungsplatzwechsel/Kündigung

Hallo Guten Tag,

Ich erläutere Ihnen erstmal meinen Fall. 
Ich bin seit März 2020 in der ZFA-Ausbildung und habe jetzt 1 1/2 Jahre gemacht. Ich habe am 31.Mai.22 meiner bisherigen Praxis gesagt dass ich wechseln möchte und schon eine Zusage einer anderen Praxis habe. 
Mein Chef war natürlich sehr überrascht und möchte mich bis Ende der Sommerferien (bis zum 18 August) behalten. Da er noch keinen Ersatz gefunden hat. Ich habe mich vorab informiert das der Chef mind. 6-8 Wochen vorher von dem Wechsel erfahren soll (was ich auch gemacht habe. 
Die neue Praxis würde mich aber gerne ab dem 1.August.22 einstellen nur lässt mich meine Praxis nicht gehn. 

Hier nun meine Frage: Wenn mein Chef nicht einverstanden ist mit dem Aufhebungsvertrag ist es möglich dass ich Kündige aber weiterhin die Ausbildung machen kann. Oder wären die 1 1/2 Jahre die ich gemacht habe umsonst gewesen? 
Ich möchte nämlich gerne die Ausbildung beenden nur nicht mehr bei meiner jetzigen Praxis.

Danke im Voraus LG 

aina: 16.06.2022 |
  • RE: Ausbildungsplatzwechsel/Kündigung

    Hallo!

    Vielen Dank für deine Nachricht im Forum, wir freuen uns dass du dich mit deinem Anliegen an uns wendest und ich hoffe ich kann dir weiterhelfen.

    Eine Besonderheit an dem Beschäftigungsverhältnis der Ausbildung, ist im juristischen Sinne, dass sie nicht „normal“ also ordentlich gekündigt werden kann, wenn man den Beruf weiter lernen möchte.

    Wenn man den Beruf, bzw. die Ausbildung dazu aufgeben möchte, kann man einfach ordentlich kündigen mit einer 4 Wochen Frist.

    Aber das ist ja bei dir nicht der Fall, du möchtest ja gerne weiter den Beruf lernen. Da bleiben einem und das ist die Besonderheit, nur zwei Möglichkeiten. Zum einen den Aufhebungsvertrag, zum anderen die außerordentliche Kündigung aus wichtigem Grund.

    Damit du dir ein Bild machen kannst, wann man außerordentlich kündigen kann, hier ein paar Infos dazu.

    Du kannst außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§ 22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel

    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalige ausbleibende Ausbildungsvergütung

    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • Systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)

    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B. : Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. sexuelle Belästigung) dann kannst du sofort unter Angaben der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. ausbildungsfremde Tätigkeiten), dann musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein, die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Achtung: Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich und deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Wenn deine Gründe für die fristlose Kündigung nicht ausreichen, hat dein Betrieb auch die Möglichkeit Schadensersatzansprüche innerhalb von drei Monaten nach Beendigung gegen dich geltend zu machen.

    Es ist also gar nicht so leicht, außerordentlich zu kündigen, es kommt dabei maßgeblich darauf an, dass die gesetzlich normierten Gründe tatsächlich vorliegen. Ohne diese ist es nicht möglich.

    Die andere Option die bleibt, hast du schon erwähnt, ist der Aufhebungsvertrag. Auch wenn du den schon kennst, will ich dir ein paar Infos dazu geben, damit du bestens bescheid weißt, solltest du dazu mit deinem Ausbilder in die Verhandlung gehen.

    Ein Aufhebungsvertrag ist keine Kündigung! Im Unterschied zur Kündigung kündigt beim Aufhebungsvertrag nicht eine Partei der anderen. Beim Aufhebungsvertrag lösen Azubi und Ausbilder das Ausbildungsverhältnis in gegenseitigem Einvernehmen auf. Im Klartext heißt das beide, Azubi und Ausbilder wollen das Ausbildungsverhältnis nicht fortsetzen. Ein Aufhebungsvertrag kann also nur zustande kommen, wenn sich Ausbilder und Azubi einig sind. Den Zeitpunkt der Vertragsauflösung können Azubi und Ausbilder dabei frei vereinbaren, es gibt also keine Fristen, die eingehalten werden müssen.

    Der Aufhebungsvertrag wird zweimal angefertigt. Jedes Exemplar wird dann von Azubi und Ausbilder unterschrieben. Azubi und Ausbilder erhalten je ein Exemplar. Bei minderjährigen Azubis muss der Ausbildungsvertrag auch von dem gesetzlichen Vertreter, im Regelfall den Eltern, unterschrieben werden. Falls der Aufhebungsvertrag vom Betrieb aufgesetzt wird, solltest du den ganzen Vertrag gründlich lesen, vor allem das Kleingedruckte.

    Der größte Nachteil hier ist natürlich, dass ohne das Einverständnis deines Ausbilders, du das Ausbildungsverhältnis nicht verlassen kannst. Von dem was du geschrieben hast, schien dein Ausbilder ja aber ganz grundsätzlich bereit dazu, einen Ausbildungsvertrag zu unterschreiben. Möglicherweise lässt er sich dann auch darauf ein, das Ausbildungsverhältnis zum 01.08. aufzuheben. Den Zeitpunkt im Aufhebungsvertrag könnt ihr, wie erwähnt frei wählen.

    Eventuell hast du ja noch offene Urlaubstage, die im Aufhebungsvertrag berücksichtigt werden müssten. Vielleicht ist das ja ein Argument, einen früheren Aufhebungszeitpunkt anzunehmen.

    In beiden Fällen wird, auch im Falle einer außerordentlichen Kündigung, werden deine absolvierte Ausbildungszeit und deine Prüfungsleistungen weiter berücksichtigt und gehen nicht verloren.

    Wenn man ordentlich kündigen will, muss zum Zeitpunkt der Kündigung ein ernsthafter Wille vorgelegen haben, den Beruf aufzugeben. Das bedeutet aber nicht, dass du die Ausbildung in diesem Beruf nie wieder fortsetzen kannst. Du kannst deine Meinung auch wieder ändern, dich erneut bewerben und die Berufsausbildung in demselben oder in einem anderen Betrieb fortsetzen. Zum Zeitpunkt der Kündigung muss aber der ernsthafte Wille zur Berufsaufgabe vorliegen und du solltest diese Kündigung nicht verwenden, wenn du nur den Ausbildungsplatz wechseln willst. Wenn du ordentlich kündigst aber nur den Ausbildungsplatz wechseln willst und dein ehemaliger Betrieb dahinter kommt, kann er dich unter Umständen auf Schadensersatz verklagen. Zudem kann es zu Problemen mit der zuständigen Kammer beim Eintragen deines neuen Ausbildungsverhältnisses kommen.

    Wenn du weitere Unterstützung oder Rückendeckung brauchst, kannst du dich auch jederzeit an deine örtliche Gewerkschaft wenden. Vor allem, wenn du konkrete Hilfe bei der Verhandlung mit deinem Ausbilder benötigst.

    Hier ist ein Kontakt für dich:

    ver.di – Bezirk Hamburg

    Besenbinderhof 60

    20097 Hamburg

    Tel.: 040/890615-0

    E-Mail: service.nord-hh@verdi.de

    Da kannst du anrufen, nach einem_einer Jugendsekretär_in fragen und sagen, dass du von Dr. Azubi kommst. Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.

    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren willst, dann folge diesem Link: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/mitglied-werden

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 16.06.2022


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