Deutscher Gewerkschaftsbund

Achtung: Aktuelle Infos!

Betriebswechsel

Hallo Dr. Azubi, 

ich mache seit 03.08.2020 eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement. Ich bin mit einer andern Auszubildenden angefangen in den Abteilungen Service, Lager und Buchhaltung. Nur leider kenne ich bis jetzt noch immer nicht meinen Ausbilder der im Ausbildungsvertrag eingetragen ist, da er Langzeitkrank ist. Einen anderen Ausbilder mit Ausbilderschein gibt es nicht und dementsprechend lerne ich auch nichts was für meine Ausbildung wichtig ist. Meine täglichen Aufgaben sind das Telefon nehmen weil da keiner zu Lust hat und Aufgaben wie das Geschirr wegräumen und sauber machen, Zeitschriften mit dem Firmenstempel versehen und Akten anlegen. Also mir werden nur Aufgaben übertragen die absolut wenig mit der Ausbildung zutun haben. 
Dazu kommt, dass das Arbeitsklima dort Grotten schlecht ist und über mich und die andere Auszubildende viel gelästert wird. Ich werde auch desöfteren immer wieder diskriminiert und meine arbeitszeite wird immer angezweifelt. Zum Teil hat man Tränen in den Augen wenn man das mitbekommt, weil man nichts falsches macht außer das man ausgebildet werden möchte. Zum Chef rennen die Mitarbeiter auch wegen jeder Kleinigkeit wenn wir z. B. einen Fehler machen damit wir direkt erniedrigt werden. Ich weiß nicht mehr weiter, ich hätte einen Betriebswechsel vorgesehen weil ich denke das sich dort so nichts ändern wird (oder?) aber mit dem neuen Betrieb der mich nehmen würde bin ich mir auch unsicher, aber es wäre meine letzte Chance :/ 

Anna_2000: 03.09.2021 |
  • RE: Betriebswechsel

    Hallo Anna!

     

    Vielen Dank für deine Anfrage im Forum. Gerne helfen wir dir.

    Dein Betrieb muss dich im Rahmen des Ausbildungsrahmenplans ausbilden. Das heißt es müssen dir alle Inhalte vermittelt werden die dieser beinhaltet.

     

    Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http://www.bibb.de/de/berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!

    Du solltest unbedingt dafür kämpfen, dass deine Ausbildung nach dem Rahmenplan verläuft, denn sonst ist dein Ausbildungsziel gefährdet. Hier sind ein paar Tipps für dich, was du unternehmen könntest:

                                                                                                     

    1. Bitte deinen Chef um ein Gespräch und erkläre ihm ruhig und sachlich, dass du Angst hast, dein Ausbildungsziel nicht zu erreichen. Am besten nimmst du den Ausbildungsplan mit in das Gespräch. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.

     

    2. Wenn das Gespräch nichts bringt, solltest du den Ausbilder schriftlich auffordern. Hebe eine Kopie des Schreibens auf. Hier ist ein Musterbrief:

     

    Sehr geehrter Herr/Frau ____________,

    laut § 14 Berufsbildungsgesetz müssen Sie mich entsprechend des gesetzlichen und betrieblichen Ausbildungsplans ausbilden. Ich habe jedoch wichtige berufliche Fertigkeiten noch nicht erlernt, die ich zum jetzigen Zeitpunkt meiner Ausbildung längst beherrschen müsste. Einige Beispiele:

    -(Berufliche Fertigkeiten)

    -(Berufliche Fertigkeiten)

    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, mir die gesetzlich vorgeschriebenen Inhalte zu vermitteln und mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

     

    Mit freundlichen Grüßen,


    Unterschrift Azubi ____________

     

     

    Solltest du doch lieber den Betrieb für die Ausbildungswechseln wollen. Hier ein paar Tips wie du dabei vorgehen kannst:

     

    Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de,  oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

                        

    Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

     

    Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

     

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


     

    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

     

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.


    Hier ist ein Kontakt für dich:

     

    IG Metall Oldenburg

     

    Amalienstr. 18

    26135 Oldenburg

    +49 441 21857 0

    oldenburg@igmetall.de

    www.igmetall-oldenburg-wilhelmshaven.de

     

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst.... Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monate.

     

    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren willst, dann folge diesem Link: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/wer-wir-sind

     

     

    Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

     

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

     

    Liebe Grüße

     

    Dr. Azubi


    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

     

    Hier kannst du Mitglied werden

    https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/mitglied-werden

     

    Dr. Azubi: 04.09.2021


Neue Antwort

Die mit '*' gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

  
  
    

Ich habe die Datenschutzerklärung der DGB-Jugend gelesen.